Meek’s Cutoff

(USA 2010; Regie: Kelly Reichardt)

Die Eroberung des Nutzlosen

Der Western wird wohl kein 'richtiges' Revival mehr erleben, aber sein langsames Sterben zieht sich weiter dahin. Immer, wenn man glaubt, jetzt ginge wirklich gar nichts mehr, nein, immer, wenn man glaubt, dass niemand mehr das vollständige Verschwinden des Western überhaupt noch bemerken würde, kommt ein Meisterwerk oder zumindest ein beachtlicher neuer Beitrag zum Genre in die Kinos. 'Todeszug nach Yuma' oder True Grit' mögen handwerklich befriedigende Fingerübungen gewesen sein, doch 'Erbarmungslos' oder die HBO-Fernsehserie 'Deadwood' können es mit den Klassikern des Genres allemal aufnehmen. Trotzdem war es eine Überraschung, als es hieß, Indie-Ikone Kelly Reichardt werde als nächstes einen Western drehen. Schließlich hatte die Filmemacherin in den vergangenen Jahren mit einem idiosynkratischen Kino des Minimalismus international reüssiert. Ihre Filme 'Wendy and Lucy' und 'Old Joy' waren zwar keine Kassenschlager, aber Kritik und erklärte Fans reagierten durchaus enthusiastisch. Und jetzt ein Western?

Nun gibt es im Westernland ja nicht nur die Jungsfilme mit ihren Action-Sequenzen und Shoot-outs, sondern auch das Sub-Genre der Filme der Langsamkeit und Stille, die unter Cineasten weitaus höher gehandelt werden, wenngleich sie kaum bekannt sind. Zum Beispiel 'Wagon Master' (1950) von John Ford. Ende der 60er Jahre drehte Monte Hellman zwei Western: 'Ride in the Whirlwind' und The Shooting'. Zuvor hatte Hellman an seinem Studententheater erstmals in den USA 'Warten auf Godot' von Beckett inszeniert. Man könnte Hellmans Western als existentialistisch bezeichnen, auf jeden Fall aber als Meta-Western, die mit dem Wissen des Zuschauers um das Genre spielen.

Hier setzt auch Reichardt an, wenn sie eine Episode vom Oregon Trail aus dem Jahre 1845 schildert. Unzählige Western haben ihre Geschichten entlang eines Trecks angelegt; Reichardt aber erzählt den Treck – und zeigt damit einen ganz erstaunlichen Stilwillen. 'Meek’s Cutoff' ist ein minimalistischer Western, der – wenn man so will – Antonioni mit Malick und Hellman mit Herzog kombiniert. Es ist ein Film, der erfüllt ist vom Quietschen der Planwagen, mit denen sich drei Paare durch die Hochplateau-Wüste Oregons quälen. Als wir dem Treck erstmals begegnen, ist die Stimmung bereits gedrückt. Man hat den Trapper Stephen Meek als Führer engagiert, der seinerseits die titelgebende Abkürzung gewählt hat. Jetzt geht dem Treck allmählich das Wasser aus. Das Reisetempo ist schleppend, der Weg mühsam, die ausgedörrte Hochebene scheint endlos. Allmählich regt sich in der unbedarften Reisetruppe leises Misstrauen gegenüber dem Führer, was den völlig unberührt lässt.

Das Western-Genre und insbesondere die Spät-Western sind voll von merkwürdigen Trappern, denen das Leben zwischen Zivilisation und Wildnis nicht immer gut bekommen ist. Man erinnere sich nur an den Trapper in Michael Ciminos 'Heaven’s Gate', der buchstäblich in den Kinosaal hinein zu miefen schien. Oder an Jeremiah Johnson in Sydney Pollacks gleichnamigem Film. Das sind keine edlen Lederstrümpfe mehr. Ein interessanter Fall ist auch Stephen Meek, der glatt als Pfadfinder-Darsteller in einer Wild-West-Show durchginge und sich selbst als Kassandra der Steppe gefällt. Mal kalauert er, mal spricht er in Rätseln. Sogar in aussichtslosen Situationen bleibt sein in sich hinein kichernder Optimismus ungebrochen. Vielleicht ist Stephen Meek ein Aufschneider, ein Blender, vielleicht ist er auch einfach wahnsinnig. Auf jeden Fall ist er eine der tollsten Western-Figuren in der Geschichte des Genres, gerade weil die Figur ihr Geheimnis behält.

Weil sich die Kräfteverhältnisse innerhalb der Reisegruppe im Verlauf der Krise verschieben, rückt Meek vom Zentrum ins Abseits. Hier zeigt sich die große Kunst Reichardts, die die Frauen zunächst immer am Rande des Geschehens zeigt, wo sie auf ihre Rolle als Beobachter der Männer beschränkt bleiben. Man sieht die Männer zusammen stehen und sich beratschlagen, doch man hört (genau wie die Frauen) ein paar Gesprächsfetzen, die indessen rätselhaft bleiben. Als ein Indianer gefangen genommen wird, kippt der Film. Während Meek sofort vorschlägt, den Indianer zu töten, damit dieser nicht zur Gefahr werden kann, nähert sich Emily vorsichtig an, beginnt ihrerseits Zeichen zu lesen, um etwas zu 'verstehen'. Auch in diesen Szenen offenbart der Film einen subtilen Humor, der davon handelt, wie sich völlige Kommunikationslosigkeit zwischen den Kulturen anfühlt. Wird der Indianer sie zu einer Wasserquelle führen? Oder wird er sie direkt in die Arme der Krieger seines Stammes führen? Die armen Pioniere stecken in der Klemme: Wem sollen sie sich anvertrauen? Dem möglicherweise wahnsinnigen Meek oder dem Indianer? Gleichwohl wird der Film niemals dramatisch: Die Kamera beobachtet stets aus einiger Entfernung; und in den oft wunderschönen Bildern, die an zeitgenössische Malerei erinnern, dominieren Braun- und Ockertöne – nicht einmal der Himmel ist blau. Manchmal erklingt etwas Musik. Hier ist der Film ganz nah dran an Terrence Malicks 'Days of Heaven'. Zeitenthobene Schönheit.

Einmal müssen die Siedler ihre Wagen einen steilen Abhang hinunter abseilen. Während sie sich mit vereinten Kräften mühen, sitzt der Indianer leicht abseits und schaut dem Treiben zu. Hier wähnt man sich in einem Film von Werner Herzog – und das hat jetzt kaum etwas mit 'Fitzcarraldo' zu tun. Sondern vielmehr mit dem fremden Blick auf das seltsame Treiben der Menschen, die all diese Mühen auf sich nehmen, ohne zu wissen, was sie erwartet. Selten wurde die 'Eroberung des Nutzlosen' prägnanter gezeigt als in 'Meek’s Cutoff', einem makellosen Meisterwerk, das völlig aus der Zeit gefallen scheint.

Dieser Text erschien zuerst in: Pony #68

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Benotung des Films :

Ulrich Kriest
Meek’s Cutoff
(Meek’s Cutoff)
USA 2010 - 104 min.
Regie: Kelly Reichardt - Drehbuch: Jonathan Raymond - Produktion: Elizabeth Cuthrell, Neil Kopp, Anish Savjani, David Urrutia - Kamera: Chris Blauvelt - Schnitt: Kelly Reichardt - Musik: Jeff Grace - Verleih: Peripher - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Michelle Williams, Bruce Greenwood, Will Patton, Zoe Kazan, Paul Dano, Shirley Henderson, Neal Huff, Tommy Nelson, Rod Rondeaux
Kinostart (D): 10.11.2011

DVD-Starttermin (D): 20.09.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1518812/
Link zum Verleih: http://www.absolutmedien.de/main.php?view=film&id=1538&list=medien&list_item=2

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