Maps to the Stars

(CAN / USA / F / D 2014; Regie: David Cronenberg)

Big Trouble in der Lindenstraße

„Still it’s just one big happy family ’neath the sun / it’s all full of you and me and he and she and it and everyone / gosh it’s a goofy loony place that we come from / me i ain’t laughin‘ in fact i’m leavin‘ / you keep the car dear i still don’t need it / don’t tell the children / don’t tell the germans / don’t tell the rockefellers / don’t tell no one…“ – Tonio K. –

„I‘m from Jupiter!“, erklärt Agathe Weiss ihrem Chauffeur, dem arbeitslosen Schauspieler und Möchtegern-Drehbuchautor Jerome, als sie in Los Angeles ankommt. Sie wirkt glamourös und etwas verstört – und sie ist gekommen, um ihre Familie zu besuchen und zu konfrontieren. Doch die Familie will sie nicht, hat sie verstoßen, seit sie, der Schizo, das Haus anzündete und fast den Bruder tötete. Agathe trägt lange Handschuhe, um die Brandwunden zu verdecken und kommt direkt aus der Psychiatrie in Jupiter, Florida. Ihr Bruder Benji ist mittlerweile ein drogenabhängiger Kinderstar, dem bereits Jüngere die Show zu stehlen drohen und dessen weitere Karriere davon abhängt, dass er nachweisen kann, dass er aktuell clean ist. Vater Stafford ist eine Mischung aus New Age-Guru, Masseur und Gesprächstherapeut, der mit Selbsthilfe-Ratgebern gutes Geld macht. Über ihre Twitter-Freundin Carrie Fisher bekommt Agathe zunächst einen Job als persönliche Assistentin der Schauspielerin Havana Segrand, deren Karriere gerade dem Ende entgegen geht. Havana würde gerne die Hauptrolle im Remake des Films übernehmen, der einst ihre Mutter berühmt machte – es handelt sich dabei um eine Art von ödipalem Exorzismus.

Abgesehen von Agathe agieren im neuen Film von David Cronenberg sämtliche Figuren am Rande des Nervenzusammenbruchs und changieren bestenfalls zwischen unsympathisch und zynisch. Fürs Drehbuch zeichnet Bruce Wagner, einer der scharfzüngigsten Chronisten Hollywoods, der hier dem Affen Zucker gibt. „Maps to the Stars“ ist die beste Bret Easton Ellis-Verfilmung, an der Ellis gar nicht beteiligt ist und löst ein, was „The Canyons“ nur versprach. Hier verkleidet sich die Soap Opera als griechische Tragödie oder umgekehrt, bis die (inzestuöse) Kleinfamilie sich gleich in mehrfacher Hinsicht als Terrorzusammenhang gezeigt hat, der sich nach innen und nach außen richten kann.

Cronenberg hat für „Maps to the Stars“ erstmals überhaupt in Hollywood gedreht und kann sich bei seinem derben Abgesang auf die Traumfabrik auf Schauspieler wie Julianne Moore und John Cusack verlassen, die hier weit über die Grenzen dessen hinausgehen, was Stars zu Stars macht. Das liegt auch daran, dass Cronenberg nach seinen beiden diskursiven Vorgänger-Filmen „Eine dunkle Begierde“ und „Cosmopolis“ hier wieder den menschlichen Körper mit seinen Schwächen, Wunden, Narben und Alterungen als Schlachtfeld nutzt. Weshalb man diese forcierte Hollywood-Groteske auch ohne größere Umschweife als Gesellschaftssatire begreifen darf, die den brutal komischen Zeitgeist genau dort in den Blick nimmt, wo er sich seine verführerischen Züge aufschminkt.

Benotung des Films :

Ulrich Kriest
Maps to the Stars
(Maps to the Stars)
Kanada / USA / Frankreich / Deutschland 2014 - 111 min.
Regie: David Cronenberg - Drehbuch: Bruce Wagner - Produktion: Saïd Ben Saïd, Joseph Boccia, Benedict Carver, Kevin Chneiweiss, Alfred Hürmer, Martin Katz, Michel Merkt, Renee Tab, Patrice Theroux - Kamera: Peter Suschitzky - Schnitt: Ronald Sanders - Verleih: MFA - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Julianne Moore, Carrie Fisher, Robert Pattinson, Mia Wasikowska, John Cusack, Olivia Williams, Sarah Gadon, Niamh Wilson, Jayne Heitmeyer, Joe Pingue, Emilia McCarthy, Amanda Brugel, Evan Bird, Justin Kelly, Jennifer Gibson
Kinostart (D): 11.09.2014

DVD-Starttermin (D): 03.03.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2172584/

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