Source Code

(USA / F 2011; Regie: Duncan Jones)

Paranoische Weltflucht

Ein Blick in den Spiegel, auf den ein anderer antwortet, bringt die Irritation in den Film und den Film in Schwung. Genauer gesagt: In den Spiegel hinein blickt das Filmstargesicht Jake Gyllenhaals, ihm entgegen kommt das Antlitz des frankokanadischen bit players Frédérick De Grandpré. Worum es dem Film und seiner komplizierten Zeitmanipulationskonstruktion geht, scheint lange Zeit vor allem: Jake Gyllenhaal und damit das Starsystem wieder mit sich selbst identisch zu machen. Tatsächlich endet Duncan Jones’ „Source Code“ allerdings wieder mit demselben Bild: Einer weiteren Reflektion, die dem Blick des Stars wieder den falschen Körper zurück wirft. Nur ist diese Nichtidentität am Ende kein Problem mehr, sondern die Lösung.

Zunächst aber durchläuft der Starkörper Jake Gyllenhaal eine ausführliche Fremderfahrung. Er wird in sie hineingeworfen, hinein in einen ihm (aber nicht der Kamera, die erkennt den Star in ihm) fremden Körper, der sich noch dazu in einem Schnellzug befindet, in einer rasanten, mechanischen, also nicht selbstbestimmten Bewegung. Ihm gegenüber sitzt eine Frau (Michelle Monaghan), die vorsichtige Annäherungsversuche unternimmt und ihn mit dem ihm fremden Namen Sean anspricht, schräg hinten sitzt ein landesweit bekannter Comedystar, eine vorbeieilende Frau verschüttet Kaffee. Acht Minuten später – der Protagonist hat die Verhältnisse noch nicht einmal annähernd ordnen können – zerreißt eine Explosion den Zug und tötet alle Passagiere.

Nach der Explosion kommt Jake Gyllenhaal zu sich selbst zurück, zumindest scheinbar. Er heißt jetzt Colter Stevens, ist ein Veteran des Afghanistankriegs und befindet sich in einem düsteren Stahlgehäuse, das so einfach als “Realität” zu nehmen ihm bald auch nicht mehr möglich sein wird. Auch dort ist sein Gegenüber eine Frau (Vera Farmiga; so blond und eiskalt wie Michelle Monaghan brünett und naiv ist), allerdings trägt sie Uniform, erscheint lediglich auf einem Bildschirm und flirtet nicht. Statt dessen erklärt sie die Spielregeln: Die acht Minuten im Zug sind der “Source Code” des Titels, die Explosion Ergebnis eines realen, aber bereits vollendeten Terroranschlags, der Täter in der Jetztzeit auf freiem Fuß, unterwegs mit einer noch verheerenderen Bombe im Gepäck in Richtung Chicago. Im “Source Code”, einer wahrnehm-, begeh-, aber nur scheinbar veränderbaren Parallelwelt, die der ersten, tatsächlichen Welt vom amerikanischen Militär als interindividuelles mentales Bild abgerungen wurde, soll Colter Stevens nach dem Terroristen fahnden, um Schlimmeres zu verhindern.

Diese Konzeption erinnert an Tony Scotts furiosen Techno-Thriller „Deja-vu“; wie dieser darf der zweite Film des talentierten britischen Regisseurs Duncan Jones („Moon“) zu den interessantesten filmischen Bearbeitungen des Terrordiskurses nach dem 11. September 2001 gelten. Beide Filme entwerfen komplexe Modelle der Simulation und der technisch vermittelten Ersatzhandlung, das Hier und Jetzt der Bedrohung – aber auch des politischen Handelns – tritt in den Hintergrund. Diese paranoische Weltflucht treibt „Source Code“ noch ein ganzes Stück weiter als „Deja-vu“, wo man sich in einer porös gewordenen Realität immerhin noch auf den Körper Denzel Washingtons als ontologischen Anker verlassen konnte. „Source Code“ stellt gerade diese Konstante ganz vehement in Frage. Wenn da kurz vor Schluss doch noch der „echte” Körper der Hauptfigur auftaucht – als ein verstümmelter Leichnam, dessen Gehirnfunktionen lediglich durch Elektroimpulse aufrecht erhalten werden und der gefangen ist zwischen mehreren Ebenen der Simulation – findet Jones ein beeindruckendes Bild für den Ort, von dem aus das Subjekt der Weltgeschichte heutzutage spricht.

Sechsmal durchläuft der Film die acht Minuten des „Source Codes” (und damit sich selbst). Jake Gyllenhaal fungiert im Zug als Doppelagent: Einerseits durchsucht er den Code, um den Terroristen in der ersten Welt dingfest machen zu können (verdächtig sind Menschen, die mit technischen Medien kommunizieren, also im Grunde: alle), andererseits sucht er nach Hinweisen auf seine aktuelle Situation in eben dieser ersten Welt, denn so recht will er der uniformierten Blondine und ihren knappen Anweisungen nicht trauen. Und da ihm sein weibliches Gegenüber im Zug mit jeden acht Minuten mehr ans Herz wächst, taucht schließlich ein drittes, noch ambitionierteres Ziel auf: Der erste, eigentlich bereits geschehene Anschlag soll verhindert und also die ontologische Schranke zwischen den beiden Welten niedergerissen werden.

Dass es wieder einmal die romantische Liebe ist, die dieser letzten und größten Aufgabe als Katalysator dient, mag manch einer dem Film zum Vorwurf machen: Die innovative Erzähloberfläche wäre dann wieder einmal nur Fassade für einen altbekannten, strukturell betrachtet wertkonservativen Plotkern, der auf die heterosexuelle Paarbildung hinaus will. Man kann das allerdings auch anders herum aufziehen: Die handlungs- und individuumzentrierte Grundform des Hollywoodkinos ist eben nicht von vorn herein ein beengendes Korsett, das wieder und wieder künstlerische Kreativität erstickt und die dominanten kulturellen Normen reproduziert, sondern sie erscheint – und zwar selbst in einer Produktion, die sich stilistisch zumindest in der Nähe der Blockbusterästhetik bewegt – als eine erstaunlich elastische Hülle, die mit einem modernistischen, in letzter Konsequenz posthumanistischen Erzählexperiment wie „Source Code“ problemlos kompatibel ist.

Benotung des Films :

Lukas Foerster
Source Code
(Source Code)
USA / Frankreich 2011 - 93 min.
Regie: Duncan Jones - Drehbuch: Ben Ripley - Produktion: Mark Gordon, Philippe Rousselet, Jordan Wynn - Kamera: Don Burgess - Schnitt: Paul Hirsch - Musik: Chris Bacon - Verleih: Kinowelt - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan, Vera Farmiga, Jeffrey Wright, Michael Arden, Cas Anvar, Russell Peters, Brent Skagford, Craig Thomas, Gordon Masten, Susan Bain
Kinostart (D): 02.06.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0945513/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.