Streif – One Hell of a Ride

(AT 2014; Regie: Gerald Salmina)

Kulissen hinter Kulissen

Das Hahnenkammrennen in Kitzbühel ist ein alljährliches Großereignis, bei dem sich in den Disziplinen Abfahrt und Super G Skifahrer die sog. Streif hinunterwerfen, die nur für das Rennen präpariert wird und sonst nicht als reguläre Piste gekennzeichnet ist. Es handelt sich um eine der anspruchvollsten wie auch gefährlichsten Abfahrten der Welt. Das stellt ein spannendes und ergiebiges Feld für einen Dokumentarfilm dar, lädt doch nicht nur die Komplexität des Sports, sondern auch dessen mediale Verarbeitung zu einem Blick ein, den sonst nur Eingeweihte besitzen. Der demnächst anlaufende „Streif – One Hell of a Ride“ erlaubt sich allerdings so viele Schnitzer, dass er auf halbem Weg selbst auf der Strecke bleibt. Zum Verhängnis wird ihm, dass das Rennen in Kitzbühel bereits jedes Jahr von den österreichischen Medien dokumentiert wird (Rundfunk, Tageszeitungen etc., und dies mit nicht wenig Aufwand), während der Film „Streif“ es in keinem Moment schafft, eine Bildsprache oder irgendeine Form von Diskurs zu entwickeln, die oder der sich qualitativ von dieser Berichterstattung absetzen würde – der Film reproduziert in erster Linie das, mit dem der sportinteressierte Österreicher ohnehin in jedem Januar betäubt wird. Das Problem ist also nicht die Intention als solche, der Strecke, den Athleten und nicht zuletzt auch den Organisatoren des Rennens ein filmisches Denkmal setzen zu wollen, sondern die Rhetorik des Spektakels, mit der dies geschieht und die das, was der Film an Information enthielte, erstickt. Anstatt eines versprochenen Blicks hinter die Kulissen werden nur neue aufgestellt.

Das mit viel Aufwand gedrehte Material wird in eine Dramaturgie gedrückt, mit der das Rennen gepriesen werden soll, indem eine Bewegung von Einzelheiten (Organisation, Training und Eindrücke der Athleten, Rekapitulation der Geschichte des Rennens) hin zum großen Ganzen (dem Rennen, wie es 2014 abgehalten wurde) vollführt wird. Wenn dann als Höhe- und Schlusspunkt die Abfahrt erstmals am Stück gezeigt wird, ist der Spannungsbogen längst überspannt und der Zuschauer von der vorangegangenen Bilderflut gesättigt. Zwar wird versucht, die Abfahrt in einem unbedarften ästhetischen Kontext zu zeigen, doch auch ungewohnte Kameraeinstellungen und pathetische Musikuntermalung (anstatt Zeitmessung und Kommentar wie in der Live-Übertragung) reichen nicht hin, um hier ausreichend neue Facetten zu eröffnen, geschweige denn zu vermitteln, worin die Herausforderung besteht, diese Strecke abzufahren (um dies zu verdeutlichen, hätte es z.B. gereicht, einfach einmal einen durchschnittlichen Skifahrer auf der Strecke zu filmen). Der Weg, der mit der Dramaturgie bestritten wird, ist insofern ein schwieriger, weil er genau das zum Höhepunkt setzt, was ohnehin bekannt ist; man hätte es sich einfacher gemacht, wenn bei den bekannten Fernseh-Bildern angesetzt worden wäre, um das Material zu sezieren. Stattdessen wird mit weihrauchschwenkenden Mönchen begonnen, und auch wenn die zunächst nur den Ritualcharakter des Ski-Präparierens verdeutlichen sollen, enthalten diese Bilder eigentlich bereits das Programm des Films bis hin zur abschließenden Abfahrt, die nur die Fortsetzung des Weihrauchschwenkens mit aufwändigeren Mitteln darstellt.

Es kommen zahlreiche Athleten zu Wort, die mit dem Hahnenkammrennen zentrale Erfahrungen ihrer Karriere wie auch ihres Lebens verbinden, darunter Didier Cuche, Daron Rahlves, Daniel Albrecht oder Hans Grugger. Hieraus ergeben sich die wertvollsten Momente des Films. Einige medienwirksame „Stars“ werden fast beiseite gelassen (z.B. Bode Miller), dafür wird mit dem Russen Yuri Danilochkin ein Außenseiter eingeführt, was man dem Film nicht zuletzt deshalb zu Gute halten muss, weil mit dessen Mutter und Trainerin eine Frau im Umfeld des männerdominierten Hahnenkammrennens gezeigt wird; neben Hans Gruggers Ehefrau als zweite tragende Frau inszeniert „Streif“ sonst vor allem Dirndln beim Après-Ski.

Doch wird den Worten der Skifahrer entweder misstraut oder zu viel zugemutet. Misstraut wird ihnen, wenn gemeint wird, sie mit eingeschobenen Bildern unterstreichen zu müssen, wo die Mimik des Sprechers mehr als gereicht hätte. Besonders problematisch ist dies in der Aufarbeitung von Daniel Albrechts folgenreichem Sturz, welcher gefühlte vier- bis fünfmal eingeblendet wird, als misstraue man neben nicht nur den Reflexionen des Fahrers, sondern auch der Gedächtnisleistung des Zuschauers. Da wird sogar von einem Mitglied der Streckenaufsicht beklagt, dass unsere heutige Sensationsgier vor allem Stürze zu Gesicht bekommen will – der Film baut keinen Dialog mit dessen Worten auf, stellt sich taub für sie und macht sich selbst zum Teil dieser Maschinerie.

Zu viel zugemutet wird Worten, die für Außenstehende nur mit viel mehr Kontext Sinn ergäben. Während „Du kannst Abfahrt nicht trainieren“ noch aussagekräftig ist (weil es logistisch nicht umsetzbar wäre), mag sich die Bedeutung von Felix Neureuthers Kommentar zum Kitzbüheler Slalom (welcher zwar an einem anderen Hang ausgetragen wird, aber auch angeschnitten wird), nämlich, dass man da „Vollgas pushen pushen pushen“ muss, nur den Rennfahrern im Publikum erschließen. Überhaupt scheitert „Streif“ völlig darin, seinem Publikum das Training der Athleten – welches eigentlich ausführlich begutachtet wird – greifbar zu machen, was in der Inszenierung von Yuri Danilochkin als einem russischen „Rocky“ seinen negativen Höhepunkt erreicht.

Fazit: Wie ein Skifahrer, der falsch trainiert, die Kontrolle über seine Bretter verliert, wird der Film trotz seines Aufwands zum Opfer der Bilder, die er beschwören möchte.

Benotung des Films :

Lukas Schmutzer
Streif - One Hell of a Ride
Österreich 2014 - 115 min.
Regie: Gerald Salmina - Drehbuch: Gerald Salmina, Tom Dauer - Produktion: Gerald Salmina - Kamera: Günther Göberl - Schnitt: David Hofer - Musik: Manfred Plessl - Verleih: Red Bull Media House - Besetzung: Aksel Lund Svindal, Max Franz, Hannes Reichelt, Erik Guay, Yuri Danilochkin, Daniel Albrecht, Hermann Maier, Marcel Hirscher
Kinostart (D): 15.01.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4208660/

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