Paradies: Glaube

(D / F / AT 2012; Regie: Ulrich Seidl)

Groteske der Verzweiflung

Es hätte der inkriminierten Masturbationsszene mit dem Kruzifix gar nicht bedurft, um „Paradies: Glaube“ wuchtig erscheinen zu lassen. Schon die Szenen, in denen sich die Protagonistin Gebete murmelnd, sich selbst geißelnd oder auf Knien durch die Wohnung rutschend zeigt, sind beklemmend genug. Oder kratzen an der Grenze zur (unfreiwilligen) Komik. Die Masturbationsszene jedoch streift die Grenze zur Karikatur, weil hier eine These Seidls auf den (visuellen) Punkt gebracht wird, die man derart simplifizierend nun doch nicht sehen muss. Zum Glück sind in „Paradies: Glaube“ derlei polemische Zuspitzungen die Ausnahme.

Nachdem Ulrich Seidl im ersten Teil seiner „Paradies“-Trilogie seine mittelalte Protagonistin Teresa auf der Suche nach Liebe, Würde und Selbstbewusstsein in ein Ferien-Resort nach Kenia begleitet hatte, bleibt er im zweiten Teil bei deren Schwester Anna Maria (Maria Hofstätter, die Anhalterin aus „Hundstage“) in Wien. Die arbeitet als MTA in der Röntgenabteilung eines Krankenhauses und geht in ihrer Freizeit, im Urlaub mit einer „Wandermuttergottes“ im Milieu der Migranten und Abgestürzten missionieren.

Als katholische Fundamentalistin, die die Liebe zu Jesus etwas zu wörtlich nimmt, die sich schmerzhaften Bußübungen hingibt und deren Bet-Gruppe sich als „Sturmtruppe der Kirche“ bezeichnet. Wenn sich so eine Fanatikerin hingebungsvoll und streng gestrandeter Agnostiker und Andersgläubiger annimmt, dann sorgt das für eine unangenehme Portion Fremdscham, was an ältere Filme Seidls wie „Tierische Liebe“ oder „Hundstage“ erinnert. Aber die Szenen gehen in Fremdscham nicht auf, weil Missionare ja nicht nur in Ostfriesland auch gerne mal totgeschlagen werden. Und auch Anna Maria macht sich angreifbar in ihrer bohrenden Unnachgiebigkeit, ihrem Beharren auf Kontrolle. Ihre tapferen Missionsbegegnungen in den Wiener Vorstädten sind mal erschreckend, mal berührend, mal skurril und manchmal auch schon etwas gefährlich. Und führen darüber hinaus zu schönen Wiederbegegnungen mit Menschen, die man aus anderen Filmen Seidls bereits kennt wie »Busenfreund« René Rupnik, in dessen Wohnung der Platz für die „Wandermuttergottes“ recht knapp bemessen ist.

Doch denunziert Seidl die frömmelnde Katholikin so wenig wie er die Sextouristin in „Paradies: Liebe“ denunzierte: eher sorgt er sich um Zwischentöne. In der etwas groben Versuchsanordnung „Frömmlerin in einer säkularen Gesellschaft“ werden ganz andere Konflikte sichtbar. Und Seidl insistiert, bohrt nach, spielt: nachdem er Anna Maria einen Gutteil der Wegstrecke begleitet hat, erhöht er unvermittelt die Schmerzgrenze für die Figur. Plötzlich steht nämlich deren Mann Nabil in der Wohnung: ein querschnittgelähmter Ägypter, der insistierend seine Rechte als Ehemann einfordert und eifersüchtig reagiert, als er merkt, dass es Anna Maria offenkundig sehr ernst ist mit der Leugnung des Fleischlichen. Jetzt beginnt in der Wohnung ein erbitterter Glaubenskrieg, der zunächst um religiöse Symbole kreist. Letztlich jedoch geht es beiden Antagonisten nicht um Religion, sondern um Macht – und rasch wird klar, dass Anna Maria sich der Religion bedient, um sich von ihrem tyrannischen Ehemann zu emanzipieren. Dessen Rückkehr wird zu einer Herausforderung ihrer Gottgefälligkeit, die ohnedies nicht von Barmherzigkeit und der Achtung der Kreatur geprägt ist.

An ihrem Arbeitsplatz, wo sie es mit Kranken und Hilflosen zu tun hat, gibt sich Anna Maria kühl und professionell – und auch die in Pflege genommene Katze hätte sicher etwas mehr Fürsorge brauchen können. Es passt ins Bild, wenn Anna Maria ihrem gelähmten Gegner schließlich den Rollstuhl fortnimmt und die Türen verschließt. Wie in einer Groteske der Verzweiflung sieht man in einem der von Seidl betont artifiziell stilisierten Tableaus (Kamera: Ed Lachman) Nabil am Boden durch die Wohnung kriechen. Schimpfend und zeternd. Schrecklich. Drastisch. Brutal. Aufreizend komisch. Es ist nun nicht so, dass Anna Maria in ihrer forcierten Form des Glaubens Erlösung fände, sondern tatsächlich findet sie ihre Liebe zu Jesus nicht erwidert. Und dieses Erleben eines permanenten Scheiterns und Verfehlen der eigenen Sehnsüchte ähnelt fatal demjenigen »Schicksal« ihrer Schwester in Afrika. Aus der fundamentalen Einsamkeit führen keine Abkürzungen heraus, solange die Machtfragen nicht geklärt sind.

So wie die Sehnsucht nach Liebe unter den herrschenden Bedingungen zu Sextourismus führt, so führt die Sehnsucht nach Gnade im Glauben zur Bigotterie. Hier erwächst aus der Tabuisierung der Sexualität eine ganz besondere Lust, eine Angst/Lust, die, glaubt man Seidl, im Katholizismus strukturell angelegt ist. Auf den dritten Teil der Trilogie, der die jüngere Generation in den Blick nimmt, darf man gespannt sein, so freud- und erschütternd hoffnungslos sind die ersten beiden Bestandsaufnahmen ausgefallen.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Benotung des Films :

Ulrich Kriest
Paradies: Glaube
Deutschland / Frankreich / Österreich 2012 - 113 min.
Regie: Ulrich Seidl - Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz - Produktion: Ulrich Seidl - Kamera: Edward Lachman, Wolfgang Thaler - Schnitt: Christof Schertenleib - Verleih: Neue Visionen - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Maria Hofstätter, Nabil Saleh, Natalya Baranova, Rene Rupnik, Daniel Hoesl
Kinostart (D): 21.03.2013

DVD-Starttermin (D): 27.09.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2371824/

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