Geständnisse – Confessions

(J 2010; Regie: Tetsuya Nakashima)

Verbrechen und Strafe

Es braucht eine Weile, um sich auf den filmischen Flow einzulassen, auf den zunehmenden Sog der Bilder, den Tetsuya Nakashimas Film „Geständnisse“ ('Confessions') entwickelt. Von einer fast durchgehenden Zeitlupe rhythmisiert und von einer Endlosschleife repetitiver elektronischer Musik unterlegt, schieben sich die Bilder sanft ineinander und erzeugen dabei einen assoziativen, leicht surrealen, fast traumverlorenen Bilderstrom. Dessen Choreographie ähnelt einem Musikstück, das sein Hauptmotiv variiert, mittels wechselnder Stimmen wiederholt und diese zu einem spannenden Finale zusammenführt, das der japanische Regisseur als explosiven Bilderrausch inszeniert. Die unwirkliche Atmosphäre des Films wird schließlich von meditativen, von Bachscher Klaviermusik untermalten Wolkenbildern zerstreut und beruhigt.

Diese schwebende Stimmung handelt zugleich von den Relativitäten der Erinnerung, die in „Geständnisse“ von wechselnden Off-Erzählern aus ihrer jeweiligen subjektiven Perspektive wiedergegeben werden. Gemäß dem Titel sind es Geständnisse von Figuren, die sich schuldhaft verstrickt haben und die, ähnlich wie in Akira Kurosawas „Rashomon“, ihre Version der Wahrheit erzählen. Teils von modernen Kommunikationsmitteln transportiert oder gespiegelt, geht es in diesen Geschichten um Fragen, die den Wert des Lebens und die Moral des Handelns miteinander verknüpfen und die dabei auf Dostojewskis „Schuld und Sühne“ referieren.

Der schulische Kontext, in dem der Film spielt, ist von Gewalt- und Todesphantasien grausamer Kinder, aber auch vom Autoritätsverlust ihrer Erzieher geprägt. Das Ausmaß seelischer Beschädigung, von den Entfremdungen der Konsumindustrie befördert und von hemmungslosem Materialismus, darwinistischem Kampf und wilder Anarchie begleitet, lässt mitunter an William Goldings „Lord oft he Flies“ denken. In Tetsuya Nakashimas Vision kindlicher Entmenschlichung hält sich allerdings ein 13-jähriger Schüler, der seiner geliebten Mutter entzogen ist, für jenes Genie, das über Leben und Tod frei entscheiden kann und dessen Taten keinem menschlichen Gesetz unterliegen. Im pervertierten Bestreben, die Anerkennung seiner Mutter zu gewinnen, tötet er zusammen mit einem Mitschüler die kleine Tochter seiner Klassenlehrerin. Deren Rache wiederum ist ebenso grausam wie doppelbödig, zugleich tragisch und ironisch, weil sie den Täter zur schlimmstmöglichen Selbstbestrafung zwingt und seine vorgeblich genialischen Allmachtsphantasien gegen sich selbst kehrt. Mit der Wucht einer antiken Tragödie, in Feuer und Blut getaucht, steigert Tetsuya Nakashima die Seelenqual seines Helden ins Unermessliche.

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Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Geständnisse - Confessions
(Kokuhaku)
Japan 2010 - 106 min.
Regie: Tetsuya Nakashima - Drehbuch: Tetsuya Nakashima - Produktion: Yûji Ishida, Genki Kawamura, Yoshihiro Kubota, Yutaka Suzuki - Kamera: Masakazu Ato, Atsushi Ozawa - Schnitt: Yoshiyuki Koike - Musik: Toyohiko Kanahashi - Verleih: Rapid Eye Movies - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Takako Matsu, Yoshino Kimura, Masaki Okada, Yukito Nishii, Kaoru Fujiwara, Ai Hashimoto, Hirofumi Arai, Makiya Yamaguchi
Kinostart (D): 28.07.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1590089/
Link zum Verleih: NULL

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