Love 3D

(F 2015; Regie: Gaspar Noé)

Der unsichere Ort der Liebe

Als „zeitgemäßes Melodrama mit vielen Liebesszenen“ hat Gaspar Noé seinen neuen, in 3D gedrehten Film „Love“ bezeichnet: „Ich will die organische Dimension des Verliebtseins auf Film festhalten.“ In diesem künstlerischen Anspruch trifft sich der argentinisch-französische Skandalregisseur mit der Hauptfigur Murphy (Karl Glusman), einem amerikanischen Filmstudenten in Paris, der einmal äußert, er wolle „sentimentale Sexualität anschaulich darstellen.“ An ausführlicher Anschaulichkeit, bekräftigt durch viele, sehr schön gefilmte explizite Sex- und Liebesszenen, mangelt es dem Film tatsächlich nicht. Und auch das 3D-Verfahren findet darin ein paar demonstrativ provozierende, wenngleich eher spekulative Momente. Nur die vielbeschworenen Gefühle und damit Murphys leidenschaftliche Liebe zu der schönen Kunststudentin Electra (Aomi Muyock) bleiben eher Behauptung und erschöpfen sich in hölzernen Dialogen sowie exzessiv übertriebenen Gefühlsausbrüchen.

Insofern könnte man „Love“ auch als einen romantischen Kunstporno etikettieren. Denn Gaspar Noé und sein Stammkameramann Benoît Debie filmen nicht nur schön, sondern verfolgen ein ziemlich formalistisches ästhetisches Konzept. Dieses ist gekennzeichnet durch eine ausgeprägte Farbdramaturgie, eine elliptische, von Schwarzfilm unterbrochene Erzählweise, lange Einstellungen, frontale Perspektiven, eine oft enge Bildkadrierung sowie träumerische Zeitlupen, in denen unter anderem Musik von Johann Sebastian Bach und Erik Satie erklingt. Dabei wechselt die Erzählung permanent die Zeitebene, springt her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit und läuft dabei öfters ins Leere. Gaspar Noé bebildert in „Love“ sehr fleischlich ein geschlossenes Liebesuniversum, das jenseits seiner obsessiven Gestik kein Außerhalb kennt. Doch der stilisierten Geschichte einer intensiven Amour fou über exzessives Verlangen, Eifersucht und den Schmerz über eine verlorene Liebe mangelt es selbst an „erzählerischem Fleisch“.

Noé versucht das durch Murphys kommentierenden Gedankenstrom aus dem Off zu kompensieren, der sich eigenwillig melancholisch ausnimmt und Anlässe schafft für Rückblicke. Als Murphy an einem Neujahrstag vom klingelnden Telefon aus einem Liebestraum gerissen wird, landet er zunächst einmal im „Alptraum“ seines gegenwärtigen Lebens mit seiner jungen Frau Omi (Klara Kristin) und einem kleinen Kind. Der angehende Filmemacher, den man nie arbeiten sieht und dessen Profession hauptsächlich über diverse Filmplakate (von „The Birth of a Nation“ über „Taxi Driver“ bis „Salò“) beschworen wird, wähnt sich in einem Käfig und aller Geheimnisse ledig. Von der besorgten Mutter seiner früheren, jetzt verschwundenen Freundin Electra angerufen, erinnert er sich in einer Mischung aus Sorge und Verzweiflung an seine große, aber verlorene Liebe. Zwei Jahre sind vergangen, seit sich die beiden kennengelernt haben, um sich kurz darauf in einem Rausch aus Drogen und Sex zu verlieren. Seitensprünge und eine Ménage-à-trois mit der hübschen, noch minderjährigen Nachbarin Omi, die schwanger wird, besiegeln schließlich das Ende ihrer Beziehung, das Murphy in der Rückschau nicht wahrhaben will.

Ein leinwandfüllendes Insert verkündet „Murphys Gesetz: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Zwischen Untreue, sexuellen Experimenten und überwältigender Eifersucht empfindet sich Murphy als verliebter Verlierer. Doch sein Scheitern, so deutet es der Film an, hat vermutlich noch tiefere, existentiellere Gründe. Und seine Angst und Schutzbedürftigkeit beschreiben letztlich eine romantische Sehnsucht, wenn er die Liebe als einen Ort definiert, „von dem man nicht weg will.“ In Gaspar Noés Filmen, die mit pathetischer Geste („Ich möchte Filme aus Blut, Sperma und Tränen machen; das ist wie die Essenz des Lebens“, sagt etwa sein Alter Ego Murphy.) immer auch einem künstlerischen Narzissmus huldigen und deshalb oberflächlich und vordergründig wirken, wird deshalb die Zeit als jene dunkle Kraft ins Feld geführt, die alles scheinbar Festgefügte zerrüttet und die Liebenden aus dem Paradies vertreibt.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu 'Love 3D'.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Love 3D
Frankreich 2015 - 141 min.
Regie: Gaspar Noé - Drehbuch: Gaspar Noé - Produktion: Gaspar Noé, Rodrigo Teixeira, Edouard Weil, Brahim Chioua, Vincent Maraval - Kamera: Benoit Debie - Schnitt: Gaspar Noé, Denis Bedlow - Verleih: Alamode - FSK: ab 18 Jahren - Besetzung: Karl Glusman, Benoit Debie, Klara Kristin, Aomi Muyock, Vincent Maraval
Kinostart (D): 26.11.2015

DVD-Starttermin (D): 29.01.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3774694/

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