Schlafkrankheit

(D / F / NL 2010; Regie: Ulrich Köhler)

Widerstand ist zwecklos

Weniger an die Berliner Schule, der dessen Regisseur ja einstmals zugerechnet wurde, erinnert mich Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit“ als an, einmal mehr, die Filme von Michelangelo Antonioni, speziell dessen „Beruf Reporter“, einem Film, in dem der Protagonist nichts weniger als seine eigene Identität wegwirft.

In einigen Kritiken liest man von der Langsamkeit und Ereignislosigkeit dieses Films, aber ich denke, die Langweiligkeit eines Films hängt oft zusammen mit der Aufmerksamkeit, dem Interesse und der Offenheit des Zuschauers; je stärker diese Eigenschaften ausgeprägt sind, desto mehr passiert für den Betrachter – jedenfalls in diesem Film, der voller kenntnisreich erstellter und präziser Details, Settings, Figuren und Figurenkonstellationen steckt.

Zugegeben, „Schlafkrankheit“ ist tatsächlich einer dieser lästigen Filme, die sich mit Dingen beschäftigen, von denen man im Allgemeinen noch kein besonders ausgefeiltes Klischee verinnerlicht hat. Anstatt zu bestätigen, befragt er, anstatt Afrika zu überwältigen oder überwältigend zu finden, wird er selbst aufgesogen von seinen vielen afrikanischen Gegenständen, Milieus, er lebt drinnen und darf nicht drin leben – aber nun rede ich schon von der Hauptfigur.

Ebbo ist Arzt, der seit einigen Jahren in Kamerun ein erfolgreiches Projekt zur Bekämpfung der „Schlafkrankheit“ geleitet hat. Weil die Krankheit vor Ort eingedämmt und die Kranken selten geworden sind, ist auch seine Tätigkeit obsolet geworden. Trotz dort ansässiger Frau und Tochter, vermag es Ebbo nicht so recht in die Heimat Deutschland zurückziehen; das sagt er nicht so direkt, wir müssen es seinem Verhalten entnehmen, und als seine Familie fliegt, hat er noch irgendeinen Grund, später nachzukommen.

Später, das sind dann im Film drei Jahre, wird Ebbo, immer noch in Kamerun, gesucht von einem jungen Franzosen mit afrikanischen Wurzeln, der damit beauftragt ist, die Förderungswürdigkeit von Ebbos immer noch laufendem Schlafkrankheits-Projekt zu überprüfen. Aber es ist, als wäre Ebbo schon beinahe spurlos verschluckt von Land und Urwald. Außer seinem guten Ruf ist zunächst von Ebbo nichts zu hören oder sehen und Nzilo, der junge europäische Arzt, muss lange Stunden des Befremdens, des Wartens und des Unbehagens über sich ergehen lassen, bevor er Ebbo auch nur kurz erblickt.

Man ist geneigt zu sagen, Ebbo, der Weiße, ist zu Afrika geworden, hat sich metamorphisiert, und Nzilo, der Schwarze, ist von Kopf bis Fuß und von Geburt an Europäer: Rationalist, Kosten-Nutzen-Abwäger, Evaluator – zwei Kontrahenten als zwei unzuvereinbarende Philosophien, wie sie kein Film Köhlers bisher deutlicher präsentierte, wenngleich die Totalverweigerer immer auch der rote Faden seiner zwei bisherigen Langfilme waren: Paul in „Bungalow“, Nina in „Montag kommen die Fenster“ und nun Ebbo in „Schlafkrankheit“.

Hier steht Ebbo für all das, was die postindustriellen Gesellschaften erfolgreich bekämpfen: Autonomie, Ursprünglichkeit, Lebendigkeit, die sich z.B. auch aus der Natur nährt, die sich aber vor allem nicht normieren oder überwachen, also fremdsteuern lassen will. Man könnte sagen, der Widerstand der Köhlerschen Protagonisten besteht in ihrer Weigerung, zielorientiert, zweckbestimmt zu leben, also in ihrer Verweigerung, irgendwie instrumentalisierbar zu sein.

Man kann darüber nachdenken, ob diese scheinbar passive Einstellung nicht gar das effektivste Kampfmittel gegen einen nivellierenden abstumpfenden Zeitgeist sein könnte – wenn man dem Hungertod ins Auge zu sehen bereit ist, versteht sich. Man könnte darüber nachdenken, ob „Schlafkrankheit“ seine Dichotomisierung nicht ein wenig zu plakativ betreibt. Man kann in jedem Fall aber auch sagen, dass der Film „Schlafkrankheit“ ein Manifest darstellt für, ja sagen wir ruhig, ein „besseres Leben“. Und das auf eine irgendwie buddhistische Weise. Selbst wenn Ebbo dafür dann schon zum Tier werden muss …

Link zu einer weiteren Filmkritik

Benotung des Films :

Andreas Thomas
Schlafkrankheit
(Schlafkrankheit)
Deutschland / Frankreich / Niederland 2010 - 91 min.
Regie: Ulrich Köhler - Drehbuch: Ulrich Köhler - Produktion: Maren Ade, Janine Jackowski, Katrin Schlösser, Frans van Gestel - Kamera: Patrick Orth - Schnitt: Eva Könnemann, Katharina Wartena - Verleih: farbfilm - FSK: ab 6 Jahre - Besetzung: Pierre Bokma, Jean-Christophe Folly, Jenny Schily, Maria Elise Miller, Hippolyte Girardot, Sava Lolov, Nathalie Richard
Kinostart (D): 23.06.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1822304/

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