Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern

(CA / D 2015; Regie: Atom Egoyan)

Der Holocaust-Terminator

Zev erwacht aus dem Schlaf und ruft nach seiner Frau Ruth. Sie erscheint aber nicht. Beunruhigt verlässt der hilflose Greis sein Zimmer, um sich nach seiner Gattin zu erkundigen. Durch die Erweiterung der Perspektive wird zweierlei klar. Der Mann befindet sich nicht zu Hause, sondern in einem Seniorenheim. Eine freundliche Pflegekraft, erklärt dem verwirrten Greis – womöglich zum wiederholten Mal –, seine Frau sei vor kurzer Zeit gestorben.

Dieser Anfang hat es in sich. Wer selbst einen dementen Angehörigen bis zum Tod begleitete, hat spontan Mitgefühl mit diesem orientierungslosen alten Mann, der die Trauer um seine große Liebe nach jedem Erwachen erneut durchleben muss wie beim ersten Mal. Diese Emotion täuscht den Zuschauer aber geschickt über ein nicht unwesentliches Detail hinweg.

Das komplett eingerichtete Zimmer, aus dem Zev, gespielt von Christopher Plummer, heraustritt, verdeutlicht en passant, dass dieser Mann seinen Lebensabend nicht in einem gewöhnlichen Altersheim, sondern in einer ausgesprochen kostspieligen Senioren-Residenz verbringt. Mit der Situierung des sozialen Milieus vermittelt Atom Egoyan in seinem neuen Film ein wichtiges Indiz über die Identität seines Protagonisten. Denn durch die Art und Weise, wie dieser alte Mann in seinem Leben zu Geld gekommen ist, hat er Schuld, schwere Schuld auf sich geladen. Darum geht es in diesem Film.

Dieses Thema wird greifbar, sobald Zev von seinem jüdischen Freund Max Rosenbaum (Martin Landau), der ebenso in der teuren Seniorenresidenz wohnt, einen ominösen Brief erhält. Das Schreiben, dessen Inhalt der Zuschauer erst nach und nach kennenlernt, ist eine Erinnerungsstütze für Zevs letzte Mission. Der Schrieb fungiert wie ein Programm, das der unter einer speziellen Form von Amnesie leidende Alte nach jedem Erwachen aus dem Schlaf neu „laden“ muss, weil sein Arbeitsspeicher nicht mehr funktioniert. Das entspricht vielleicht nicht gerade einer medizinisch realistischen aber durchaus kreativen Thematisierung des Demenzmotivs.

Nicht unoriginell ist auch die Situierung des Grundthemas: Aufs Zevs Arm ist eine Nummer eintätowiert. Er ist, wie wird bald erfahren, ein Auschwitz-Überlebender. In Anspielung an die Komödie „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ spielt Plummer einen 90-Jährigen ohne Gedächtnis, der als verkörperte Erinnerung an die Nazi-Gräuel loszieht, um jenen KZ-Aufseher zu finden, der seine Familie in Auschwitz ermordete. In der ersten halben Stunde empfindet man viel Sympathien für diesen tatterigen Alten, der sich mühsam durchwurschtelt, problemlos eine Waffe kauft und in regelmäßigen Abständen immer wieder die Trauer um seine verstorbene Frau so erleben muss, als wäre sie gerade erst von ihm gegangen. In einer der schönsten Szenen wacht Zev nach einem Unfall orientierungslos in einem Hospital auf. Ein kleines Mädchen muss ihm den Brief vorlesen. Das im Titel angesprochene Thema wird in dieser Situation, in der es auch um die Überlieferung des Holocaust geht, gefühlvoll variiert.

Gelungen ist auch die dramaturgische Entwicklung. Bei den drei Männern gleichen Namens, die Zev nacheinander aufsucht, handelt es sich jeweils nicht um den fraglichen KZ-Aufseher. Da Plummer aufgrund seiner mentalen Defizite so maschinenartig vorgeht wie Arnold Schwarzenegger in James Camerons berühmtem Sci-Fi-Spektakel, verkörpert der 90-Jährige gewissermaßen die Methusalem-Version des Terminators. Beinahe wird er gestoppt. Der Security-Mitarbeiter eines Supermarktes findet in Zevs Handtasche nämlich eine Pistole. Er lässt den Alten aber laufen, weil die „Glock“ den gerührten Wachmann an sein erstes Schießeisen erinnert – eine grimmige Anspielung an den amerikanischen Waffenfetischismus.

Wie viele von Atom Egoyans Filmen läuft auch „Remember“ irgendwann ziemlich aus dem Ruder. In Kanada verschlägt es Zev zu einem Polizisten, dessen marodes Fertighaus am Rande eines lärmenden Steinbruchs steht. Der Vater dieses Gesetzeshüters war ein SS-Killer. Im Hinterzimmer befindet sich ein wahres Horrorkabinett voller Nazi-Devotionalien. Alles original. Als der freundliche Polizist erfährt, dass sein Gast, den er zunächst liebevoll bewirtet, Jude ist, kommt sein ererbter Antisemitismus wie eine Monster-Fratze zum Vorschein. Sogar den deutschen Schäferhund hetzt er auf Zev – dessen Waffe nun zum Einsatz kommt …

Das originell beginnende Holocaust-Drama gerät hier ziemlich rasch zu einem B-Movie. Die thematische Vermittlung zwischen dem Motiv der Erinnerung und der explosiv ausgelebten Rachephantasie funktioniert nicht. Im Gegensatz zu Tarantino, der Trash und Trivialität so gnadenlos überzeichnet, dass die unbequeme Wahrheit sichtbar wird, verflacht Egoyans Film, weil man sich nicht mehr mit der anfangs sympathisch gezeichneten Figur identifiziert. Zur Phalanx der nicht überzeugenden Nebenfiguren zählen Bruno Ganz und Jürgen Prochnow, die unter einer grotesken Schicht von Latex und Schminke agieren. Problematisch erscheint vor allem die früh absehbare Schlusspointe, die den interessant beginnenden Film rückblickend entzaubert. Wie in den meisten früheren Filmen Egoyans tritt auch in „Remember“ das allzu kalkuliert wirkende Moment einer nicht wirklich durchdachten Konstruktion in den Vordergrund. Schade.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu 'Remember'.

Benotung des Films :

Manfred Riepe
Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern
Kanada / Deutschland 2015 - 95 min.
Regie: Atom Egoyan - Drehbuch: Benjamin August - Produktion: Ari Lantos, Robert Lantos - Kamera: Paul Sarossy - Schnitt: Christopher Donaldson - Musik: Mychael Danna - Verleih: Tiberius Film - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Dean Norris, Christopher Plummer, Martin Landau, Jürgen Prochnow, Henry Czerny, Bruno Ganz, Natalie Krill, James Cade, Peter DaCunha, Sofia Wells, Kim Roberts, T.J. McGibbon, Sugith Varughese, Stefani Kimber, Duane Murray
Kinostart (D): 31.12.2015

DVD-Starttermin (D): 02.06.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3704050/

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