Heil

(D 2015; Regie: Dietrich Brüggemann)

Nicht aus einem Guss

Weltgeschichtliche Ereignisse geschehen bekanntlich zweimal, einmal als Tragödie, dann als Farce. Für die Tragödie bleiben in Dietrich Brüggemanns neuem Film „Heil“ nur wenige Sekunden. Dokumentarische Bilder lassen den Zweiten Weltkrieg vorüberziehen. Wir sehen Leichenberge und den „Führer“. Schnitt: „70 Jahre später“ befinden wir uns in einem fiktiven Dorf in den neuen Bundesländern. Rechtsradikale sprühen schon wieder Hakenkreuze an die Wand. Angeführt wird das braune Gesocks von Sven (Benno Fürmann), einem Neonazi mit großen Plänen und noch größerem Liebeskummer. Seine Angebetete Doreen, gespielt von Dietrich Brüggemanns Schwester Anna, hat nämlich genug von leeren Stammtischsprüchen. Sie fordert Taten. Und so macht Sven sich eine To Do Liste: Zum Führer werden und in Polen einmarschieren. Leichter gesagt als getan.

Der Zufall in Gestalt des afrodeutschen Sebastian Klein (Jerry Hoffmann) kommt ihm zu Hilfe. Der angesagte Autor eines politisch korrekten Buchs über Integration begibt sich zu einer Lesung nach Prittwitz, wo Neonazis ihn gebührend empfangen: Mit einem Schlag auf den Hinterkopf. Der Schreiber verliert das Gedächtnis und wird zum willfährigen Sprachrohr für Svens rechtsradikale Botschaften. Talkshows reißen sich um den Farbigen mit den rechten Sprüchen. Im Stil einer apokalyptischen Komödie zeigt Brüggemann, wie die Stimmung im Land kippt. Sven ist auf den besten Weg, zum neuen Führer zu werden. Nun braucht er nur noch einen Panzer, um von Polen aus einen Grenzkonflikt zu provozieren …

Ob man über Neonazis lachen dürfe, fragte eine besorgte Kritikerin nach der Pressevorführung von „Heil“. Man würde ja gerne. Doch gibt dieser Film nur gelegentlich Anlass. Brüggemann thematisiert die NSU-Morde und die Unfähigkeit der Verfassungsschützer, die die rechte Szene mit V-Leuten infiltrieren, dabei aber ein nur ein heilloses Bürokratie-Wirrwarr erzeugt. „Haben Sie auch Akten zu vernichten?“ fragt einer, der den Kopf ins Büro hereinsteckt. Ja, gut. Das ist ganz witzig. Aber das war’s dann eigentlich schon.

Wir sehen liberale Intellektuelle, die das Chaos im Fernsehen mit sinnentleerten Rederitualen kommentieren. Diese Medienkritik bleibt aber uninspiriert. Und leider werden einige Gags durch ermüdende Wiederholung nicht zu Running Gags. Während das Chaos ausbricht, versucht die hochschwangere Nina (Liv Lisa Fries) herauszufinden, warum ihr farbiger Freund Sebastian plötzlich braune Sprüche klopft. Dabei stellt sich heraus, dass es ihr eigentlich viel wichtiger ist, dass er nicht zu seiner Exfreundin zurück geht. Ein böser Seitenhieb gegen einen bestimmten Typ hysterischer Frauen mit Versorgungsmentalität. Man registriert das nur mit verhaltenem Schmunzeln, weil die kabarettistisch anmutenden Szenen sich nicht wirklich zu einem homogenen Film fügen.

Nina wird schließlich als vermeintliche Linksterroristin verhaftet und landet vor einem Richter, der auf dem rechten Auge blind ist: und zwar buchstäblich. Über diesen verbildlichten Kalauer aus der Monthy-Python-Schule kann man dann tatsächlich herzlich lachen. Brüggemanns Gesellschaftssatire hat schon ihre Momente, ist aber nur in Ansätzen gelungen, weil sie alles und jeden durch den Kakao ziehen will: Sensationsgeile TV-Reporter und besessene Theatermacher, die der Authentizität wegen mit echten Nazis arbeiten. Dabei verzettelt der Film sich, und das nicht zu knapp. Der Tonfall bleibt immer gleich, und so verflacht die Farce wie in jener Szene ganz am Ende, in der ein Neonazi schweren Herzens seinen geliebten Kampfhund erschießt, weil der sich als schwul entpuppt. Da der Film diese Figur nicht wirklich ernst nimmt, sich nicht in den Kopf dieses Neonazis hineindenkt, kann man den schmerzlichen Verlust nicht wirklich nachfühlen.

Auf solche Weise verpufft so manch böser Gag. Es fehlt in diesem Film die tragische Dimension, weil die Charaktere eindimensional bleiben. Das gilt insbesondere für die Hauptfigur des matten Anführers Sven. Benno Fürmann bleibt als Neonazi so blass wie der völlig unscheinbar agierende Jerry Hoffmann in der Rolle des eitlen Buchautors. Auch Cameoauftritte von Dietrich Kuhlbrodt und Andreas Dresen verleihen dieser Kollage aus kabarettistischen Szenen nicht den rechten Biss. Positiv in Erinnerung bleibt allein die gelungene Karikatur der tranigen Antifa-Bewegung, deren groteske Weltfremdheit in einigen Szenen herrlich auf den Punkt gebracht wird. Doch diese wenigen wirklich gelungenen Beobachtungen reißen es nicht raus. „Heil“ ist, trotz des provokanten Titels, ein Film, der irgendwie niemandem wirklich weh tut.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu 'Heil'.

Benotung des Films :

Manfred Riepe
Heil
Deutschland 2015 - 102 min.
Regie: Dietrich Brüggemann - Drehbuch: Dietrich Brüggemann - Produktion: Katrin Goetter, Michael Lehmann - Kamera: Alexander Sass - Schnitt: Vincent Assmann - Musik: Dietrich Brüggemann - Verleih: X-Verleih - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Benno Fürmann, Liv Lisa Fries, Jerry Hoffmann, Jacob Matschenz, Daniel Zillmann, Oliver Bröcker, Anna Brüggemann, Thelma Buabeng, Richard Kropf, Jörg Bundschuh, Michael Gwisdek, Hanns Zischler, Ruth Bickelhaupt, Thorsten Merten, Michael Kind, Heinz Rudolf Kunze, Leslie Malton, Robert Gwisdek
Kinostart (D): 16.07.2015

DVD-Starttermin (D): 23.12.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4711952/

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