Inside Llewyn Davis

(USA 2013; Regie: Ethan Coen, Joel Coen)

Es ist einfach Folkmusik

Eine gut abgehangene Todeszellenballade – gibt es einen besseren Auftakt für einen Film der Coen-Brüder? „Hang me, oh, hang me / I’ll be dead and gone / wouldn’t mind the hangen‘ / but the layin‘ in the grave so long …“ „Inside Llewyn Davis“ eröffnet mit drei Minuten reinstem Hinterwäldler-Existentialismus. Kein Genre hat mit so schönen, klaren Stimmen Mörderseelen und Outlaws besungen wie die amerikanische Volksmusik. Tod und Gott, Schuld und ewige Erlösung – hier mühten sich noch einfache Leute mit schwerem Gedankengut ab.

Das kultivierte Beatnik-Publikum im Gaslight Café im New Yorker Greenwich Village zeigt sich dann auch tief ergriffen von den morbide schillernden Konfessionen aus dem Herzen der Finsternis. Llewyn Davis spielt um sein Leben, ohne es zu ahnen. Als er nach seinem Auftritt eine Zigarettenpause am Hinterausgang einlegt, erwartet ihn im schummerigen Straßenlicht eine schemenhafte Gestalt. Ihre Unterhaltung ist kurz und kryptisch, ein echter Coen-Dialog, dann verpasst der Unbekannte Llewyn aus heiterem Himmel eine Abreibung. Ein Schlag in die Fresse: Damit beginnt der neue Film von Joel and Ethan Coen.

Man sollte von ihnen keinen Film über die Anfänge der New Yorker Folkszene erwarten, auch wenn Bruno Delbonnels Kamera das Village in ein nostalgisch gefärbtes, ockeriges Licht taucht – eine Farbpalette, die direkt vom Plattencover von 'The Freewheelin’ Bob Dylan' inspiriert ist. Eigentlich machen die Brüder keine Filme über etwas. Orte, historische Figuren oder Genres interessieren sie höchstens als Ressource zur Erforschung der menschlichen Existenz. Es gibt demnach zwei mögliche Lesarten von „Inside Llewyn Davis“. Dass die Coens ihren Film ganz bewusst in jenem historischen Moment ansiedeln, in dem Folkmusik zum Massenphänomen wurde – das heißt: als die Kräfte des Marktes die überschaubare Greenwich-Village-Szene übernahmen. Oder dass in der Drehbuchidee, ihren erfolglosen Antihelden just in dem Moment von der Bühne abtreten und in der Gosse liegen zu lassen, als ein gewisser Robert Zimmerman auf den Plan tritt, die alte Gehässigkeit der Coens zum Vorschein kommt.

Llewyn Davis ist eine fiktive Figur, sie beruht aber auf einer wahren Biographie, bei der sich die Regisseure bedient haben. Dave Van Ronk war ein Veteran der Greenwich-Szene und ein Folktraditionalist. Das Stück 'Hang me' stammt im Original von ihm, ebenso die Idee für den Filmtitel: 'Inside Van Ronk' heißt sein Album aus dem Jahr 1963. Als die Platte rauskam, kippte die Stimmung in den Greenwich-Village-Folkclubs gerade. 'The Freewheelin’ Bob Dylan' eroberte die Charts, Peter, Paul and Mary sangen auf dem Washingtoner Freiheitsmarsch vor einer Million Menschen 'Blowin‘ in the Wind', und plötzlich standen ein paar ehemalige Hobos an der Spitze einer nationalen Protestbewegung.

Van Ronk beschreibt in seinen Memoiren 'The Mayor of MacDougal Street', wie diese Entwicklung an ihm vorübergegangen ist. 'Inside Van Ronk' war 1963 nach Marktlage ein Anachronismus (das Album bestand größtenteils aus Traditionals); bereits zwei Jahre zuvor hatte der Produzent Albert Grossman Van Ronk beim Casting für ein neues Folktrio (den späteren Peter, Paul and Mary) als zu altmodisch und für die Jugend unverträglich ausgemustert. Bei den Coens wird diese vielleicht entscheidende Episode in Van Ronks Karriere kurzerhand umgedreht: Llewyn sagt Grossman ab, weil er die adretten “Preppies” mit ihren Strickpullovern und Harmoniegesängen verachtet.

Sein einziger Freund Jim (Justin Timberlake) gehört zu der Sorte Folk-Entrepreneur, die den Crossover zum Pop mitmacht. Als die beiden zusammen das launige Rock’n’Roll-Stück 'Please, Mr. Kennedy' aufnehmen, streicht Llewyn missmutig das Geld ein und verzichtet dafür auf Tantiemen an dem späteren Überraschungshit. Llewyn ist eine Coen-Figur par excellence. Immer an vorderster Front dabei, immer einen Schritt zu spät. Jims Frau, die Llewyn möglicherweise geschwängert hat, nennt ihn einmal 'König Midas idiotischen Bruder'. Was Llewyn anfasst, verwandelt sich in Scheiße.

In bewährter Coen-Tradition entwickelt sich „Inside Llewyn Davis“ zu einer Odyssee, die über Umwege einen Bogen zurück zum Anfang der Geschichte schlägt. Sogar einen Odysseus gibt es – so heißt die Katze eines befreundeten Ehepaares, auf dessen Couch Llewyn manchmal übernachtet. Ihre Flucht über die Feuerleiter wird zum Auslöser von Llewyns persönlicher Odyssee über die Sofas befreundeter Musiker und die Fußböden schlecht gelaunter Exaffären (Carrey Mulligans Missmut ist spektakulär) bis hin zu dem schicksalhaften Auftritt in Grossmans Büro in Chicago.

Das Déjà-vu ist der Modus operandi der Coens, aber sie erheben es auch zum Überlebensprinzip von Llewyn. Die Zirkelstruktur des Films nimmt klaustrophobische Züge an. Die Räume ziehen sich so eng zusammen, bis die dämmerigen Hausflure, durch die Llewyn sich zwängen muss, irgendwann alle gleich aussehen. Und eine nächtliche Autofahrt mit John Goodman endet als David-Lynch-Albtraum. Wie sein antikes Vorbild ist Llewyn ein Getriebener, der in den wenigen klaren Momenten, in denen er über einen freien Willen verfügt, konsequent die falschen Entscheidungen trifft. Damit kommt „Inside Llewyn Davis“ – für Coen-Verhältnisse – einer Charakterstudie schon ziemlich nah.

Die zeitlichen Bezüge zur Greenwich-Village-Szene sind aber immer etwas mehr als ein atmosphärisches Hintergrundrauschen. Obwohl es nur am Rande um ein Schlüsselmoment der US-Folkmusik geht, verhandelt der Film grundsätzliche Geschmacksfragen, weil Llewyn eben auch an seinen künstlerischen Idealen scheitert. Paradoxerweise überschüttet er am absoluten Tiefpunkt seines Niedergangs eine alte Frau mit Hohn und Spott, die auf der Bühne des Gaslight ein Volkslied aus dem ländlichen Amerika vorträgt. Llewyns Behauptung von Authentizität ist allerdings nur eine romantische Pose.

So wird wenigstens die Musik, wenn schon nicht die Geschichte des Folkrevivals, zur erzählerischen Kraft des Films. Die Lieder (produziert von T-Bone Burnett, gesungen von Hauptdarsteller Oscar Isaac, Timberlake und Mulligan) heben über weite Strecken den Plot auf, was die episodische Struktur verstärkt. Dafür tragen die Songs den kulturellen Konflikt in „Inside Llewyn Davis“ aus (Mulligans engelsgleiches “500 Miles” gegen Timberlakes halbstarke Rockybilly-Nummer “Please, Mr. Kennedy”). Die Coens wären sicher die letzten, die eine Lanze für die Unverfälschtheit und das Authentische brechen würden. Aber ihre ehrliche Freude an der Musik, ohne doppelten Boden oder süffisantes Grinsen, nimmt man „Inside Llewyn Davis“ ab.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 12/12

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Benotung des Films :

Andreas Busche
Inside Llewyn Davis
USA 2013 - 104 min.
Regie: Ethan Coen, Joel Coen - Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen - Produktion: Ethan Coen, Joel Coen, Scott Rubin - Kamera: Bruno Delbonnel - Schnitt: Ethan Coen, Joel Coen - Verleih: StudioCanal - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Carey Mulligan, Adam Driver, Justin Timberlake, John Goodman, Garrett Hedlund, Oscar Isaac, Alex Karpovsky, F. Murray Abraham, Max Casella, Ricardo Cordero, Ethan Phillips, Stark Sands, Jake Ryan, Jeanine Serralles, James Colby
Kinostart (D): 05.12.2013

DVD-Starttermin (D): 10.04.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2042568/

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