Himmelverbot

(RO / D 2014; Regie: Andrei Schwartz)

Unzuverlässige Freundschaft

In knappen Sätzen, die er offenbar schon so oft wiederholt hat, dass sie wie auswendig gelernt klingen, beschreibt Gabriel Hrieb seine Tat. Aus Wut über eine Äußerung zu seinen jüdischen Wurzeln hat er eine Staatsanwältin und deren Mann ermordet und wurde anschließend zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach einer Gesetzesänderung wird Hrieb nach 21 Jahren unerwartet auf Bewährung entlassen und steht mit ein paar Geldscheinen in der Hand vor dem Gefängnistor und der Aufgabe ein neues Leben zu beginnen, in welches das alte wie ein ungebetener Gast des Öfteren eintreten wird. Auf seinem Weg, der zugleich ein Weg in das postkommunistische Rumänien ist, wird der hagere Mann, den alle nur liebevoll Gabi nennen, von Andrei Schwartz begleitet. Der Filmemacher hatte den Straftäter vor zehn Jahren für seinen Dokumentarfilm „Geschlossene Gesellschaft“ (RO/D 2005) schon einmal vor der Kamera. Die Lebensgeschichte Gabis hat den Regisseur nie ganz losgelassen und so ist über die Jahre hinweg eine Freundschaft entstanden, die in „Himmelverbot“ zum zentralen Thema wird.

Wieder auf freiem Fuß begibt sich Gabi auf die Suche nach Arbeit, spürt dem verschollenen Vater nach und versucht das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter in den Griff zu bekommen. Er wirkt dabei so unbedarft wie ein Zehnjähriger in der Haut eines erwachsenen Mannes. Als seine Mutter eine Jacke mit Michael-Jackson-Motiv aus dem Schrank im beengten Schlafzimmer der viel zu kleinen Wohnung kramt und davon ausgeht, dass ihr Sohn diese nach all den Jahren noch anziehen würde, steht dieser nur verlegen neben ihr und bemerkt, dass Michael Jackson vor einigen Jahren gestorben sei. Die Irrwege des Lebens, die enttäuschten Hoffnungen, das Driften der Menschen seit den unbeständigen Jahren der Revolution von 1990, in denen sich eine feste demokratische Ordnung nie hat etablieren können, zeichnet „Himmelverbot“ in seinen schönsten Momenten ganz beiläufig und unaufdringlich nach. Über die Freundschaft zwischen Regisseur und Protagonist entstehen dabei Momente großer Intimität.

Wie schwierig ein derart freundschaftliches Verhältnis für einen Film sein kann, zeigt sich, als Schwartz seinem Schützling in Deutschland zu Arbeit verhilft und sich parallel dazu herausstellt, dass dieser den Filmemacher in einem zentralen Punkt seiner Lebensgeschichte anscheinend belogen hat. Ganz Dokumentarist begibt sich Schwartz auf Spurensuche. Doch ist die Lüge, die von nun an im Zentrum steht, an sich kaum der Rede wert. Sie passt einfach in die Welt von Gabi, ist ein Spiegelbild seiner Lebensumstände. Wesentlich interessanter ist die Frage nach dem Verhältnis des Regisseurs zu seinem Protagonisten. Denn dass der Film vor allem aus Freundschaft heraus entsteht, wird mehr und mehr zum Problem. Fallengelassene Handlungsstränge um die ehemalige Freundin oder die familiäre Situation Gabis erzählen davon genauso wie die offensichtlichen Versuche des Regisseurs, seinem Protagonisten eine Beichte in Bezug auf seine Tat abringen zu wollen.

Zwar nimmt sich der Regisseur selbst ins Visier, weil er unverblümt zugibt, seinem Protagonisten aufgesessen zu sein. Was „Himmelverbot“ leider vermissen lässt, ist eine mutigere und damit konsequentere Revision der Herangehensweise, der filmischen Mittel und einer damit verbundenen Analyse der für den Dokumentarfilm so spannenden Frage nach der oftmals heiklen Beziehung von Filmemacher und portraitierter Person. Es ist eine Frage nach den Grundsätzen, die ein Regisseur im Zusammenspiel mit seinen Protagonisten aufstellt und wie er sie einzuhalten gewillt ist. Werner Herzog hat dieses Problem und zugleich seine Lösung einst bemerkenswert klar in einem einzigen Satz zu Beginn seines Filmes „Into the Abyss“ (USA 2011) zusammengefasst: „When I talk to you, it does not necessarily mean, that I have to like you.“

Benotung des Films :

Ricardo Brunn
Himmelverbot
Rumänien / Deutschland 2014 - 87 min.
Regie: Andrei Schwartz - Drehbuch: Andrei Schwartz - Produktion: Tudor Giurgiu, Gerd Haag - Kamera: Susanne Schüle - Schnitt: Severin Renke, Rune Schweitzer - Verleih: W-Film - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Gabriel Hrieb, Andrei Schwartz
Kinostart (D): 13.08.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4190982/

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