The Look of Silence

(GB/DK/NOR/Indonesien 2014; Regie: Joshua Oppenheimer)

Das Gestern im Heute

Ein Teilaspekt des unvergleichbaren Dokumentarfilms „The Act of Killing“ aus dem Jahr 2012 bestand in der anthropologisch-psychologisch-ethischen Fragestellung: Was passiert mit Menschen, wenn sie für das, was in den meisten funktionablen Gesellschaften als Kapitalverbrechen bewertet wird, wenn sie für vielfache, bestialisch verübte Morde Jahrzehnte im Nachhinein nicht belangt oder bestraft werden, sondern zu Helden des Volkes erklärt werden?

Im Indonesien der Gegenwart, so der Regisseur der Filme „The Act of Killing“ und „The Look of Silence“ Joshua Oppenheimer, fühlte er sich, als würde er 40 Jahre nach dem Holocaust nach Deutschland kommen und die Nationalsozialisten treffen, die noch immer an der Macht wären. Denn der an über einer Million Indonesier Mitte der sechziger Jahre begangene Völkermord, den die durch die USA unterstützte Putsch-Regierung unter Suharto initiierte, wird dort bis heute als einzig legitimes Mittel gegen die vermeintliche Gefahr durch die „Kommunisten“ propagiert.

Was also geschieht mit einem Menschen, der zu einem vielfachen Mörder geworden ist, wenn ihm wiederholt versichert und im Nachhinein bestätigt wird, dass er das Richtige getan hat und wenn er sich das selbst auch sagt? Konkreter: Kann jemand damit unbekümmert und im Einklang mit sich selbst so weiter leben, als wäre nichts geschehen?

Im Film „The Act of Killing“ ließ Oppenheimer eine Reihe der Männer aus den alten Todesschwadronen (es sollen Tausende Männer gewesen sein, die an den Morden beteiligt waren) vor der Kamera darüber berichten, was sie seinerzeit getan hatten, und die meisten waren anscheinend geradezu froh, endlich detailliert über ihre Grausamkeit berichten zu können. Mit einer Mischung aus Prahlerei und Bekenntnis stellten sie sich der Kamera. Viele hatten sogar das Bedürfnis, ein Reenactment aufzuführen, mit Todesschreien, Macheten und Blutschminke. Wenige berichteten auch von Alpträumen, die sie bis jetzt plagten und einen von ihnen befiel am nach Jahrzehnten wieder aufgesuchten Tatort ein hartnäckiger Würgereiz.

Was in „The Act of Killing“ geschah, war einzigartig: Mörder berichteten freiwillig und ausgiebig über ihre Taten, über Morde, die seit Jahren totgeschwiegen wurden, und wenn Film Kunst ist, dann beweist „The Act of Killing“, dass Kunst die Welt verändern kann. Denn als der Film in den Kinos Indonesiens gelaufen war, iniitierte er dadurch eine Auseinandersetzung der indonesischen Öffentlichkeit mit einem lange unter Angst und Terror begrabenen Thema.

Der Film zeigte die Verantwortlichen und er beschäftigte sich mit ihren Taten, aber alles wirkte zugleich irreal und dem Massenmord haftete etwas Phantastisches an, so als existiere er nur in den Köpfen der Täter. Vielleicht lag das zum Teil daran, dass ja bis dato offiziell nie darüber gesprochen werden durfte, und vielleicht lag es auch daran, dass der Film keine Verbindung zur Gegenwart herstellte, denn wovon darin die Rede war, war eine vermeintlich abgeschlossene, eine vergangene Vergangenheit ohne einen biografischen und damit historischen Bezug zum Heute.

Genau diesen Bezug und damit eine „Verifizierung“ der Gräuelgeschichten aus dem Vorgängerfilm schafft nun Oppenheimers neuer Dokumentarfilm, „The Look of Silence“, indem er in seinen Mittelpunkt den Bruder eines in den sechziger Jahren ermordeten „Kommunisten“ platziert, einen Mann, der erst nach dem Tod seines Bruders geboren wurde. Einen heute lebenden Menschen, auch schon Ende der Vierzig, dem vor fast einem halben Jahrhundert der Bruder genommen wurde, und seine zwei Eltern, deren erster Sohn ermordet wurde, drei Personen als Nachweis des Fehlens eines Menschen und zugleich als Verifizierung der Tatsache, dass die Geschichten aus „The Act of Killing“ in keiner Weise übertrieben waren.

Denn was der lebende Bruder Adi über den Tod Ramlis, des älteren erfährt, ist mit dem Begriff „Mord“ nur unzureichend erfasst. Mit Macheten wurde er bei lebendigem Leib verstümmelt und gequält. Man sollte ohnehin meinen, dass die Todesschwadronen besonderen Wert auf äußerste Brutalität legten. Vielleicht weil sie glaubten, dadurch die Rest-Bevölkerung noch mehr einschüchtern zu können.

Die Essenz des Unerträglichen und zugleich die Vergegenwärtigung der Tragödie eines ganzen Volkes entsteht aber erst vollends, weil Oppenheimer Adi mit den Mördern seines Bruders zusammenführt. Offenbar meist unter dem Vorwand, seine Sehstärken zu testen, lenkt er das Gespräch mit dem jeweiligen inzwischen älteren Mann auf jene vergangene Tat, derer der Täter zunächst sich rühmt, bis er erfährt, dass er den Bruder des Ermordeten vor sich hat, der dann sogar wagt ihn von Angesicht zu Angesicht zu fragen, ob er denn seine Tat niemals bereut habe?

„The Look of Silence“ geht als Dokumentarfilm an die Grenzen aller bisher gedrehten Filme über Mord und Verlust oder Schuld und Sühne. Aber er betritt auch als ein rein menschlicher Akt, als den man diesen Film auch verstehen kann, Neuland, indem er die gebräuchlichen Kategorien von Recht und Unrecht, von Gewalt und Gegengewalt, oder schließlich von Verbrechen und Strafe überschreitet und hinter sich lässt. „The Look of Silence“ verhandelt die Gewalt und den Schmerz und eine Geschichte der Gewalt und des Schmerzes, indem er das Schweigen darüber bricht und eine Frage direkt an die Betroffenen stellt. Wie erträglich sind diese Gewalt und dieser Schmerz für die Hinterbliebenen und wie erträglich sind sie eigentlich für die Täter? Im Zulassen und Aushalten dieser Frage liegt seine große Stärke. In Indonesien wurde er zum besten Film des Jahres gewählt.

Benotung des Films :

Andreas Thomas
The Look of Silence
Großbritannien, Dänemark, Norwegen, Indonesien 2014 - 103 min.
Regie: Joshua Oppenheimer - Drehbuch: Joshua Oppenheimer - Produktion: Signe Byrge Sørensen - Kamera: Lars Skree - Schnitt: Nils Pagh Andersen - Musik: Seri Banang, Mana Tahan - Verleih: Koch Media - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung:
Kinostart (D): 01.10.2015

DVD-Starttermin (D): 28.01.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3521134/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.