Get the Gringo

(USA 2012; Regie: Adrian Grundberg)

Les Vacances de M. Gibson

Wieder einer dieser Filme, in denen die Protagonisten keine Namen tragen, sondern nach ihrer Funktion benannt sind. Und wieder einer dieser Filme, in denen sich ein männlicher Held, diesmal Mel Gibson, durch die Unterwelt prügelt und schießt. Der leicht variierte Plot geht wie folgt: Nach einem blutigen Banküberfall flieht „Driver“ (Mel Gibson) über die mexikanische Grenze. Dort nehmen die Federales dem Fluchtwagenfahrer nicht nur seine Beute ab, sondern schieben ihn in den gigantischen Gefängniskomplex „El Pueblito“ ab, wo er sich selbst überlassen ist. Nur durch die Hilfe eines 10-jährigen Jungen (Kevin Hernandez als „Kid“), gelingt es dem Gringo, zu überleben. Als er erfährt, dass der Bandenboss Javi (Daniel Giménez Cacho) es auf die Leber seines neuen Freundes abgesehen hat, der eine seltene Blutgruppe hat, beschließt er, dem Jungen zu helfen – und es mit einer Übermacht von Gegnern aufzunehmen.

In den letzten Jahren hat Mel Gibson weniger durch Filme als durch zahlreiche Skandale wegen antisemitischen und homophoben Ausfällen auf sich aufmerksam gemacht, die ihn in Hollywood zur Persona non grata werden ließen. Dass nur noch wenige Zuschauer einen Film sehen wollen, an dem „Mad Mel“ beteiligt ist, sei es als Regisseur oder als Star, schien der Flop von Jodie Fosters „The Beaver“ („Der Biber“; 2011) zu bestätigen, in dem Gibson die Hauptrolle spielte. Selbst die wenig zartbesaitete „Hangover“-Crew weigerte sich 2011 bei den Dreharbeiten des zweiten Teils, einen Gastauftritt Gibsons zu akzeptieren. Und schließlich erhielt Gibsons jüngster Action-Thriller „Get the Gringo“ nicht einmal mehr einen Kinostart in den USA. Auch in Großbritannien brachte es der Film nur zu einer Direct-to-DVD-Veröffentlichung, und das unter dem lausigen Alternativtitel „How I Spend My Summer Vacation“.

Das allerdings hat „Get the Gringo“ nicht verdient. Denn der von Gibsons ehemaligen Regieassistenten Adrian Grunberg („Apocalypto“; 2006) inszenierte Film mag zwar eine furchtbar abgedroschene Handlung haben und recht krude ausgefallen sein, insgesamt ist er jedoch ein höchst unterhaltsames Comeback des Stars auf die große Leinwand. Zugleich ist „Get the Gringo“ eine liebevolle Reprise des Mainstreamkinos der 80er Jahre, das mit Filmen wie Walter Hills „48 Hrs.“ („Nur 48 Stunden“; 1982) und Richard Donners „Lethal Weapon“ („Zwei stahlharte Profis“; 1987) als Mischung aus pointierten Dialogen, überzeichneter Gewalt und ironisch gebrochenen Männlichkeitsmythen zu einer – damals todsicheren – Erfolgsformel fand.

Grunbergs rasant montierter und von Kameramann Benoît Debie („Enter the Void“; „Spring Breakers“) eindrucksvoll fotografierter Reißer ist dabei nicht lediglich ein weiterer Film eines alternden 80er-Jahre-Stars, der sich an den von Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger und Bruce Willis angeführten Aufstand alter Männer auf den Kinoleinwänden anhängt. Tatsächlich zeichnet sich „Get the Gringo“ durch etwas aus, das im modernen Actionkino selten geworden ist: ein sehr genaues Gefühl für den filmischen Raum, die Bedeutung der Montage und des Handlungsortes.

So ist der von Banden beherrschte Gefängniskomplex, in dem Grunbergs Film spielt, nicht einfach ein austauschbarer Schauplatz für lustvoll ausgelebte Destruktion. „El Pueblito“ ist vielmehr ein mit erstaunlicher Detailgenauigkeit gezeichneter sozialer Mikrokosmos; eine Parallelwelt und ein Staat im Staat, der nach ganz eigenen Regeln und Gesetzen funktioniert. Es ist dieses unerwartet komplexe Porträt einer fremden Welt, die „Get the Gringo“, der tatsächlich größtenteils in einem echten Gefängnis in Veracruz gedreht wurde, weit über das Niveau lustlos zusammengehackter Gewaltspektakel à la „The Expendables 2“ (2012; Simon West) heraushebt. Und gerade der offensichtliche Gegensatz, der sich aus der Authentizität des Schauplatzes zu der überdrehten Comichaftigkeit der Handlung und der prinzipiellen Lächerlichkeit von Gibsons zynischem Film-Noir-Protagonisten ergibt, verleiht dem Film seinen besonderen Reiz. So erweist sich „Get the Gringo“ wider Erwarten als eigenwilliges und ambitioniertes Actionkino, das längst vergessen geglaubte Tugenden des US-Actionkinos, für die einst Regisseure wie Sam Peckinpah und Walter Hill standen, zu neuem Leben erweckt.

Diese Kritik ist zuerst erschienen auf themroc-filmblog

Benotung des Films :

Harald Steinwender
Get the Gringo
USA 2012 - 96 min.
Regie: Adrian Grundberg - Drehbuch: Adrian Grunberg, Mel Gibson, Stacy Perskie - Produktion: Bruce Davey, Mel Gibson, Stacy Perskie - Kamera: Benoît Debie - Schnitt: Steven Rosenblum - Musik: Antonio Pinto - Verleih: Concorde - Besetzung: Mel Gibson, Kevin Hernandez, Daniel Giménez Cacho, Dolores Heredia, Peter Stormare, Dean Norris, Bob Gunton, Jesús Ochoa u.a.
Kinostart (D): 28.02.2013

DVD-Starttermin (D): 11.07.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1567609/

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