Paterson

(USA 2016; Regie: Jim Jarmusch)

80er-Poesie

Ist es ein untrügliches Zeichen dafür, dass man beginnt, alt zu werden, wenn man sich für einen Film von Jim Jarmusch erwärmen kann? War es nicht eher die furchtbare Erfahrung, wie sich ein studentisches Programmkino-Publikum über den kauzigen Humor von „Down by Law“ beömmelte, die den »Kult-Regisseur« für Jahrzehnte zum No-Go werden ließ? Wenn man sich nicht immer schon für alte Männer mit Spleens wie Tom Waits, Iggy Pop, Armin Müller-Stahl oder Neil Young interessierte, war wohl „Ghost Dog“ die erste Gelegenheit zur versöhnlichen Wiederbegegnung. Und „Broken Flowers“ hatte die Musik von Mulatu Astatke in petto.

Aber „Paterson“ ist ein ganz anderes Kaliber, erzählt dicht und durchdacht von Kreativität und Spontaneität, von der Lust, die Welt zu gestalten und von der Lust, für sich zu sein. Paterson, der so heißt wie die Stadt in New Jersey, in der er lebt, ist Busfahrer und Poet. Seine Poetik ist derjenigen William Carlos Williams‘ verpflichtet, der mit seiner Dichtung von Dingen, nicht von Ideen ausging. Auch WCW hat in Paterson gelebt, als Arzt gearbeitet und nebenher gedichtet.

Ein paar Tage folgen wir Paterson und seiner Frau Laura durch ihren Alltag. Seiner ist stark strukturiert, er war beim Militär; sie ist impulsiv und hat viele Träume. Gerade weil der Filme sich fast schon meditativ auf das oberflächlich Immergleiche des Alltags einlässt, werden schnell die kleinen Sensationen, die Begegnungen und die damit verbundenen Geschichten sichtbar. Wenn Paterson und Laura, die eine begnadete Designerin, Innenarchitektin, Bäckerin und Countrysängerin ist, gemeinsam ins Kino gehen, schauen sie sich „Island of Lost Souls“ von 1932 an und fühlen sich ein wenig wie im 20. Jahrhundert. Auch „Paterson“ selbst, mit seinem in der Stadt vielfach geteilten Faible für Poesie, fürs Schreiben, fürs Fotokopieren, fürs Handwerkliche, fürs Sammeln von Zeitungsausschnitten und seiner auffälligen Distanz zum Internet und allem, was damit zu hat, hätte sich, sagen wir: 1987 ganz wohl gefühlt. Manufactum-Arthaus? Altmodisch? Eher vielleicht nachhaltig – und bei aller »Verzauberung des Alltags« wohl auch ganz materialistisch ein zarter Hinweis darauf, dass man nicht länger damit rechnen sollte, dass die Kultur-Arbeit zum Broterwerb taugt.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Hier gibt es eine weitere Kritik zu 'Paterson'.

Paterson
(Paterson)
USA 2016 - 117 min.
Regie: Jim Jarmusch - Drehbuch: Jim Jarmusch - Produktion: Joshua Astrachan, Carter Logan - Kamera: Frederick Elmes - Schnitt: Affonso Gonçalves - Musik: Drew Kunin - Verleih: Weltkino - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Adam Driver, Golshifteh Farahani, Kara Hayward, Luis Da Silva Jr., Sterling Jerins, Jared Gilman
Kinostart (D): 17.11.2016

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt5247022/

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