Noise and Resistance

(D 2011; Regie: Julia Ostertag, Francesca Araiza Andrade )

DIY Till Death

Man könnte diesen Dokumentarfilm als Reaktion auf ein 25jähriges Jubiläum verstehen: Nachdem sich die englische Politpunk-Band Crass im Orwell-Jahr auflöste, begeben sich die Regisseurinnen Julia Ostertag („Gender X“ (2005), „Saila“ (2008)) und Francessca Araiza Andrade auf die Suche nach dem, was gegenwärtig übriggeblieben ist von Punk und vor allem DIY. DIY ist das programmatische Signum für die antikommerzielle Geste der Vernetzung und Eigeninitiative Do it Yourself, die in den 80ern mit Hardcore die wohl letzte politisch relevante Jugendsubkultur erzeugen und Legionen an Bands, Labels, Konzertgruppen, autonomen Zentren, Mailorder, Fanzines usw. beflügeln sollte – Soundtrack für eine autonome Szene, die sich mit den Jahren immer weiter diversifizierte und so viele Subszenen bildete, dass Außenstehende nicht zu Unrecht die Verbindung solch inhaltlich unterschiedlicher Positionierungen wie der Selbstentblößung des Emocores, dem anarchistischen Crustpunk oder dem puritanischen Revolutionspathos von Straight Edge (das Mitte der 90er Jahre derart pervertieren sollte, bis selbst konservative Mittelstandskids wie Earth Crisis relativ unbeschadet gegen Abtreibung und Homosexualität agitieren konnten) allenfalls in der höchst aggressiven Musik erkennen konnten.

Zwei ehemalige Crass-Aktive kommen mit Gee Vaucher und Penny Rimbaud denn auch regelmäßig zu Wort und bilden als Vertreter der ganz alten Garde, neben Protagonisten der „zweiten Generation“ wie John Active vom ehrwürdigen Londoner Anarcho-Mailorder Active Distribution oder der niederländischen Hardcoreband Seein Red, das historische Bindeglied dieser Reise durch die europäischen Metropolen. Und wie es bei Reisen meist so ist: für tragfähige, dauerhafte Eindrücke sind sie in der Regel zu kurz. Das kann man dem Film wahlweise als Vor- oder Nachteil ankreiden.

Eine Lehrstunde in Geschichte will er nicht geben. Von einem kurzen Rückblick auf die Bandhistorie von Crass abgesehen, fällt kein Wort über europäische oder gar amerikanische Entwicklungen. Alles, was interessiert, ist der Ist-Zustand, den die Regisseurinnen in Russland, Spanien, Schweden, England und Deutschland aufspüren (dem Gegenstand angemessen übrigens in ebenbürtiger DIY-Manier, die jedes Produktionsdetail in den eigenen Händen behält, weswegen sich denken lässt, welch organisatorischer Kraftakt hinter dem Projekt stand). So sammeln sich zahlreiche Szene-Stimmen, die unkommentiert von sich und ihren Motivationen erzählen. Worum es dabei keinesfalls geht: das Leid zu klagen von der Unmöglichkeit als Musiker heutzutage, im Angesicht von digitalem Datenklau und beständiger Selbstvermarktung, ohne Zugeständnisse überlebensfähig zu bleiben. Hier ist bereits das Prozessuale Politikum, die Verweigerung zugleich auch utopischer Entwurf, Selbstermächtigung ein Statement wider die Ohnmacht. Der Aktivismus ist gleichbedeutend mit einem Gegenmodell – der Suche nach Möglichkeiten, dem gesellschaftlichen Zugriff zu entkommen. Und so allgemein dies nun auch klingt, konkreter wird das Ansinnen der Beteiligten nicht greifbar. Regionale Unterschiede erschließen sich höchstens indirekt, so sie denn als kurze Schlaglichter überhaupt annähernd repräsentativ sein können. Was sich hingegen erschließt, ist ein Geflecht weltweiter Vernetzung, das stets Öffentlichkeit und Teilhabe beansprucht. Wird in Barcelona eine Hausruine samt leer stehendem Hof besetzt, um darauf ein Festival zu organisieren, spielen dort selbstverständlich auch Antimaster aus Mexiko. In Russland, wo sich eine DIY-Kultur gerade erst vergleichsweise zaghaft zu etablieren beginnt, bedeuten die Netzwerke gar ein lebensnotwendiges Refugium. Im Wissen um den dort grassierenden, europaweit vielleicht massivsten Rechtsruck ist der zunächst übertrieben scheinende martialische Eindruck schnell verschwunden, wenn die Bandmitglieder von What We Feel (deren Fortbestehen nach einer ursprünglich einmaligen Konzertreihe beschlossen war, nachdem ein Freund auf einem ihrer Konzerte ermordet wurde) kollektiv die Messer präsentieren, ohne die sie das Haus niemals verlassen.

Selbstkritik bleibt, abzüglich einiger kurzer Statements von Sookee aus Berlin, im Prinzip außen vor. Umgekehrt jedoch erweist sich Kritik als (bildsprachlich niemals forcierte) Folge der dargebotenen Praxis: Natürlich kann man nach der Geschichtsblindheit von Seein Red fragen, wenn sie seit 20 Jahren vom Proletariat als grundgute Lohnsklaven auf der Bühne brüllen, nach dem anscheinend selbstverständlich vorausgesetzten emanzipatorischen Kern von DIY, wenn er doch „auch eine Form von Kommunismus oder Anarchismus ist. Denn er steht für Leute, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen.“ Gilt das nicht ebenfalls für organisierte Nazis? Man kann sich ärgern, wie Naturbeherrschung erschreckend technophob mit Naturunterwerfung in der Nestwärme des Kommunedasein kontrastiert wird, wenn die norwegischen Ökopunks La Casa Fantom resümieren: „Mir scheint, die Menschheit hat sich eine eigene Welt geschaffen und die ist beispielsweise nicht mit den Gesetzen der Natur im Einklang. Es ist nicht natürlich. Ich brauche nichts, was die Gesellschaft mir zu bieten hat. Ich will vielleicht ein paar Bäume pflanzen.“ Man kann sich wundern über Hybris und religiösen Furor, pädagogischen Eifer und Missionierungsdrang der Sängerin von Sju Svåra år, wenn das Bekenntnis „Mir ist es wichtig, etwas zu sagen, wenn ich auf der Bühne bin; ich muss die Chance nutzen, um das zu vermitteln“ zu Textzeilen wie „Ich hasse diese Gesellschaft, und ich werde alles tun, um aus ihr eine bessere Gesellschaft zu machen“ führt. Man kann fragen nach Sexismus beim Anblick der pogenden Männergrüppchen oder nach Strukturen der freiwilligen Selbstausbeutung, nach den Grenzen des in dem Zusammenhang ständig beschworenen, aber nie konturierten Freiheitsbegriffs, also: nach der Kohärenz von Parole und Lebenswirklichkeit. Der Film wirbt für vieles, ganz sicher aber nicht für den Anachronismus und die Selbstreferentialität so mancher Aktion und Haltungen, die seit über 25 Jahren, trotz szeneinterner Spaltungen, unverändert blieben. Das erledigen einige der Mitwirkenden selbst, ohne in irgendeiner Weise desavouiert zu werden. Letztlich lässt sich vielleicht am besten von Widersprüchen erzählen, indem man ihnen distanzlos gegenüber tritt.

Benotung des Films :

Sven Jachmann
Noise and Resistance
(Noise and Resistance)
Deutschland 2011 - 91 min.
Regie: Julia Ostertag, Francesca Araiza Andrade - Produktion: Julia Ostertag, Francesca Araiza Andrade - Kamera: Julia Ostertag, Francesca Araiza Andrade - Schnitt: Julia Ostertag, Francesca Araiza Andrade - Verleih: Neue Visionen - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: (Mitwirkende) Active Distribution, Antimaster, CRASS, Disfear, Fall of Efrafa, La Casa Fantom, Personangrepp, PolitZek, Rubella Ballet, Seein Red
Kinostart (D): 16.06.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1781874/

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