Sex Is Comedy

(F / PT 2002; Regie: Catherine Breillat)

Wahrheit der Körper

Eine Filmcrew schleppt aufgeregt Equipment zu einem Sandstrand an der Atlantikküste. Es ist windig und kalt, die jungen, halbnackten Darsteller, die auf Kommando eine Kussszene spielen sollen, frieren und dann zieht auch noch ein Unwetter auf. Jeanne (Anne Parillaud), die ebenso resolute wie machtbewusste Regisseurin kommandiert und schreit, kritisiert und schimpft, weil bei all diesen Unbilden die Illusionsmaschine nicht so richtig in Gang kommt und die Vorspiegelung eines täuschend echt aussehenden Lebens nicht gelingen will. An der Schnittstelle von Film und Leben liegen Falsches und Echtes schwer miteinander im Clinch und sind kaum noch zu unterscheiden. Das ändert sich ein wenig, als die Produktion auf das scheinbar sicherere Terrain des Studios wechselt, das Jeanne bevorzugt, weil es größtmögliche Kontrolle erlaubt: „Das Studio ist wie eine Kirche. Der Ort der Sprache. Die Sprache des Films.“

Jeanne mit ihrem Plädoyer fürs Artifizielle ist natürlich das Alter Ego der französischen Filmemacherin Catherine Breillat, die mit ihrer Film-im-Film-Parodie „Sex is Comedy“ ein überraschend heiteres und ironisches Selbstportrait voller Doppeldeutigkeiten und Fallgruben gedreht hat. Die fließenden Wechsel zwischen den verschiedenen Wirklichkeits- und Inszenierungsebenen gehören hier ebenso zum Genre wie verwickelte Produktionsbedingungen und launische Schauspieler. Breillat verschiebt aber die Gewichte und fokussiert ziemlich rückhaltlos und intim auf die Regisseurin als „Blutsaugerin“, die als besessene und liebende Künstlerin von Selbstzweifeln geplagt wird, unter ihrer Arbeit leidet („Der Film macht mich kaputt.“) und eifersüchtig über alles und jeden wacht. Vor allem ihr ambivalentes Verhältnis zu den beiden Schauspielern changiert dabei ständig zwischen Liebe und Hass, Anziehung und Abstoßung, Vertrauen und Verrat.

Im Ringen um den wahren Ausdruck spielt Jeanne die Darsteller, die von Grégoire Colin und Roxanne Mesquida verkörpert werden, immer wieder gegeneinander aus. Ihre Angst und Scham, ihre Macht und Ohnmacht werden in diesen Kämpfen von Jeanne produktiv für die Inszenierung genutzt, deren Höhepunkt die Verführung eines noch unschuldigen Mädchens ist. Das Verlangen darzustellen und dabei die Würde zu bewahren wird ebenso zur Aufgabe wie die Suche nach einem Ausgleich für die empfundene Unfreiheit am Set. Gut möglich, dass Catherine Breillat in dieser Schlüsselszene Erfahrungen verarbeitet, die sie bei ihrem vorhergehenden Projekt „Meine Schwester“ ('À ma sœur') gemacht hat. „Sex ist Comedy“ mündet jedenfalls in einer Katharsis, die schließlich den Rahmen des Spiels verlässt und auf ergreifende Weise die gesamte Filmcrew erfasst. „Wörter sind Lügen, Körper die Wahrheit“, heißt es einmal dazu an anderer Stelle über die Stärken gelingender Illusion.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Sex Is Comedy
Frankreich / Portugal 2002 - 92 min.
Regie: Catherine Breillat - Drehbuch: Catherine Breillat - Produktion: Jean-François Lepetit - Kamera: Laurent Machuel - Schnitt: Pascale Chavance - Verleih: Neue Pierrot Le Fou - Besetzung: Anne Parillaud, Grégoire Colin, Roxane Mesquida, Ashley Wanninger, Dominique Colladant, Bart Binnema, Yves Osmu, Elisabete Piecho, Francis Seleck, Diane Scapa, Ana Lorena, Claire Monatte
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 19.04.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0304678/

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