Paradies: Hoffnung

(AT / F / D 2013; Regie: Ulrich Seidl)

Welpenschutz unter der Käseglocke

In den ersten beiden „Paradies“-Filmen leben die zwei weiblichen Hauptfiguren in der Hölle auf Erden – und schmeißen kräftig Brennholz nach. Dritte weibliche Figur in Seidls Trilogie der Christlichen Tugenden ist nun die dreizehnjährige Melanie (Melanie Lenz), Tochter der Sextouristin aus „Paradies: Liebe“ und Nichte der Radikalmissionarin aus „Paradies: Glaube“. Für das Leid, das ihr bevorstehen wird, trifft sie nicht die geringste Schuld – was sie auch zugleich von ihren Vorgängerinnen am stärksten unterscheidet. Bislang ist Melanie nur Opfer des gesellschaftlichen Blicks auf ihren leicht übergewichtigen Körper. Um Opfer und Täterin zu werden und sich, so ausbuchstabiert, in die Phalanx schmerzhaft ambivalenter Seidl-Charaktere einzureihen, fehlen ihr womöglich noch ein paar Jahre. Deswegen heißt ihr Ferienprogramm vorerst nur Drangsal der eigenen Physis und Psyche. Während die Mutter in Kenia ihre Einsamkeit mit kolonialen Gefühlen betäubt, muss Melanie den Sommer in einem Diätcamp verbringen.

Ankunft, Abschied, Antritt. In der symmetrischen Schönheit der hässlichen Einrichtung steckt, das war vorherzusehen, das Gesetz der Schwarzen Pädagogik. „Wir arbeiten hier mit Disziplin, Freunde. Disziplin ist das Um und Auf für den Erfolg, im Leben, im Sport und überall anders auch“, proklamiert der Sportlehrer (Michael Thomas), der sich ständig ruhigen Schrittes, mit ernstem Blick und abstehenden Armen durch die Turnhalle und Korridore bewegt, als würde er gerade in eine Wrestlingarena einmarschieren. Monoton lässt er die Pubertierenden Purzelbäume schlagen und im Kreis laufen; er steht derweil in der Mitte und schwingt die imaginäre Peitsche. Zu mehr Brutalität ist er nicht befugt. An anderer Stelle hält die Ernährungsberaterin die Gruppe an zum rhythmischen Chorgesang: „If you’re happy and you know it, clap your fat!“ Deutlicher darf sie die Jugendlichen nicht verhöhnen.

Demütigung, Bestrafung, Ausbeutung, Autorität, Regeln, Disziplin: Man weiß dank Seidl, welch fürchterliche Gestalten dies alles annehmen kann, was es aus Menschen macht, die ihrerseits wiederum andere Menschen machen. Liebe und Glaube wurden bereits suspendiert, an der Hoffnung jedoch hält Seidl fest, jedenfalls stärker als in all seinen anderen Filmen. Die Teenager ertragen die Dressur mit ruhiger Miene. Ihre Würde holen sie sich zurück, wenn sie unbeobachtet sind und sich dann über Verbote hinwegsetzen auf den üblichen Wegen pubertärer Grenzüberschreitungen: Rauchen, Saufen, Flaschendrehen, Strippoker, nachts den Kühlschrank plündern oder sich vom Gelände in die Dorfdisco davon stehlen. Die Disziplinierung schlägt fehl, einerseits. Und damit wäre tatsächlich eine gewisse Hoffnung verbunden. (Trotzdem folgt die Strafe immer auf dem Fuße, was da bspw. heißt, schweigend, ausgestreckt und unter den Augen des Sportlehrers die Nacht auf dem kalten Flurboden verbringen zu müssen.) Überhaupt scheinen die Kids am wenigsten an und mit ihren Körpern zu leiden. Ihre improvisierten Gespräche drehen sich ohne die geringste Gehässigkeit um andere Dinge, die ihre Welt bedeuten: Wie war der erste Kuss, wie das erste Mal? Und glaubst du, unser Diätarzt (Joseph Lorenz) steht auf mich?

Zum eher karikaturesken Blick auf die Kontrollanstalt gehört andererseits aber auch noch eine Lolitavariation: Melanie ist zum ersten Mal verliebt, ausgerechnet in besagten, vielleicht fünfzigjährigen Arzt (adrett und jung geblieben, Sakko-, aber kein Sockenträger), dessen Praxis sie täglich unter fadenscheinigen Vorwänden aufsucht. Es ist beachtlich, wie selbstbewusst das schweigsame Mädchen seine Autorität ins Wanken bringt. Es ist aber gleichfalls beängstigend, dass ihre Avancen nicht unerwidert bleiben: Spätestens wenn sie ihn mit dem Stethoskop abhört, vereinen sich fehlende Distanz und Doktorspiel zur latent bedrohlichen Situation.

Die Symmetrie der Bilder überträgt sich in eine Symmetrie der Handlungen. Hinter jedem unschuldigen Spiel lauert im zweiten Schritt die Gefahr: Melanies erstes Besäufnis bleibt harmlos. Ein paar Bier, abends, heimlich und in der Gruppe. Die zweite Sauftour endet im Exzess (und der hat schon aus den Erwachsenen der „Hundstage“ die abscheulichsten Eigenschaften hervorgekitzelt). Jägermeister, nachts, zusammen mit der Freundin in einer verranzten Kneipe, wohin man sich eigentlich schlich, um den letztlich doch zu gehemmten Arzt mit allen Mitteln des Kontrollverlusts aus dem Kopf zu bekommen. Nur Melanies trunkene Ohnmacht und die Intervention des Wirts bewahren sie schließlich vor der Vergewaltigung durch zwei Großmaul-Buddies.

Zweimal auch ziehen sich Melanie und der Doktor in den Wald zurück. Zuerst, während eines Gruppenausflugs, bleibt‘s bei einer Umarmung, die ihn sichtlich irritiert, weil die zarte Berührung alles über Melanies Sehnsucht nach einem Vaterersatz verrät. Die zweite Begegnung verläuft weitaus bizarrer: Vom Kneipenwirt alarmiert, macht der Arzt auf dem Rückweg zur Klinik mit Melanie halt auf einer Lichtung, legt das komatöse Mädchen ins Gras, schnüffelt an ihr wie ein scheuer Hund – und legt sich friedlich neben sie.

Selbstkontrolle der Verantwortungsträger, Naivität des Teenager-Ichs: Überall, wo die Jugendlichen mit so etwas wie Gesellschaft in Berührung kommen, lauert bereits die Destruktivität: in der Kälte der Familie, im Drill zur Selbstdisziplinierung und Hörigkeit durch die Institution, in den gerade noch gedeckelten Perversionen der Erwachsenensexualität. Ist es ein Welpenschutz, der die Kinder vor dem Allerschlimmsten bewahrt? Sie sind zu unschuldig, um ihre Situation zu begreifen, wohingegen die Erwachsenen ihren Krieg der Köpfe und Körper am unerbittlichsten noch unter ihresgleichen ausfechten. Ob das nun der Hoffnung, dem Optimismus, der Ruhe vor dem Sturm oder falscher Milde das Wort spricht, ist ohnehin keine Frage der korrekten Diagnose. Im Interview mit der filmgazette sagt Ulrich Seidl: „Wenn man wachen Auges und Geistes durch die Welt geht, ist Optimismus ja nicht wirklich möglich, nicht?“ Seine Konstruktion von Jugend unter einer brüchigen Käseglocke jedenfalls ist für Figuren und Publikum eine allemal erbauliche Erfahrung.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Benotung des Films :

Sven Jachmann
Paradies: Hoffnung
Österreich / Frankreich / Deutschland 2013 - 92 min.
Regie: Ulrich Seidl - Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz - Produktion: Ulrich Seidl - Kamera: Edward Lachman, Wolfgang Thaler - Schnitt: Christof Schertenleib - Verleih: Neue Visionen - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Melanie Lenz, Verena Lehbauer, Joseph Lorenz, Viviane Bartsch, Rainer Luttenberger, Hannes A. Pendl
Kinostart (D): 16.05.2013

DVD-Starttermin (D): 27.09.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2371834/

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