Jahrhundertfrauen

(USA 2016; Regie: Mike Mills)

Zeichen des Umbruchs

Santa Barbara, 1979. Im Vogelflug über ein sonniges, grünes, entspanntes Terrain geht der Blick bis zum Meer. Auf dem Parkplatz eines Supermarktes steht ein alter Ford Galaxie in Flammen. Mike Mills beginnt seinen schönen Film „Jahrhundertfrauen“ (20th Century Women) mit dem Fanal eines Umbruchs: Der 15-jährige, eher nachdenkliche Jamie (Lucas Jade Zumann) steht an der Schwelle zur Mannwerdung und seine alleinerziehende Mutter Dorothea Fields (Annette Bening), Jahrgang 1924, weiß nicht recht, wie sie damit umgehen soll. Dass ihr altes, stilvolles Haus gerade renoviert wird, ist deshalb ein weiterer Hinweis für ein Leben im Wandel. Althippie William (Billy Crudup), der sich als kreativer Handwerker um die Instandsetzung kümmert, könnte also theoretisch gleich eine doppelte Leerstelle besetzen; aber Jamie kann mit dem vermeintlichen Vaterersatz nichts anfangen und für Dorothea ist er aus verschiedenen Gründen nicht der richtige. Also bittet sie ihre Untermieterin Abbie (Greta Gerwig), die knapp Mitte zwanzig ist, und Jamies beste, zwei Jahre altere Freundin Julie (Elle Fanning) darum, die „Männlichkeitserziehung“ ihres Sohnes zu übernehmen.

„Was ist heute ein guter Mann?“, fragt Dorothea, die die kulturelle Gegenwart als chaotisch und verwirrend erlebt und selbst aus einer Zeit stammt, in der es noch „echte Menschen“ gab. Ketterauchend lebt die Zeichnerin, die in einem Architekturbüro arbeitet, aber einst Pilotin werden wollte, in ihren Enttäuschungen: „Das Leben ist immer anders als man es sich vorstellt.“ Um das aufkeimende Unabhängigkeitsstreben ihres Sohnes zu kanalisieren, bittet sie also Abbie um Rat und Beistand. Doch die punkige Fotografin befindet sich nach einer überstandenen Krebserkrankung selbst in einer Krise; und die feministische Literatur, die sie Jamie zum Lesen gibt, zeitigt Effekte, die Dorothea zu weit gehen. Die in sexuellen Dingen bereits erfahrene Julie wiederum, in die Jamie verliebt ist, möchte ihr Verhältnis bei einer platonischen Beziehung belassen. Überdies hat die seelisch instabile Tochter einer Psychotherapeutin Probleme damit, echte emotionale Nähe zuzulassen.

Mike Mills verbindet in seinem sehr dynamisch und visuell einfallsreich erzählten Film, der von autobiographischen Erfahrungen inspiriert ist, seine Coming-of-Age-Geschichte mit dem Portrait dreier Frauen, die aus verschiedenen Generationen stammen. Exemplifiziert wird diese Differenz an kulturellen Phänomenen, namentlich – und in vielen Szenen – an der rohen Energie der Punkmusik, über deren befreiendes Potential Abbie einmal sagt: „Die Leidenschaft ist größer als die Ausdrucksmittel.“ Zwar konzentriert sich Mills in seiner ebenso nachdenklichen wie witzigen Darstellung eines markanten Lebensabschnitts auf das auch in politischer Hinsicht einschneidende Jahr 1979 – so versammelt sich einmal die „Patchworkfamilie“ zur Übertragung von Jimmy Carters „Malaise Speech“ vor dem Fernseher; doch zugleich spinnt er seine erzählerischen Fäden in phantasievollen Collagen und mit wechselnden Off-Erzählern über die unmittelbare Gegenwart hinaus in eine verlorene Vergangenheit und eine zu erwartende Zukunft. Die Wehmut über unerfüllte Träume angesichts der vergehenden Zeit schwingt darin mit.

Jahrhundertfrauen
(20th Century Women)
USA 2016 - 118 min.
Regie: Mike Mills - Drehbuch: Mike Mills - Produktion: Megan Ellison, Anne Carey, Youree Henley - Kamera: Sean Porter - Schnitt: Leslie Jones - Musik: Roger Neill - Verleih: Splendid Filmverleih - Besetzung: Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Billy Crudup, Lucas Jade Zumann, Alison Elliot, Thea Gill
DVD-Starttermin (D): 29.09.2017

Foto: © Splendid Filmverleih

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