Insidious: Chapter 3 – Jede Geschichte hat einen Anfang

(USA 2015; Regie: Leigh Whannell)

Nuller Jahre Nostalgie

James Wan, der einst mit dem ersten „Saw“-Film (2004) als Mitbegründer dessen galt, was KritikerInnen despektierlich als torture porn bezeichneten, wendete sich 2010 anderen, weniger blutrünstigen Gefilden des Horror-Genres zu. Mit „Insidious“ legte er einen postklassischen Grusler vor, in dem Geister aus einem The Further genannten Jenseits versuchten, sich Wege ins Diesseits zu bahnen. Heimgesucht wurde dabei die Familie Lambert, deren Männer eine besondere Begabung haben, durch das Further zu driften und dabei Gefahr laufen, böse Geister mit in ihre Welt zu bringen wie eine Art besonders garstiger Parasiten. Im ersten Teil sorgten diese Dämonen dafür, den kleinen Sohn der Familie in eine Art Koma zu versetzen. Im zweiten Teil (2013) wurde vor allem die Vorgeschichte des Vaters weiter beleuchtet, wobei zu dem sowieso schon recht bunten Mix an Genreversatzstücken noch ein Serienkiller mit einem ziemlich gestörten Verhältnis zu seiner Mutter hinzukam.

Die Handlung von „Insidious: Chapter 3“ spielt sich einige Jahre vor den Geschehnissen im Hause Lambert ab und der Film markiert gleich in mehrfacher Hinsicht einen Neuanfang in der Reihe. Zunächst, weil es der erste Teil ist, bei dem die Regie nicht mehr von James Wan übernommen wurde, sondern Leigh Whannell, Wegbegleiter Wans, seit er das Drehbuch für „Saw“ schrieb und auch als Autor sowie Darsteller von Specs an den ersten beiden Teilen beteiligt, zeichnet nun für Buch und Regie verantwortlich. Dann aber auch, weil es statt der Lamberts nun eine neue Familie mit bösen Geistern aus dem Further zu tun bekommt und die Verbindung zu den Vorgängern hergestellt wird durch die bisherigen Nebenfiguren: die Geisterjägerin Elise (Lin Shaye) und später auch ihre nerdigen, mit allerlei obsolet ausschauenden Gerätschaften hantierenden und von ferne her an die „Ghostbusters“ gemahnenden Assistenten Tucker (Angus Sampson) und Specs (Leigh Whannell).

Die siebzehnjährige Quinn Brenner (Stefanie Scott) lebt gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder bei ihrem Vater Sean (Dermot Mulroney), der sichtlich damit überfordert ist, sich nach dem Krebstod der Mutter um die beiden Kinder zu kümmern. Um Kontakt zu ihrer Mutter im Jenseits aufzunehmen, sucht Quinn zu Beginn Elise auf, die sich nach dem Tod ihres Mannes von ihrer Tätigkeit als Seherin zurückgezogen hat. Bald wird Quinn, durch einen schweren Unfall ans Bett gefesselt, von immer drastischeren Erscheinungen und Vorkommnissen geplagt. Es ist Zeit für Elise, aus dem Ruhestand zurückzukehren, wie es sonst im Film vornehmlich alternde Westerner und Profikiller tun, um sich mit Hilfe von Tucker und Specs, die sie erst bei dieser Gelegenheit kennen lernt, daran zu machen, die Dämonen der Vergangenheit, die durch Elise versuchen, ins Diesseits zu gelangen, zu stellen.

Whannell gelingt es, einen weiteren grundsoliden, durchgehend spannenden Grusel-Horror vorzulegen, dessen jump scares einen wie schon in den Vorgängern kräftig im Kinosessel durchschütteln. Der Unfall relativ zu Beginn, bei dem Quinn vollkommen unvermittelt von einem Laster angefahren wird, gibt den Ton an. Wie oft hat man eine Szene, in der jemand (und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, sind es meist junge Frauen) urplötzlich überfahren wird, schon in Filmen oder Serien gesehen. Das ändert nichts daran, dass der Film diese Situation verdammt effektiv einsetzt. Außerdem variiert er sie auch noch dahin gehend, dass die Protagonistin hier nicht aus dem Leben scheidet, sondern nur vorübergehend im Rollstuhl landet, und mit ihren zwei Gipsbeinen eine umso hilflosere Erscheinung abgibt gegenüber den Mächten, mit denen sie es im weiteren Verlauf zu tun bekommen wird. Nichts Neues in The Further also, aber dafür viel Altbekanntes, das durchaus gekonnt in Szene gesetzt wird.

Dazu passt gut, wie vergangenheitsgesättigt dieser Film ist. Während in das Leben der alles in allem recht glücklichen Lamberts erst durch die übernatürlichen Ereignisse die Tragödie eintrat, wurden die Verlusterlebnisse hier in die Vorgeschichte sowohl der Quinns als auch Elises verlegt. Sich den sehr buchstäblichen Dämonen der Vergangenheit zu stellen, zu trauern, aufzuarbeiten, Wege zu finden, um weiterzumachen, sind die Aufgaben der Protagonisten. Es kommt dazu, dass der Film, dessen Handlung, so lässt sich leicht errechnen, irgendwann in den 2000er Jahren angesiedelt ist, dank der Schnelllebigkeit unserer Zeit beinahe als period picture daherkommt. Das schlägt sich vor allem in den modernen Technologien nieder, die scheinbar gerade im Horror-Genre eine besonders große Rolle spielen. Sie waren im Prinzip die selben wie heute, allerdings waren die MacBooks etwas größer, die Smartphones etwas klobiger und Essensfotos wurden noch nicht auf Facebook oder Instagram geteilt, sondern im Blog gepostet (die schönste Dialogzeile des Films gibt es, als der Vater Quinn dabei zusieht, wie sie ihr Frühstück fotografiert: „Don’t blog it. Eat it.“).

Wo die beiden Vorgänger mit veritablen Cliffhangern endeten, sucht „Insidious: Chapter 3“ mit seiner letzten Einstellung Anschluss an die Geschehnisse des ersten Teils und suggeriert damit, der Abschluss der Reihe zu sein. Aber bei der Vorliebe des gegenwärtigen Hollywoods fürs Serielle kann man das ja nie so genau wissen.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Insidious: Chapter 3 - Jede Geschichte hat einen Anfang
(Insidious: Chapter 3)
USA 2015 - 98 min.
Regie: Leigh Whannell - Drehbuch: Leigh Whannell - Produktion: Jason Blum, Oren Peli, James Wan - Kamera: Brian Pearson - Schnitt: Timothy Alverson - Musik: Joseph Bishara - Verleih: Sony Pictures - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Dermot Mulroney, Lin Shaye, Stefanie Scott, Hayley Kiyoko, Leigh Whannell, Angus Sampson, Michael Reid MacKay, Ele Keats, Ashton Moio, Anna Ross, Tate Berney, Tom Fitzpatrick, Kara C. Roberts, Steve Coulter
Kinostart (D): 02.07.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3195644/

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