Somewhere

(USA 2010; Regie: Sofia Coppola)

Brennende Langeweile

Ein schwarzer Ferrari. Dreht seine Runden. Irgendwo im Nirgendwo. Dreht seine Runden. Eine Kameraeinstellung. Das Fahrzeug fährt vorbei und hinten sieht man es dann noch einmal durch den Bildausschnitt rauschen. Toll! New Hollywood. Später steigt der Fahrer aus und geht zu Fuß weiter. Der Mann sieht hinreißend knuffig aus, heißt Johnny Marco und ist ein Hollywood-Star, kein ganz großer, aber immerhin. Johnny Marco logiert im legendären Hotel Chateau Marmont und hat zwischen den Dreharbeiten nicht allzu viele Verpflichtungen. Manchmal lässt er sich etwas gehen, fängt früher als sonst mit dem Trinken an, manchmal lässt er Puppen für sich tanzen, manchmal muss er kurz nach Italien, wo ihm im Rahmen einer knallbunten Fernsehshow ein Preis überreicht wird. Auch dann tanzen spärlich bekleidete Puppen um ihn herum. Dann noch schnell ein Foto-Shooting und ein schräges Interview. Könnte immer so weitergehen, weil Stephen Dorff den Johnny Marco spielt, was dem dramaturgischen Minimalismus des Films ein Augenzwinkern verleiht.

Dann taucht plötzlich Cleo auf, die elfjährige Tochter aus einer gescheiterten Beziehung, die jetzt ein paar Tage lang Johnny Marcos Alltag teilt. Jetzt hängt man eben zu zweit ab, isst Eiscreme, läuft Schlittschuh, macht Gitarren-Wettbewerbe – und manchmal, ganz selten, könnte man meinen, dass Johnny Marco sein Leben vor der Tochter etwas peinlich ist. Aber nur ganz selten. Denn „Somewhere“ ist der neue, vierte Film von Sofia Coppola, der vor Jahren mit „Lost in Translation“ ein Hit gelang, welcher von einem Mann erzählte, der in einem Hotel lebte und von einer viel jüngeren Frau ein wenig aus seiner melancholischen Lethargie gerissen, besser: sanft gedrängt wurde. Damals gab es noch Karaoke statt Gitarren-Wettbewerb. Danach drehte Sofia Coppola einen sehr schönen Film über ein junge Frau, die in ein sehr großes Hotel einzieht, in dem es nicht viel Privatsphäre, aber tolle Parties gibt. In „Somewhere“ kommt Johnny Marco einmal abends in sein Hotelzimmer und dort findet gerade eine Party statt. Johnny Marco feiert ein bisschen mit und legt sich dann nebenan ins Bett. So geht der Film. Cleo kommt, Cleo geht. Ins Ferienlager. Und man sitzt im Kino und sieht etwas gelangweilt nicht sonderlich aufregenden Menschen dabei zu, wie sie sich langweilen. Kann man machen, muss man aber nicht.

Aber weil der Filmkritiker ja nun nicht von Langeweile reden darf, muss etwas Sinn her. Sinn-Krise. Leider spielt Sofia Coppola da nicht mit. Denn sie ist allein an Oberflächen interessiert, nicht etwa an einer Haltung zu diesen Oberflächen. Weshalb sie auch nicht viel Interessantes zu erzählen hat, über ihren Film nicht und auch sonst nicht. Nein, autobiografisch sei ihr Film nicht, obwohl sie irgendwie schon … so von früher, als Vater Francis Ford Coppola noch im Chateau Marmont … und dann ja auch nach Italien … aber nein, autobiografisch ist das hier nicht, obwohl sie natürlich diese ganze Szene sehr gut kennt … Und Münchener Filmkritiker, die mit den Hollywood-Stars gewissermaßen auf Augenhöhe verkehren und Sofia Coppola für die bedeutendste Filmemacherin ihrer Generation mindestens halten, die bestätigen gerne aus erster Hand, dass es echt so ist, das Leben in Hollywood, wenn man drehfrei hat. Wissen sie genau, weil irgendwie ja selbst Teil davon. Und Filmkritiker, die nicht ganz so nah dran sind an Sofia oder Francis Ford, aber auch schon mal vor Ort waren, erzählen einfach davon, wie man vom Santa Monica Boulevard zum Chateau Marmont gelangt, erzählen ein paar Anekdoten aus der Geschichte der legendären Absteige, erzählen von Vater und Tochter Coppola, um nicht von Langeweile erzählen zu müssen.

So bleibt hier alles im Vagen, bis man sich selbst ein wenig wie Johnny Marco fühlt. Aber, keine Sorge, in „Somewhere“ schwingt tatsächlich so einiges mit. Irgendwo.

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Benotung des Films :

Ulrich Kriest
Somewhere
(Somewhere)
USA 2010 - 98 min.
Regie: Sofia Coppola - Drehbuch: Sofia Coppola - Produktion: Sofia Coppola, Roman Coppola, G. Mac Brown - Kamera: Harris Savides - Schnitt: Sarah Flack - Musik: Phoenix - Verleih: Tobis - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Stephen Dorff, Elle Fanning, Benicio Del Toro, Michelle Monaghan, Chris Pontius, Laura Ramsey, Caitlin Keats, Robert Schwartzman, Karissa Shannon, Philip Pavel
Kinostart (D): 11.11.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1421051/
Foto: © Tobis

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