Only God Forgives

(F / DK / TH 2013; Regie: Nicolas Winding Refn)

Abziehbilder der Gewalt

Bevor der eigentliche Abspann beginnt, wenn das Metzeln beendet ist und das Blut fast getrocknet, nimmt eine Widmung die gesamte Leinwand ein: „Dedicated to Alejandro Jodorowsky'. Dies kommt nicht von ungefähr: Nicolas Winding Refn, der für „Drive“ in Cannes den Regiepreis gewann und mit dem stylishen Gangsterfilm bewies, dass er das Regelwerk Hollywoods mit dem europäischen Arthousefilm zu verknüpfen versteht, verehrt den chilenischen Kultregisseur über alle Maßen. Das zeigte sich auch beim diesjährigen Festival in Cannes, als dem 84-jährigen Jodorowsky nicht nur für dessen ersten Film seit 22 Jahren eine Bühne bereitet, sondern auch mit der Doku „Jodorowskys Dune“ Tribut gezollt wurde. In der Rekonstruktion eines der am spektakulärsten gescheiterten Projekte der Filmgeschichte, für das Jodorowsky unter anderem Salvador Dalí, Orson Welles und Pink Floyd engagierte, tritt Refn als Fanboy auf, der dem Regisseur von „El Topo“ seine filmische Sozialisation verdanke. Als Fan saß Refn auch nach der Vorführung minutenlang im Saal vor Jodorowsky und huldigte dem Pionier des Mitternachtskinos.

Wenn nun Refns neues, mit immenser Spannung erwartetes Racheepos „Only God Forgives“ diesen Referenzraum eröffnet, scheitert er in mehrfacher Hinsicht. In seiner ausgestellten Oberflächlichkeit und nur als selbstzweckhaft zu bezeichnenden Brutalität hat die Gewaltorgie im thailändischen Unterweltmilieu rein gar nichts mit Jodorowskys surrealer Spiritualität zu tun. Selbst die Schockmomente, die beide Filmemacher einen, sind von höchst unterschiedlicher Qualität. Insbesondere die Dramaturgie von „Only God Forgives“ wirkt eigentümlich unterentwickelt und unfertig, die Charaktere sind reine Abziehfiguren, die in Zeitlupe durch die neongetränkten Bilder schlafwandeln. Lediglich Kristin Scott Thomas als prollige Gangstermama bringt etwas Leben in den blutleeren Plot und wird dann allzu früh schnöde abgeschlachtet. Ryan Gosling dagegen schweigt sich noch einmal durch seine „Drive“-Rolle, die diesmal, ohne den 73er Chevrolet Chevelle, lediglich auf Autopilot vor sich hin tuckert.

Die entrückten Bilder von „Only God Forgives“ ergeben einen hübschen, vielversprechenden Trailer, aber statt der gesamten, immer quälenderen 90 Minuten sollte man vielmehr einen Blick in „El Topo“ oder „Montana Sacra“, Jodorowskys Meisterwerke aus den Siebzigern, werfen und den eigentlich immens talentierten Nicolas Winding Refn diesmal in der Fankurve stehen lassen.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Benotung des Films :

Carsten Happe
Only God Forgives
Frankreich / Dänemark / Thailand 2013 - 90 min.
Regie: Nicolas Winding Refn - Drehbuch: Nicolas Winding Refn - Produktion: Lene Børglum - Kamera: Larry Smith - Schnitt: Matthew Newman - Musik: Cliff Martinez - Verleih: Tiberius Film - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Tom Burke, Yayaying, Sahajak Boonthanakit, Vithaya Pansringarm, Gordon Brown, Joe Cummings, Oak Keerati
Kinostart (D): 18.07.2013

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1602613/

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