The Tree of Life

(USA 2011; Regie: Terrence Malick)

Chefetagen

Also, zunächst mal eines. Gott existiert nicht. Das ist inzwischen leider einigermaßen verbürgt. Auch wenn es noch Leute gibt, die immer noch das Gegenteil glauben, und das sind Leute aller Couleur, die u.a. dafür Kriege anzetteln, sich in die Luft sprengen oder Kinder ficken, weil ihr Glaubegott ihnen verbietet, mit Erwachsenen Sex zu haben, aber Kinder, irgendwie aus Versehen, bei seinen Obstruktionen nicht erwähnte.

Bedaure, ich musste diese Prämisse vorausschicken, weil der diesjährige Sieger der Filmfestspiele von Cannes im Kern genau und dauernd und ausdauernd von der gegenteiligen Prämisse ausgeht. Der Film „The Tree of Life“ von Terrence Malick wird über zwei Stunden lang nicht des Zwiegespräches müde, mit … „Gott“. Mit anderen Worten, er propagiert und praktiziert politisch benutzbaren und gesellschaftlich integrierten wenn nicht Wahn-, dann doch wenigstens Schwachsinn. Cannes-Sieger, das. Aha. 2011, das Jahr, in dem die Deppen wiederkehrten, oder wie?

Jedoch wir wollen nicht vorschnell schimpfen, bevor wir erwähnten, worüber: Eine ätherische, junge Mutter von zwei oder drei permanent sich durch den amerikanischen Vorgarten rollenden und tollenden guten amerikanischen Jungens (zwei oder drei, man wird es nie erfahren, und im Angesicht Gottes ist eine Zahl auch eben nur eine Zahl), von denen einer oder zwei (auch hier bleiben wir uninformiert, aber was solls, solange der Herr seine Schäfchen im Blick und gezählt hat) an irgendetwas (ob es ein ferner Krieg oder das Bedürfnis nach motherfucking war, weiß allein der Herr) gestorben sind, ist leider mit Brad Pitt verheiratet, was bekanntlich wenigstens zum chronischen Leiden unter Gesichtsausdrucksverarmung führen muss, denn Brett spielt auch so wie eins, und keine aufsteigende Darstellerin, so wie Jessica Chastein, ist für ihren weiblichen Pitt-Counterpart zu beneiden.

Hinzu kommt, dass Pitt in diesem Film lustigerweise gleichzeitig versucht a) seine Kinder zu Schlägern (also zu leistungsfähigen Geschäftsleuten) zu erziehen, b) ihnen die Welt der schönen Künste (der Musik, especially Bachs Toccata) aufzuoktroyieren, und c) ihnen diesen ganzen amerikanischen Stuss von „Grundstücksgrenzen“ beizubiegen. Kein Wunder, dass naturorientierte Kinder irgendwann beim Mittagessen auf den Tisch hauen und sagen: „Papa, halt jetzt mal die Klappe, – BITTE!“

Dass das Wörtchen „bitte“ in diesem Kontext zwar schon einen gewissen Erziehungserfolg beweist, würde Pitt nicht abstreiten wollen, aber dem Vater den Mund verbieten, das geht nicht. Soviel Empathie für den 40er, 50er oder 60er-Jahre-Papa (die Zeit ist definitiv auch nicht definiert) möchte der differenzierte Spielfilm bei aller Kritik doch schon für sich reklamieren dürfen.

Fest aber gleichwohl steht, dass Pitt nicht abendfüllend und eine Hackfresse noch keine Bank ist. Daher bedarf es mehr Kosmos, und wie man an Cannes sieht, macht der mit Erfolg und im großen Stil die Brett-Kleinbürgerkinderstube wett, die übrigens auch von der entweder ätherischen oder sonst eher kleinlauten aber umso mitfühlenderen Mutter nicht über Gebühr mit Interesse aufgeladen wird.

Und Kosmos ist bei Malick Sternennebel, Lava, Qualle, Welle, Zelle oder Ei, oder alternierend auch mal der eine oder andere Dino, weil die alle ja auch mit der kleinbürgerlichen Familie in der Mitte der USA in der Mitte des 20. Jahrhundert sowas von kompatibilieren.

Nein, Entschuldigung. Wenn man anstatt Kosmos oder Natur oder All das Wörtchen Schöpfung verwendet, wendet sich automatisch der Gedanke und der Blick, so wie die Kamera am Ende jedes Gedankens und damit jeder Einstellung nach oben, also dahin, wohin die Mama dieser nervigen Mittelschichtsfamilie ihren Finger streckt und behauptet, es wohne dort Gott (selbiger, vom Himmel aus, nicht nur nicht tot, sondern auch nicht müde, antwortet mit einer Surround-Version von Smetanas „Moldau“ – nicht das einzige klassische musikalische Motiv, mit dem wir den heutigen Abend von Gott zugedröhnt werden. [eine dahinter liegende Malick-Theorie vermutlich: alle genialen Musikstücke sind von Gott inspiriert, deshalb kann ich sie alle für meinen Gottesfilm als kausale Momente einsetzen, denn: Malick hat ja mit „The Tree of Life“ nichts Geringeres unternommen, als uns „Gott ist Sinn des Lebens“ zu veranschaulichen, unter Ausbeutung aller vorhandenen Überwältigungsmittel: Bild (vom „2001“-Special Effects-Mann Trumbull beraten, Ton: von Klassikern u.a. der Sakral-Tonkunst).

Nun. Also. Zurück. Die Fünfziger, einigen wir uns auf die Fünfziger, sind ja ganz nett als Problemhintergrund, als Lebenssuppenfond, aber so richtig existenziell kann für uns ein Film über den „Baum des Lebens“ doch nur sein mit Bezug zu uns selbst, also zum Hier und Heute und zu unserem aktuellen Leben: Welches wir mit einem einigermaßen in Würde vergreisenden Sean Penn als chronischen Aufsteiger zu den höheren Etagen von Wolkenkratzern problemlos identifizieren können. Dieser also ist aus uns geworden, erschreckt begreifen wir: verstockt, verschrumpelt und verstummt, bewegen wir uns, bewegt sich der arme reiche Sean von Etage drei zu Etage dreißig, hoch und höher im gläsernen Fahrstuhl, in gläsernen Gebäuden, die dem Himmel anmaßend nahe sein wollen, obgleich sie doch Menschengeschmeiß sind.

Aber mit seiner Brett-Pitt-Vater-Vorgeschichte braucht unser Sean plötzlich überhaupt nicht mehr lange, um (nach langen Jahren der Anpassung) seine materielle Vergeblichkeit zu realisieren und dann doch lieber, so wie Jesus oder die Band America (seinerzeit on a horse with no name), schließlich die Wüste und endlich den Strand der einsamen Seelen zu besichtigen, wo man schließlich mit allen Ex-Verwandten bis zum Sonnenuntergang Liebkosungen austauschen, herumlatschen und darauf hoffen kann, dass das Jenseits aber nun wirklich netter als das Diesseits sein wird.

Dergleichen Widerlegtes also gewinnt in Cannes – und verliert, in diesem Fall, in der filmgazette.

Zur Erinnerung: Es gibt keinen Gott. So leid es mir tut. Der beste Gegenbeweis ist: Würde es einen Gott geben, dann würde er keinen Schmarrn wie „The Tree of Life' zulassen.

Link zu einer weiteren Filmkritik

Benotung des Films :

Andreas Thomas
The Tree of Life
(The Tree of Life)
USA 2011 - 138 min.
Regie: Terrence Malick - Drehbuch: Terrence Malick - Produktion: Brad Pitt, Grant Hill - Kamera: Emmanuel Lubezki - Schnitt: Daniel Rezende, Billy Weber - Musik: Alexandre Desplat - Verleih: Concorde - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain, Fiona Shaw, McCracken, Laramie Eppler, Tye Sheridan, Joanna Going, Jackson Hurst, Crystal Mantecon, Kimberly Whalen, Zach Irsik, Will Wallace
Kinostart (D): 16.06.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0478304/

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