Taxi Teheran

(IR 2015; Regie: Jafar Panahi)

Selfie-Kino

Jafar Panahi ist der Meister der Schlüsselsituation. „Aufhängen!“, brüllt der Mann. „Alle hinrichten!“ Wer andere beklaut, zum Beispiel Autoräder, der muss sofort umgebracht werden, von Staats wegen. „Sagen Sie mal, was arbeiten Sie denn?“, fragt die Frau, die im Taxi neben ihm sitzt. Der entgegnet: „Ich bin selbstständig tätig. Als Straßenräuber.“

Auf die Berlinale geschmuggelt soll der iranische Meisterregisseur seinen Film „Taxi“, der dort dieses Jahr den Goldenen Bären gewann. Eigentlich hat Panahi Berufsverbot und Gefängnisstrafe, die ist jedoch ausgesetzt. Beides nimmt er nicht recht ernst, die iranischen Autoritäten wohl auch nicht: Es ist nun schon der dritte Film des Regisseurs seit der Verurteilung, immer hat er sich auf intelligente Weise mit der jeweiligen Situation arrangiert.

Panahi liebt sein Publikum. In gerade 80 Minuten entwirft er ein Gesellschaftsbild der islamischen Republik Iran, vielleicht sogar ein sympathisches, denn es steigen noch ganz andere Charaktere in Panahis Fahrzeug, der sich hier als Chauffeur verdingt. Und sich und seine Gäste nicht ganz uneitel mit versteckten Kameras filmt.

Dann kommt „Film-Omid“, der mit Raubkopien handelt. Mit dem Taxi als Verkaufsraum und dem Regisseur am Steuer, so der windige Dealer, verkauft sich „Vicky Christina Barcelona“ um einiges besser. „Ich war schon bei Ihnen, sie wollten alle Woody-Allen-Filme haben.“ Ein Vorbereitungsgespräch sozusagen, bis die Hauptdarstellerin dieses wunderbaren Films kommt: Hana, die zehnjährige Nichte Panahis. Sie wird von der Schule abgeholt, heute war Filmstunde. Das Kind weiß natürlich besser als der Profi, wie man Kino zu machen hat, die Lehrerin hat gesagt, wie. Naseweisheit at it‘s best.

Die Sprache dieser Art Kino ist rudimentär und gleichzeitig cool, ihre Struktur die des Selfie. Kino als Introspektion eines globalen Geschehens. Eine Steigerung ist immer möglich: Etwa wenn die Anwältin der jungen Frau namens Ghoncheh Ghavami einsteigt. Ghavami hatte einem Volleyballspiel der Männer zugeschaut, und das ist im Iran verboten. „Ich habe jetzt Berufsverbot“, sagt die Juristin.
So wie Panahi eben. Kino im Kino, genial. „Ich bin Filmemacher“, sagt er. „Ich kann nichts anderes als Filmemachen.“

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 08/2015

Hier gibt es eine weitere Kritik zu 'Taxi Teheran'.

Benotung des Films :

Jürgen Kiontke
Taxi Teheran
Iran 2015 - 82 min.
Regie: Jafar Panahi - Drehbuch: Jafar Panahi - Produktion: Jafar Panahi - Kamera: Jafar Panahi - Schnitt: Jafar Panahi - Verleih: Weltkino - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Jafar Panahi
Kinostart (D): 23.07.2015

DVD-Starttermin (D): 29.01.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4359416/

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