Il Futuro – Eine Lumpengeschichte in Rom

(I / CL / D / ES 2013; Regie: Alicia Scherson)

Allein in der Welt

Nüchtern und schnörkellos, lakonisch und desillusioniert ist der Ton, den Roberto Bolaño in seinem Buch „Lumpenroman“ anschlägt. In seinem letzten, noch vor seinem frühen Tod veröffentlichten Roman erzählt der gefeierte chilenische Schriftsteller aus der Perspektive seiner jugendlichen Heldin Bianca eine Geschichte der Trauer, die in eine mysteriöse Atmosphäre absoluter Verlorenheit getaucht ist. Seit dem Unfalltod ihrer Eltern wähnt sich die junge, apathisch wirkende Frau „allein in der Welt“ und hat das „Gefühl, auf einem fremden Planeten zu leben“. „Es gab bloß die Illusion von Nähe“, sagt Bianca, die zusammen mit ihrem jüngeren Bruder in einem römischen Vorort wohnt. Mit exzessivem Fernsehkonsum versuchen die beiden Geschwister, ihre innere Leere zu vergessen und spiegeln dabei doch nur ihre Verzweiflung. Die Gedanken an eine bessere Zukunft verlieren sich für Bianca im Nirgendwo und die Nächte bleiben für sie merkwürdigerweise blendend hell: „Es war egal, ob ich die Augen schloss oder offen hielt.“

In ihrer „Il Futuro“ betitelten Verfilmung des Stoffes hält sich Alicia Scherson eng an die literarische Vorlage. Mit einer Off-Erzählerin, geheimnisvollen Sounds, dunklem Licht und Bildern einer parallelen Medienwelt evoziert die chilenische Filmemacherin eine gedrückte, von Antriebslosigkeit und Schwermut erfüllte Stimmung. Sie verzehre sich offenen Auges, sagt Bianca (Manuela Martelli), die gleichgültig gegenüber sich selbst ist, sich treiben lässt und auf ihre Tränen wartet. Doch nur einmal, als sie im Fernsehen Jean Vigos „L’Atalante“ sieht, stiehlt sich eine Träne aus ihrem Auge. Dabei versteht Scherson wie schon Bolaño diese Traurigkeit auch als Ausdruck einer europäischen Krise „am Rande des Zusammenbruchs“.

Als Biancas Bruder (Luigi Ciardo), der in einem Fitness-Studio arbeitet und im Film Tomás heißt, eines Tages zwei zwielichtige, fremde Männer mit nach Hause bringt, bekommt die Geschichte eine kriminalistische Wendung. Die beiden „Blutsbrüder“ nisten sich bei dem Geschwisterpaar ein, beginnen nacheinander mit Bianca zu schlafen, was Bolaño fast beiläufig schildert und Scherson nur andeutet, und eröffnen ihr irgendwann ihren listigen Plan: Bianca soll das Vertrauen eines alternden, erblindeten Filmstars gewinnen, der in einem abgedunkelten Palast lebt und in seinem Safe angeblich viel Geld hortet. Zwar interessiert sich Alicia Scherson auch für das „lächerliche Abenteuer“ aus dem Fundus trivialer Stories, akzentuiert aber vor allem die zärtliche Annäherung zwischen Bianca und Maciste (Rutger Hauer), dem Ex-Kampfsportler und Mister Universum, der vor etlichen Jahren als herkulischer Held zum gleichnamigen Star einer berühmten Sandalenfilmreihe avancierte. Jetzt trägt er die Schutz suchende Frau auf seinen starken Armen wie ein Kind und zugleich wie eine Geliebte. Doch auch Maciste ist ein Versehrter, der unter einer Schuld leidet und der das „Gesetz des Lebens“ als einen Prozess vom Guten hin zum Bösen begreift.

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Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Il Futuro – Eine Lumpengeschichte in Rom
(Il futuro)
Italien / Chile / Deutschland / Spanien 2013 - 98 min.
Regie: Alicia Scherson - Drehbuch: Alicia Scherson - Produktion: Bruno Bettati, Christoph Friedel, Mario Mazzarotto, Emanuele Nespeca, Luis Angel Ramirez, Claudia Steffen - Kamera: Ricardo DeAngelis - Musik: Caroline Chaspoul, Eduardo Henríquez - Verleih: Real Fiction - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Luigi Ciardo, Rutger Hauer, Nicolas Vaporidis, Manuela Martelli, Pino Calabrese, Alessandro Giallocosta
Kinostart (D): 12.09.2013

DVD-Starttermin (D): 30.05.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1992156/

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