The Artist

(F / B 2011; Regie: Michel Hazanavicius)

Eine wahre Geschichte der Illusion

Die Reflexion über das Medium Film und seine Geschichtlichkeit bildet den Subtext von Michel Hazanavicius’ Neo-Stummfilm “The Artist”. Indem er mit einer Fiktion zweiten Grades beginnt und seinen Protagonisten George Valentin (Jean Dujardin) von einem Ort hinter der Leinwand auf sein seitenverkehrtes Abbild blicken lässt, reiht der französische Regisseur sein Werk ein in jene lange Traditionslinie von Filmen, in denen die Arbeit an der filmischen Illusion im Mittelpunkt steht. Als Film-im-Film markiert „The Artist“ immer wieder die Schnittstelle zwischen Realität und Abbild, Traum und Wirklichkeit. Die Rekonstruktion der Stummfilmära mit den Mitteln fiktionaler Brechung findet als Spiel mit dem Abbild gleich zu Beginn einen originellen Weg, um eine dramatische Liebesgeschichte zu etablieren: Während sich der ebenso gefeierte wie gefallsüchtige Stummfilmstar George Valentin im Blitzlichtgewitter sonnt, gerät sein weiblicher Fan Peppy Miller (Bérénice Bejo) mit aufs Bild und damit aufs Titelblatt der „Variety“.

„Who’s that girl?“, lautet die verfängliche Schlagzeile dazu. Und so kreuzen sich die Wege der beiden in sich abstufenden Fiktionalitätsgraden bald im Filmstudio, auf dem Set und in den erzwungenen Unterbrechungen der Dreharbeiten. Denn es ist gerade der bezaubernde Charme dieser Zäsuren, der die Illusion sowohl durchbricht als auch steigert. Nichts ist wirklich in „The Artist“; alles folgt einer spielerischen Logik der Kunst. Und doch erzählt der Film auch eine wahre Geschichte: Wie einerseits ein Stern sinkt und andererseits ein Star geboren wird und dabei am Ende einer Ära der Stummfilm vom Tonfilm abgelöst wird. In einer der diesbezüglich schönsten Szenen wird das offene Treppenhaus im Studio des Produktionschefs zur Metapher: Während George Valentin melancholisch und ernüchtert aus dem Olymp der Stummfilmstars herabsteigt, bewegt sich die Statistin Peppy Miller auf ihrem Weg zum Tonfilmstar treppauf.

Insofern handelt „The Artist“ vor allem vom Abrutschen eines Schauspielers ins Vergessen und den Suff; und umgekehrt proportional dazu vom gefeierten Aufstieg einer Schauspielerin. Von gesellschaftlichem und psychologischem Interesse erscheint dabei, dass diese negative Spiegelung nicht nur mit einer Umkehrung der Geschlechterverhältnisse, sondern auch mit einer regelrechten (materiellen) Einverleibung des Mannes durch die Frau einhergeht. Doch auch wenn sich daraus gewisse Parallelen zur derzeitigen digitalen Revolution im Kino ableiten lassen, plädiert Hazanavicius auf sehr unterhaltende und versöhnliche Weise für eine ästhetische Vermählung der Systeme und für die Integration des Alten ins Neue. Mit einem filmgeschichtlichen Augenzwinkern wird dabei der Stepptanz zum Vehikel für die Wahrung der Identität.

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Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
The Artist
(The Artist)
Frankreich / Belgien 2011 - 100 min.
Regie: Michel Hazanavicius - Drehbuch: Michel Hazanavicius - Produktion: Thomas Langmann, Emmanuel Montamat - Kamera: Guillaume Schiffman - Schnitt: Anne-Sophie Bion, Michel Hazanavicius - Verleih: Delphi - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle, Malcolm McDowell
Kinostart (D): 26.01.2012

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1655442/

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