Sofia’s Last Ambulance

(BUL / D / KRO 2012; Regie: Ilian Metev)

Komm, wir zählen Schlaglöcher

Mit dem Humor der Verzweifelten treibt es die Rettungssanitäter Krassi und Mila gemeinsam mit ihrem Fahrer Plamen jeden Tag aufs Neue durch die Straßen der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Stundenlang irren sie von einem Einsatz zum nächsten, müssen die Adressen der Zielorte mühsam suchen oder über das fortwährend ausfallende Funkgerät auf Anweisungen warten. Schnell wird klar, dass es in der Millionenmetropole nicht genügend Einsatzkräfte gibt, aber nur nebenbei erfährt man, dass die Drei das einzige Reanimationsteam der Stadt bilden, weshalb sie manchmal nur noch den Tod eines Patienten feststellen und sich dafür entschuldigen können, dass die Anfahrt vier Stunden gedauert hat.

Zwischen den Einsätzen zeigen die auf dem Armaturenbrett fest installierten Kameras die müden Gesichter der Protagonisten, wie sie Gespräche über Kündigungen anderer Sanitäter führen, die überfüllten Krankenhäuser verfluchen oder sich fragen, warum sie sich das alles antun, wenn es schon an der Grundausrüstung mangelt. So auch bei dem kleinen Mädchen, dem Mila auf der Fahrt ins Krankenhaus zur Beruhigung nur anbieten kann, gemeinsam die Schlaglöcher zu zählen, die den ungefederten Krankenwagen regelmäßig erschüttern, damit es die Schmerzen wenigstens für ein paar Sekunden vergessen kann.

In Ilian Metevs erstem abendfüllenden Dokumentarfilm „Sofia’s Last Ambulance“ genießt das Dokumentarische einen Raum, den es im Zuge einer Hybridisierung und Reality-Verscriptung in unterschiedlichen Medien seit einiger Zeit zu verlieren droht. Hier ist es nicht Nebenprodukt einer dramatischen Geschichte Einzelner im sich cineastisch wähnenden Breitwandformat und kokettiert auch nicht mit Voyeurismus oder Polemik, wie es bei einem solchen Thema ein Leichtes gewesen wäre (man denke nur an Michael Moores dampfwalzigen „Sicko“).

„Sofia’s Last Ambulance“ konzentriert sich stattdessen auf unkommentiertes Zeigen und lebt ganz und gar von seinen Leerstellen. Der Krankenwagen wird nur selten verlassen, Opfer werden nie gezeigt. Bei manchen Einsätzen sehen wir nur das angespannte Gesicht des Fahrers Plamen, während aus dem Off die Bemühungen Krassis und Milas um die Patienten zu hören sind. Und einen Unfall der Ambulanz erleben wir nur durch den sich in den Gesichtern der Ärzte abzeichnenden Schrecken. In der Folge dieser Herangehensweise bleiben viele Fragen offen. Einen genauen Blick in das marode Gesundheitssystem Sofias liefert der Film ebenso wenig wie ein zufrieden stellendes (vielleicht am Voyeurismus des Fernsehens geschultes und deshalb erhofftes) Porträt der drei Rettungssanitäter. Dagegen formt sich aus all den nebensächlichen Details, dem Spiel mit On und Off, den Halbsätzen und insbesondere den so entstehenden Auslassungen ein Gefühl dafür, welch scheinbar aussichtslosen Kampf das Bemühen um die Bedürftigen und Schwachen darstellt, die in Bulgarien tatsächlich kaum noch Zugang zur lebensnotwendigen Gesundheitsversorgung haben.

In der Reduktion und Konzentration erinnert das alles an Cristi Puius ersten Spielfilm „Der Tod des Herrn Lazarescu“ und dessen absurde Fahrt von einem überfüllten Krankenhaus zum nächsten. Ähnlich wie Puius Film stellt „Sofia’s Last Ambulance“ eine Reise ans Ende der Nacht dar, die von vornherein verloren ist und deren Protagonisten sich (wie der spätere Armenarzt Céline) täglich aufs Neue in der Ungewissheit üben, „woher man am nächsten Tag die Kraft holen soll, das, was man gestern getan hat, weiter zu tun […], und alles nur, um einmal mehr festzustellen, dass das Schicksal unbezwingbar ist, dass man unweigerlich wieder auf der untersten Treppenstufe landet, jeden Abend, voller Angst vor dem nächsten Tag, der immer ungewisser, immer trostloser ist.“ Und so bleibt am Ende des Filmes folgerichtig ein Platz im Führerhaus des Krankenwagens einfach leer.

Benotung des Films :

Ricardo Brunn
Sofia’s Last Ambulance
(Poslednata lineika na Sofia)
Bulgarien / Deutschland / Kroatien 2012 - 77 min.
Regie: Ilian Metev - Drehbuch: Ilian Metev - Produktion: Ingmar Trost, Sinisa Juricic, Dimitar Gotchev, Ilian Metev - Kamera: Ilian Metev - Schnitt: Ilian Metev, Betina Ip - Verleih: W-Film - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Mila Mikhailova, Plamen Slavkov, Krassimir Yordanov
Kinostart (D): 14.03.2013

DVD-Starttermin (D): 06.12.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2378465/

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