Slow West

(GB / NZ 2015; Regie: John Maclean)

Entlarvung einer Jungsphantasie

Vor zunächst schwarz bleibender Leinwand trägt ein Voice-Over in der ersten Person eine Plot-Prämisse vor, wie sie eigentlich einfacher kaum sein könnte: Ein Junge sucht ein Mädchen (vielleicht, auch wenn das heißt, vom Anfang auf das Ende vorzugreifen, ist das Problem, das der Junge hat, der Jay mit seinen sechzehn Jahren noch recht deutlich ist, dass er gar kein Mädchen sucht, sondern eine Frau. Jedenfalls stellt sich heraus, ist die gesuchte Angebetete, Rose, einmal gefunden, dass sie mit seiner doch noch recht jungenhaften Idee von romantischer Liebe nicht das Geringste anfangen kann).

Was diese Prämisse verkompliziert – und zwar gleich in vielfacher Hinsicht – sind Zeitpunkt und Ort der Handlung: das Jahr 1870 und der Nordwesten der heutigen USA, wohin Jay (Kodi Smit-McPhee) Rose (Caren Pistorius) aus dem heimischen Schottland gefolgt ist. Zunächst einmal, weil die frontier, an die es Jay verschlägt, das Colorado-Territorium, das erst einige Jahre später in die USA aufgenommen werden sollte, gar kein Ort ist für einen jugendlichen Träumer aus besseren Verhältnissen wie ihn, der einen Reiseführer („Ho! To The West!“) im Gepäck hat, Gedichte rezitieren und in einer gespensterhaft schönen Szene mit einigen Afroamerikanern, die am Wegesrand in ihrem afrikanischen Idiom ein Ständchen geben, auch mal auf Französisch parlieren kann. Als Begleitung, die Jay auf seiner Reise gen Westen bitter nötig hat, bietet sich ihm, selbstverständlich gegen Bezahlung, ein Mann an, den er unterwegs kennenlernt und der das Überleben in der Wildnis zur Kunstform zu erheben scheint: Silas. Michael Fassbender gibt ihn bärtig, einsilbig und immer mit einem Zigarrenstummel im Mund, den er sogar einmal entzündet, als er ziemlich buchstäblich zerschossen, blutend am Boden sitzt.

Dann aber auch, weil John Mcleans Langfilmdebüt „Slow West“, zu dem er auch das Drehbuch schrieb, ein bei aller Reduktion auf das Basale, das blanke Überleben, doch erstaunlich komplexes Bild der frontier zeichnet. Postkolonial reflektiert, ist sie erst einmal Schauplatz eines Genozids. Gleich zu Beginn seiner Reise passiert Jay ein niedergebranntes Indianer-Lager und wird Zeuge, wie einige Männer in Uniform bedingungslose Jagd auf die Menschen machen, die sie als „savages“ bezeichnen. Ein Mann, dem Jay begegnet, gibt sich als Chronist der Ausrottung der Indigenen – und entpuppt sich doch als genauso ein Aasgeier wie fast alle Figuren des Films, der Jay im Schlaf um sein Pferd und sogar seine Kleider erleichtert.

Dann herrscht an diesem Ort aber auch, neben dem Gesetz des Stärkeren, das Jay an einer Stelle gelehrig nach Darwin zitiert, auch das Streben nach Reichtümern, das eben noch von keinerlei zivilisatorischen Instanzen reguliert werden würde. Alles dreht sich um das, was eine junge Frau, die offenbar kaum Englisch spricht, bei einem gründlich und blutig schief gehenden Ladenüberfall energisch und verzweifelt einfordert: „Money, Money, Money!“ Die „Wildnis“, wie „Slow West“ sie zeigt, ist eines ganz bestimmt nicht: unberührt, unschuldig. Vielmehr wird schnell klar, dass an einem solchen Ort niemand, auch nicht Jay, ohne Schuld bleibt, und die Vergangenheit, von der der Film handelt, gerinnt zur Dystopie eines vollends entfesselten Kapitalismus, in dem es nur noch darum geht, seinen Nächsten auch durch List, aber vor allem durch Gewalt um seine Güter zu erleichtern, ohne dass irgendwelche äußerlichen Institutionen oder verinnerlichte Moralvorstellungen das Geschehen irgendwie beeinflussen würden.

Im Voice-Over sinniert Silas einmal darüber, dass dieser Westen für Jay ein Ort der Verheißungen und der Hoffnung sei, während er selbst nur unter jedem Stein, den er umdrehe einen Banditen erwarte, der bereit ist, ihn umzulegen, wenn er sich nur einen Dollar davon verspricht. Bei aller sinisteren Zeichnung und Entmystifizierung, die „Slow West“ seinem Schauplatz im Gegensatz zur alten Mythologie des Western-Genres angedeihen lässt, bleibt doch eine gewisse Verhandlungsmasse als Sache der Perspektive (was auch in den Off-Kommentaren, die eben sowohl von Jay als auch von Silas stammen, seinen Niederschlag findet). Die Weite der Landschaft der Südinsel Neuseelands, die hier als Nordamerika firmiert, ist so beeindruckend fotografiert, dass sie doch trotz allem ein Sehnsuchtsort bleibt.

Eine Frage der Perspektivierung bietet auch die vielleicht denkwürdigste Einstellung des Films. Jay, vorübergehend auf sich alleine gestellt, beäugt auf der Suche nach Essbarem einen Pilz in der Steppe. Von unten gefilmt ragt der eigentlich recht kleine Pilz riesenhaft ins Bild, mit dem hungrigen Jay im Hintergrund. Der glücklich eintreffende Silas informiert seinen Schützling, dass er diesen Pilz essen kann, ja, wenn er nur genug davon esse, könne er gleich zu Rose fliegen.

Ansonsten zeigt sich Macleans inszenatorisches Talent vor allem bei der die Diegese des Films bestimmenden Gewalt. Gleich zu Beginn, als Silas und Jay sich kennenlernen, gibt es ein gekonnt in Szene gesetztes Mexican standoff mit den Indianerjägern. Der Regisseur scheut auch nicht davor zurück, die Gewalt ins Komische zu überzeichnen. Namentlich eine Szene, in der bei einem Indianerangriff Jays schützend vor den Kopf gehaltene Hand Schlimmeres verhindert, aber sich der Jüngling mit dem nun in seiner Hand steckenden Pfeil sichtlich und verständlich überfordert zeigt, ist deutlich so angelegt, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Am Ende gibt es eine Abfolge von gespenstischen Einstellungen, die alle Toten des Films noch einmal zeigen, und so die Handlung, auf Akte der Gewalt reduziert, Revue passieren lassen.

Ich glaube, es wäre falsch, „Slow West“ aufgrund seines Geschichtsbildes als Anti-Western zu etikettieren. Vielmehr geht es Maclean darum, eine Vielzahl den Rahmen eines einzelnen Genres sprengende Erzählungen zu evozieren, um sie gegen den Strich zu erzählen, zu durchkreuzen, zu negieren. Eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt der Film gerade nicht, vielmehr ist es Silas, der am Ende eine Entwicklung durchlaufen haben wird, für die Jay essentiell war, und deren letztlicher Ausgang auf sehr schöne Weise ambivalent bleibt. Die Indianer sind zwar Opfer von Landraub und Exterminierung, aber alles andere als edle Wilde, die ihr Schicksal tatenlos über sich ergehen lassen würden. Auch jemand, der so aufs Überleben gepolt ist wie Silas, ist letztlich nicht davor gefeit, von alten Weggefährten übers Ohr gehauen zu werden oder in den Feuergefechten, in denen es nicht mehr darum geht, wer schneller zieht, sondern manchmal darum, wer die bessere Zielvorkehrung an seinem Gewehr hat, ein paar Kugeln abzubekommen.

Schließlich, und damit kehren wir zum Anfang zurück, ist da die Erzählung des Jungen, der sein Mädchen sucht, der Rose, die gepflückt, der Frau, die gerettet werden will. „Slow West“ entlarvt diese Jungenphantasie als Erzählung eines – wenn auch ziemlich weichgespülten, feingeistigen – Patriarchats. Die Kolonialgeschichte ist voll von Bildern der Wildnis als Frau, die von männlichen Konquistadoren und Entdeckern erobert, domestiziert werden will. Die Angebetete hier ist viel zu sehr mit dem Überleben beschäftigt, für das sie, wie wir in einem der Rückblicke erfahren, die die übrigens rein platonische Beziehung zwischen Jay und Rose beleuchten, Kind armer Landarbeiter, auch viel eher gemacht scheint als ihr schmachtender Verehrer, um auf einen Retter zu warten.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu 'Slow West'.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Slow West
Großbritannien / Neuseeland 2015 - 84 min.
Regie: John Maclean - Drehbuch: John Maclean - Produktion: Iain Canning, Rachel Gardner, Conor McCaughan, Emile Sherman - Kamera: Robbie Ryan - Schnitt: Roland Gallois, Jon Gregory - Musik: Jed Kurzel - Verleih: Prokino - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Michael Fassbender, Kodi Smit-McPhee, Rory McCann, Ben Mendelsohn, Brooke Williams, Jeffrey Thomas, Caren Pistorius, Stuart Martin, Kalani Queypo, Madeleine Sami, Erroll Shand
Kinostart (D): 30.07.2015

DVD-Starttermin (D): 03.12.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3205376/

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