Rum Diary

(USA 2012; Regie: Bruce Robinson)

Gonzo Family

Kann man denn nicht mal, wenn man tot ist, seine Ruhe haben? Als Hunter S. Thompson 2005 starb, beschloss sein Kumpel Johnny Depp, an dem gemeinsamen Projekt, der Verfilmung des spät veröffentlichten Romanerstlings 'Rum Diary', weiterzuarbeiten und den Schriftsteller 'zu zwingen, selbst im Tod einer der Produzenten zu sein'. In der Praxis sah das dann so aus: Hauptdarsteller und Koproduzent Depp ließ einen Stuhl und eine Flasche Rum für Thompson ans Set stellen, um zusammen mit Regisseur Bruce Robinson jeden Morgen das Highball-Glas ihres Obergonzos mit Schnaps zu füllen: 'Wir wollten einfach sicherstellen, dass Hunter da war. Und er war da. Für uns.'

Nun sind Halluzinationen und im wahrsten Sinne des Wortes trunkene Heldenverehrung nicht eben eine gute Voraussetzung, um einen Roman zu verfilmen. Die Kinoversion von Thompsons Erlebnissen als junger Journalist bei einer US-Zeitung auf Puerto Rico beginnt hübsch absurd wie eine Fortsetzung von Terry Gilliams Thompson-Adaption 'Fear and Loathing in Las Vegas', an die man dann jedoch immer wieder wehmütig zurückdenkt. Denn der Alkoholrausch, dem die Presseknallchargen in 'Rum Diary' hauptsächlich frönen, produziert weniger surreale Bilder als die Trips, die Depp und Konsorten in Las Vegas einwarfen. Robinsons unangemessen brave Verfilmung widerlegt unfreiwillig den von Thompson befeuerten Mythos, dass Drogeneinfluss die Kreativität steigere. Form und Inhalt decken sich immerhin insofern, als der Regisseur so wenig wie der Jungreporter weiß, was er will. Die dahinplätschernde Handlung unterbrechen Luftaufnahmen von tropischen Traumstränden, als sei’s eine Werbepause von TUI. Endgültig ernüchtert, dass der von Depp so sympathisch gegebene Slacker zum Langweilerhelden mutiert, der vergeblich gegen das Böse (US-Investoren, die die Insel samt Pressevertreter aufkaufen) kämpft. Scheiß auf Werktreue, aber da hat der Autor bei aller Machoattitüde mehr Fähigkeit zur Selbstkritik bewiesen: Sein der Korruption nicht abgeneigtes und alles andere als couragiertes Alter ego bezeichnet sich im Roman als 'menschlicher Saugfisch', der sich an Haie hängt, 'und wenn der Hai eine große Mahlzeit fängt, bekommt der Saugfisch den Rest'. Hunter S. Thompsons Jüngern ist der Ru(h)m offenbar zu Kopfe gestiegen.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 08/12

Benotung des Films :

Marit Hofmann
Rum Diary
(Rum Diary)
USA 2012 - 120 min.
Regie: Bruce Robinson - Drehbuch: Bruce Robinson - Produktion: Christi Dembrowski, Johnny Depp, Robert Kravis, Anthony Rulen - Kamera: Dariusz Wolski - Schnitt: Carol Littleton - Musik: Chrisopher Young - Verleih: Wild Bunch - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Johnny Depp, Aaron Eckhart, Michael Rispoli, Amber Heard, Richard Jenkins, Giovanni Ribisi, Amaury Nolasco, Marshall Bell, Bill Smitrovich
Kinostart (D): 02.08.2012

DVD-Starttermin (D): 18.01.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0376136/

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