Rachel

(F / B 2009; Regie: Simone Bitton)

Propaganda der guten Absicht

„Israelkritik“ weiß von sich selbst am besten, dass sie es nur gut meint. Dadurch immunisiert sie sich gegen Einwände. Werden die dennoch erhoben, fühlt sie sich gegeißelt und einem imaginierten Diktat des Tabus unterworfen. Darüber jammert sie sodann in den auflagenstärksten Zeitungen und zu den besten Sendezeiten so lange, bis ihr endlich in Gestalt unzähliger Auszeichnungen, die der Kulturbetrieb eben bereit hält, der flächendeckend beklagte Maulkorb geadelt wird. An diesem Dilemma leidet nicht bloß die stets vor Kühnheit zitternde Prominenz vom Schlage eines, sagen wir, Martin Walsers, Norman Finkelsteins oder Noam Chomskys. Auch kleinere Fische sind der omnipotenten Knute des Philosemitismus ausgeliefert und deswegen genötigt, Sprachcodes zu entwickeln, die ihre freundlichen Absichten umso vehementer unterstreichen.

Die Regisseurin Simone Bitton beispielsweise verfolgt mit ihrem Dokumentarfilm „Rachel“ hehre Ziele. Eigentlich möchte sie vom Todesfall der 23-jährigen amerikanischen Friedensaktivistin Rachel Corrie erzählen, die im März 2003 im Gazastreifen unmittelbar an der Grenze zu Ägypten ums Leben kam. Bei dem Versuch, zusammen mit einer Handvoll Mitglieder der Organisation ISM durch gewaltlosen Widerstand den Abriss palästinensischer Wohnhäuser zu verhindern, erfasste sie der Bulldozer. Der Fall kursierte in den israelischen und internationalen Medien und wurde schnell ad acta gelegt. Bleibt die Frage bestehen, ob es sich um einen Unfall oder Absicht handelte. Dies klärt nun in investigativer Manier Bittons Film. Zumindest wird das behauptet. Dazu begibt sie sich an den Schauplatz, filmt in langen Einstellungen die Ruinen der Region, montiert Videoaufnahmen, Fotos und Dokumente zu all den Stimmen, die postum das Geschehen rekonstruieren und den Menschen Rachel konturieren sollen: Ärzte, Militärsprecher, Freunde, Mitaktivisten, Augenzeugen, Soldaten, Lehrer, die Eltern. Das Credo lautet distanzlose Distanz, und eine Agenda ist in den Bildern explizit formuliert: Liest der oberbefehlshabende Kommandant seinen Abschlussbericht, in dem er zu dem Schluss kommt, dass es sich um eine Unfall gehandelt habe, sehen wir minutenlang einen Bulldozer während einer Testfahrt; spricht ein palästinensischer Apotheker am Tatort über das, was er damals beobachtete, bewegt sich die Kamera langsam zur angrenzenden Mauer. Nach Erste-Hilfe-Maßnahmen alarmierte er übers Handy einen befreundeten Arzt: „The jews have killed our friend Rachel Corrie.“ Nicht nur in den Bildern ist die politische Agenda explizit formuliert.

Agitation ist Ehrensache, der Tod hingegen ein Martyrium, politisch wie biographisch. Im Presseheft erklärt Bitton ihre zentrale Motivation: „Am wichtigsten war mir, dass Rachel Corrie im Alter von 23 Jahren gestorben ist und ich 53 Jahre alt bin; ich trauere um meine Jugend. In Rachel Corrie sehe ich sowohl die junge Frau, die ich selbst einmal war, als auch die Tochter, die ich gern gehabt hätte.“ So starb Rachel Corrie also für den geschundenen Familienroman und die verlorene Jugend Bittons. Alles weitere erledigt ein aufklärerischer Impetus, der vor jeder Aufklärung auf der Suche nach einer Märtyrerin ist. Sein Subjekt, Rachel Corrie, ist ihm dabei so lang wichtig, wie es sich als repräsentatives Opfer der Macht des reuelosen Besatzers eignet. Darum lesen die Eltern E-Mails ihrer Tochter vor und dürfen ansonsten schweigen. Darum gibt es keinen eliminatorischen Antisemitismus, keine Hamas und keine Selbstmordattentate, in diesem verwüsteten Gazastreifen, weder in den Bildern noch in den Gesprächen. Darum antwortet ein junger linker palästinensischer Widerständler auf die Frage nach den Gründen seines Engagements, dass er die Kämpfe im Warschauer Ghettos verstehe, die Menschen hätten keine Hoffnung gehabt, aber er verstehe, warum sie es taten.

Im Abspann rappt ein früherer Mitaktivist über Rachel Corrie: „She had to come to stop the tanks, that were built, bought and brought by her brothers, the yanks – an american citizen with palestinen blood.” Eine endgültige Klärung der Faktenlage kann der Film nicht bieten. Aber das ist kein formales Manko, sondern kühl kalkulierte Folge programmatischer Agitation. „Wenn sie nicht gestorben wäre, hätte sie ihre Reinheit und Unschuld verloren? Hätte sie sie einer pragmatischen Haltung oder der Realität geopfert?‘, fragt sich Bitton im Presseheft. So ist sie eben, die Propaganda der guten Absicht: unschuldig bis aufs Blut und noch reiner als ihre Opfer, die sie für den Beweis ihrer Unschuld pragmatisch zu Kronzeugen degradiert.

Benotung des Films :

Sven Jachmann
Rachel
(Rachel)
Frankreich / Belgien 2009 - 100 min.
Regie: Simone Bitton - Drehbuch: Simone Bitton - Produktion: Thierry Lenouvel - Kamera: Jacques Bouquin - Schnitt: Catherine Poitevin, Jean-Michel Perez - Verleih: Arsenal - Besetzung:
Kinostart (D): 11.11.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1396222/
Foto: © Arsenal

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