The End of Time

(CH / CA 2012; Regie: Peter Mettler)

A Time Odyssey

Der Klappentext der DVD verspricht ein „Filmessay“ „an den Grenzen dessen, was ausdrückbar ist“, wobei noch einmal ausdrücklich darauf hinzuweisen wäre, dass die Grenzen des eindeutigen Ausdrucks bereits vom Filmtitel weit hinter sich gelassen werden: „The End of Time“, was ist denn das? Der Tod? Der Urknall als das Versagen aller wissenschaftlichen Vorstellungskraft? Das tranceartige Versinken im Zeitenlauf? Der Titel konfrontiert mit einer Wendung, die des Kontexts bedarf. Wenn schwere Begriffe wie Ende und Zeit zusammenkommen, klingen letzte, große Fragen an, was wiederum zur Frage führt, ob die zu erwartende Kontextstiftung noch Film oder nicht schon vielmehr Essay sein wird – was wäre solch abstrakten Begriffen angebrachter als ein Konvolut philosophischen Dickichts vor dem Horizont des Sinns von Sein?

Peter Mettler lenkt seinen Film in eine andere Richtung: „Man muss nicht alles, was man sieht, benennen können“, heißt es in den ersten Minuten, als mannigfaltige Wolkenmassen über die Bildfläche ziehen, walzen und schwingen, gleich nachdem Joseph Kittinger vom mittlerweile Red-Bull-vorbelasteten Archivmaterial ein weiteres Mal in dieselben gestürzt wurde. Den Kontext stellen in „The End of Time“ in erster Linie die bewegten Bilder her, die an unterschiedlichsten Drehorten gefilmt wurden und von Interviews der dort lebenden, forschenden oder arbeitenden Menschen kommentiert, oder, wenn man so will, mit Worten benannt werden, die so vage bleiben, dass sie noch dem skeptischen Anfangszitat gerecht werden. In den einander so fremd erscheinenden Orten sucht Mettler in Bild wie in Sprache Gleichförmigkeiten, die ein symbolisches Gerüst als einzigen Ankerpunkt erschaffen, der die etwas in der Luft hängenden einzelnen Filmepisoden davor bewahrt, in die Wolken fortzutreiben. So gehen zum Beispiel die Teilchenbewegungen am Schluss der CERN-Besichtigung in ein Schneegestöber über. Und wenn kurz darauf die flüssigen Lavalandschaften Hawaiis – die im einen Moment lasziv anmuten und im nächsten schon unheimlich – bis an die Küsten fließen und zu Gestein gefrieren, so denkt man an den „Feuerball“, mit welchem ein Forscher am CERN das frühe Universum am Anfang der Zeit beschreibt, das sich über die Jahrmilliarden zu seinem heutigen Zustand abgekühlt hat.

In der starren Architektur des CERN tummeln sich Menschen, während die vulkanischen Gegenden auf Hawaii selbst fließen: Ausgerechnet in einem Film über das Ende der Zeit findet man zunächst soviel Bewegung. Immer ist etwas unruhig, und sind es nicht die gezeigten Objekte, so ist es die Kamera, die schwenkt – als ob gerade die bewegten Bilder durch den Lärm des Gezeigten das titelgebende Ende bereiteten. Im Umkehrschluss müsste der Lauf der (Film-)Zeit eigentlich umso mehr im Stillstand gewahr werden. Zum Ausdruck bringen dies die Aufnahmen von Detroit, das als Hochburg der Autoindustrie schon lange vor den Krisen der letzten Jahre von Abwanderung betroffen ist. Geleerte Fabrikshallen haben dort leere und vereinsamte Straßenzüge zur Folge, die Mettler mitunter in stillstehenden Bildern eingefangen hat, welche nicht nur eine stillgelegte Produktion vermitteln, sondern auch die unerträgliche Kehrseite des Alltags einer Epoche, der von Konzernen wie Ford eine neue Zeiterfahrung verschafft wurde. Im Kontrast dazu beschwört ein Elektronikkonzert den Moment des Jetzts; freilich können die Bilder und Töne davon nur offen lassen, ob es mit diesem Alltag bricht oder ihn bloß übertüncht. Indessen wird auf der anderen Seite der Erdkugel Zeit als Trug entlarvt, der in der Meditation aufgehoben werden kann – aber wieder sehr spürbar wird in der Todes-Erfahrung, auf die daraufhin hinduistische Begräbnis- und Trauerrituale verweisen. Spätestens an dieser Stelle fragt sich, ob ein einziger Zeitbegriff all diesen Erfahrungen, all diesen Kontexten gerecht wird, und was eine Aneinanderreihung all jener überhaupt zu tun imstande ist.

Im letzten Filmdrittel folgt wieder der technische Blick, jetzt in die Weiten des Alls, das ebenso wenig wie der Mikrokosmos der Teilchenphysiker zum Stillstand gelangt. Der Sonnen-Feuerball macht wieder die Kreisform prominent, die in der Gestalt des Teilchenbeschleunigers bis zu jener der Mandalas vorgefunden wurde, und die schließlich in ein symbolisch aufgeladenes Finale führt, das den Eindruck erweckt, als hätte Stanley Kubrick gemeinsam mit Douglas Trumbull den Sprung von Felix Baumgartner inszeniert. Was bleibt also zuletzt? Wunderschöne Aufnahmen und interessante Einzelepisoden, während der Versuch des Films, Zusammenhänge zwischen diesen herzustellen, mitunter sonderbare metaphysische Züge annimmt.

Die DVD ist mit der Originalversion des Films, zuschaltbaren Untertiteln in französischer und deutscher Sprache sowie dem Filmtrailer ausgestattet.

Benotung des Films :

Lukas Schmutzer
The End of Time
Schweiz / Kanada 2012 - 109 min.
Regie: Peter Mettler - Produktion: Gerry Flahive, Brigitte Hofer, Cornelia Seitler, Ingrid Veninger - Kamera: Camille Budin, Peter Mettler, Nick de Pencier - Schnitt: Peter Mettler, Roland Schlimme - Musik: Gabriel Scotti, Vincent Hänni - Verleih: Real Fiction - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Richie Hawtin, Peter Mettler
Kinostart (D): 09.05.2013

DVD-Starttermin (D): 14.02.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2176504/

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