The Visit – Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Regie: Michael Madsen)

Kontrollverlustängste

Ein Alien ist gelandet. Niemand weiß, was es will oder woher es gekommen ist. In „The Visit – Eine außerirdische Begegnung“ setzt der dänische Dokumentarfilmregisseur Michael Madsen ein extraterrestrisches Wesen Wissenschaftlerinnen und politischen Beratern gegenüber und lässt sie einen Erstkontakt durchspielen. Was sich zunächst wie das abstruse Rollenspiel eines Wochenendkommunikationsseminars anhört und mit naiven Fragen beginnt, denen das Unbehagen der Quasiprobanden dieser Versuchsanordnung noch anzumerken ist, entwickelt sich mit der Zeit zu einem aufschlussreichen Gedankenexperiment.

Nachdem die Experten Zuständigkeiten geklärt und kommunikative Strategien erarbeitet haben, die keine Wirkung zeigen, da das Alien stumm bleibt, wird ein Forscher in das Raumschiff der außerirdischen Lebensform geschickt. Doch im Zentrum des imaginierten Gefährts bekommt der Mensch nicht die erhofften Antworten. Stattdessen trifft er auf Zeichen der eigenen Kultur. In seinem orangefarbenen Raumanzug wandelt der Wissenschaftler nach einem Gang durch die Dunkelheit plötzlich barocke Säulengänge und Bibliotheken entlang, betrachtet Skulpturen, Gemälde und Modelle der menschlichen Anatomie. Die Frage nach dem Wesen des für den Zuschauer unsichtbar bleibenden Außerirdischen führt geradewegs zu Fragen über die fundamentalen menschlichen Werte und Beziehungen. Der erhoffte Dialog mit dem fremden Wesen wird zur Therapiesitzung für die Menschheit, in der die Fragestellerinnen sich die Antworten nach und nach selbst geben. Und der Mensch definiert sich nun einmal vor allem über seine Kultur. Das erklären auch die Experten, als sie (parallel zum Betreten des Raumschiffes) von der Voyager-Mission sprechen und darlegen, welche Daten auf der goldenen Schallplatte 1977 auf die Reise geschickt wurden. Vielleicht findet „The Visit“ in dieser unscheinbaren Einstellung der Voyager-Sonde, die im unerhörten Schwarz des Weltalls verschwindet, zu seinem treffendsten Ausdruck. Die beiden Voyager-Sonden werden das letzte Zeugnis unserer Existenz sein.

Was die Daten der Voyager-Sonden nicht enthalten, sind Negativbeispiele menschlichen Handelns. Krieg, Umweltzerstörung, Sklaverei, all das wird ausgeblendet. Prozesse des Suchens, Findens und daraus entstehende Ängste, Konflikte und der Wunsch nach Beherrschung dieser Ängste sind jedoch sehr stark miteinander verbunden. Diese Angst vor einem Kontrollverlust gegenüber dem Fremden ist „The Visit“ in die DNA geschrieben.
Schon in seinem Segment des Episodenfilmes „Kathedralen der Kultur“ (D 2014; R: diverse) hat sich Michael Madsen mit Fragen der Kontrolle auseinander gesetzt und entgegen des programmatischen Titels den Alltag im „Halden Prison“ abgebildet. Madsen zeigt in seiner Episode das „humanste“ Gefängnis der Welt als einen Ort perfekter Mechanismen der Überwachung und verwandelt ihn dank einer Aneinanderreihung von Zeitlupenaufnahmen in einen irrealen, der Zeit entrückten Ort. In „The Visit“ stellt Madsen den Interviewsituationen ebenfalls Zeitlupenaufnahmen an die Seite, die wie in „Halden Prison“ auf einen besonderen Erfahrungsmodus verweisen und zur Reflexion einladen. Die Verlangsamung evoziert ein Gefühl stillstehender Zeit im Angesicht der Begegnung mit der dritten Art. Doch obwohl die Zuschauerin in der intensiven Betrachtung die Kontrollgewalt zu behalten scheint, da sich nichts ihrem Blick entziehen kann, ermöglichen die Zeitlupenaufnahmen in ihrer Glätte und der beschränkten Motivpalette keinerlei Erkenntnisgewinn. Die Bilder werden so zu Manifestationen des Unheimlichen und des Kontrollverlustes im bemühten Versuch die Kontrolle zu behalten.

„Der Mensch würde eher alles zerstören, als die Illusion aufzugeben, dass er alles unter Kontrolle hat“, lautet ein zentraler Satz im Film und er trifft ebenso auf „The Visit“ selbst zu. Über die endlosen Wiederholungen von Militärübungen, Innenräumen des UNO-Hauptquartiers in Wien und nichtssagenden Straßenaufnahmen arbeitet sich der Film trotz einiger herausragender Bildfindungen zu sehr am eigenen fotografischen Kanon ab und verpasst die Gelegenheit sich einer tiefgreifenderen Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragen zu stellen. Der Regisseur könnte ja die Kontrolle über seinen Film und sein Sujet verlieren. Dabei wäre hier die Chance des Filmes gewesen, Angst (vor dem Kontrollverlust) als Krise der Erkenntnisfähigkeit zu erforschen und sich selbst ein wenig dem (ästhetischen) Kontrollverlust hinzugeben.

Benotung des Films :

Ricardo Brunn
The Visit – Eine außerirdische Begegnung
(The Visit - An Alien Encounter)
Dänemark, Irland, Österreich, Finnland, Norwegen 2015 - 83 min.
Regie: Michael Madsen - Drehbuch: Michael Madsen - Produktion: Lise Lense-Møller - Kamera: Heikki Färm - Schnitt: Nathan Nugent, Stefan Sundlöf - Musik: Karsten Fundal - Verleih: farbfilm Verleih - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Mazlan Othman, Paul Beaver, Janos Tisovszky, Michael Boyce, Niklas Hedman, Sheryl Bishop, John D. Rummel, Doug Vakoch, Chris McKay, Jacques Arnould, Chris Welch
Kinostart (D): 22.09.2016

DVD-Starttermin (D): 17.02.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3833746/?ref_=nv_sr_2
Link zum Verleih: http://www.farbfilm-verleih.de/filme/the-visit/?context=he

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