Gerhard Richter Painting

(D 2011; Regie: Corinna Belz)

Der Farbe beim Trocknen nicht zusehen wollen

Was macht der Künstler da? Striche durch funktionierende Rechnungen? Zieht er einen Vorhang? Oder annulliert er ein komplettes Gemälde, weil es keinen Bestand haben darf?
Was macht eigentlich Gerhard Richter (geboren 1932 in Dresden) da?

Er nimmt ein mannsgroßes Plastik-Lineal (namens Rakel) zur Hand, versieht es mit (bewusst ausgewählten!) Farben und scratcht damit konzentriert und kraftvoll quer über/durch die mannsgroße bemalte Leinwand, deren Farbe zum Teil trocken, zum Teil noch nicht getrocknet ist und die – kurz vorher noch – ziemlich anders aussah. Riefen entstehen, Farbfalten, Risse im Auftrag. An manchen Stellen widersetzt sich die geronnene Struktur, an anderen bleibt von ihr nichts mehr, nichts mehr vom allerersten Gedanken/Schaffensakt. Creating by Destroying, Researching by Overscratching. (Graue Farben können dabei durch reine, kräftige überstrichen werden, kräftige Farben durch Weiß wieder neutralisiert werden.)

Natürlich demonstriert Richter einen landläufigen Akt moderner Malerei; auch das Übermalen besitzt in der Malereigeschichte eine lange und berühmte/anrüchige/banale Tradition. Aber vielleicht ist das gar kein „Übermalen“, sondern „Malen“ mit dickem Pinsel. Vielleicht besitzt der Künstler (in einer durch Ausschlüsse begrenzten Auswahl) nur ein grobes Werkzeug. Und so ist dieser brutale Strich eben ein harter, ausladender und widerständiger, dem Subtilitäten verwehrt bleiben müssen, der sich verlassen muss auf Charakteristika des Zufällig-Unsubtilen und dadurch rein Texturellen, Flächigen und Materialen, eine Studie der Bezüge von Werkzeug, Medium und Zielmaterial: Grobkörnigkeit, Feinkörnigkeit, Flüssigkeit und Widerständigkeit.

Richter ist insofern ein altmodischer Maler, dass er sich in einen immerfort kritischen Bezug zum Bild setzt, sich an dessen Widerstand abarbeitet und um/mit dessen Physis/Ästhetik er ringt, bis nichts mehr geht und das Bild dann entweder gut ist – oder gescheitert. Richter: „So ist das! Die Bilder machen, was sie wollen!“

Wer Richters Werke, speziell die seines „Abstrakten Expressionismus“ kennt, konnte einen solchen Produktionsprozess dahinter erahnen, nun kann man anhand von „Gerhard Richter Painting“ überprüfen, wie nah der Künstler dem kommt, was man immer von ihm gemutmaßt hatte, – oder man kann es eben nicht, denn bald nach den ersten gewährten Einblicken in seine Arbeit signalisiert Richter, dass eben diese Einblicke die Schaffenssituation maßgeblich beeinflussen. „Mit dem Blau habe ich es übertrieben …“ sagt er plötzlich frustriert. „Jetzt müssen wir uns über etwas anderes unterhalten. Jetzt müssen wir über den Film reden …“
Was sehen wir wirklich? Und wie steht‘s mit dem immerwährenden Paradoxon der Dokumentarfilms, der so genannten teilnehmenden Beobachtung? Richter, kein Mann vieler Worte, sagt es, wie ein Tier in der Falle: „ Ich gehe anders vor der Kamera“, und er meint damit eigentlich: Es geht nicht!

Wer sich beobachtet fühlt – und die Kamera von Frank Kranstedt ist verständlicherweise keine zurückhaltende, sondern eine neugierige, immer will sie die Farben zerfließen, die Stirne des Meisters sich runzeln, die Hände am Werkstoff arbeiten sehen – fängt auch selbst an, sich zu beobachten und zu bewerten. Für einen kontemplativen Maler wie Richter ist das aber mehr als eine Behinderung: „Das Schlimmste, was mir seit Langem passiert ist. Das Krankenhaus war so ähnlich. Das Fremdgesteuertsein.“

Erst knapp die Hälfte des Films ist um, wie aber kann „Gerhard Richter Painting“ noch seinem Namen gerecht werden? Mach mal Pause, Gerhard! Geh in den Garten, die Kamera bleibt drinnen. Zwei Kameras werden fest installiert und in Dauerbetrieb gesetzt, – für eine Studie des Künstlers bei der Arbeit reicht das nicht. Der Film wird aufgelockert durch Fremdmaterial, Fernsehinterviews mit dem jungen Mann, der 1961 aus der DDR in Westen floh, um, statt „Sozialistischen“ „Kapitalistischen Realismus“ zu malen, mit Aufnahmen bei der Vorbereitung zu Ausstellungen, mit Richters Ehefrau, mit seinen Mitarbeitern, mit Besuchen und Gesprächen von/bei Galeristen und einem Kunsthistoriker, und so zumindest Gespräche über den Prozess der Entstehung von Richters Kunst.

Natürlich ist Gerhard Richter unumgänglich. Da kann ja eine Filmdoku kommen, wie sie will. Auch wenn sie nur ein Paar seiner Werke zeigen würde (was sie tut), wäre das schon ergiebig. Richter schreibt schon lange Kunstgeschichte, und immer geht er eigene Wege, durchaus nicht immer solch abstrakt-expressionistische, wie die, deren Entstehung wir in dem Film von Corinna Belz teilhaftig werden können. Irgendwann trieb er mal den Fotorealismus in den Ruin, indem er das Portrait für das Gemälde zurück eroberte: Durch den Trick des Unstatthaftesten in der Fotografie, durch die Unschärfe. Und natürlich hat die Fotografie nie mehr gelogen/getrogen als in ihrer Behauptung von Erkennbarkeit/Wahrheit/Schärfe und Richter kaum mehr Recht gehabt, als im Rückfordern/Einfordern der Unklarheiten. Es blieb nicht dabei. In seiner „Stammheim-Serie“ schimmert aus der Unschärfe die Angst, die Panik, die Verdrängung einer monströs gewordenen Nation. Eine Serie, die Richter selbst lange nicht gesehen hatte, bis zur Berliner Gastausstellung des New Yorker Museum of Modern Art im Jahr 2005, eine Zurichtung auf engem Raum, die ihm zu reißerisch war. Frage: „Das war doch sicherlich schwer, an dieses Thema heranzugehen?“ Antwort: „ Es wäre wahrscheinlich schwerer für mich gewesen, es zu lassen.“

Und in seiner zurückhaltenden und alles andere als eingebildeten Art stellt er auch bei Gelegenheit nebenher seine Grunddefinition von Kunst in den Raum, die Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen könnte: „Mich interessiert nur, was ich nicht kapiere.“

Am Ende ist dann doch noch ein ganzer Film daraus geworden und irgendwie sind dann doch noch mehr Szenen „Gerhard Richter Painting“ dabei. Wie die zustande kamen und wie man sich mit dem Künstler arrangiert und der Künstler sich mit dem Film arrangiert hat, das wird im Film nicht mehr thematisiert. Der Konflikt, der Widerspruch zwischen dem Schaffen selbst und dem Versuch des Schaffenden, auch gleichzeitig einen Schaffenden zu repräsentieren, ist nicht lösbar, und er bleibt sichtbar stecken in den Szenen vom Maler, der immer ein wenig neben sich steht, weil er gefilmt wird, in den irgendwie auf Distanz gehaltenen Näherungsversuchen einer wissbegierigen Kamera. Aber vielleicht kann ein Film über die Produktion von Kunst, und damit auch ein Film über ihre Widerständigkeit, nur genau so geraten. Diese Erkenntnis können wir allenfalls mit nach Hause nehmen: Die Quadratur des Kreises ist nicht wirklich durchführbar.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu 'Gerhard Richter Painting'.

Benotung des Films :

Andreas Thomas
Gerhard Richter Painting
(Gerhard Richter Painting)
Deutschland 2011 - 97 min.
Regie: Corinna Belz - Drehbuch: Corinna Belz - Produktion: Thomas Kufus - Kamera: Dieter Stürmer, Johann Feindt, Frank Kranstedt - Schnitt: Stephan Krumbiegel - Verleih: Piffl - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Gerhard Richter, Norbert Arns, Hubert Becker, Sabine Moritz-Richter, Konstanze Ell, Marian Goodman, Benjamin Buchloh, Kasper König
Kinostart (D): 08.09.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1982113/

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