Gefühlt Mitte Zwanzig

(USA 2014; Regie: Noah Baumbach)

Zurück in die Zukunft

Josh Screbnic reist zurück in die Zukunft. Doch diese Zeitreise unternimmt der New Yorker Intellektuelle nicht auf den Spuren des Terminators oder von Michael J. Fox in der gleichnamigen Komödie von 1985. Der von Ben Stiller verkörperte Dokumentarfilmer will seine Jugend noch einmal erleben: Mit der dramatischen Komödie „While we’re young“ – deren deutscher Titel „Gefühlt Mitte 20“ leider in eine andere Richtung deutet – schreibt der New Yorker Autorenfilmer Noah Baumbach ein weiteres Kapitel seines autobiographischen Familienromans über Kulturmenschen, die an ihrer Kreativität leiden.

Danach sieht es zunächst nicht aus, denn Josh und seine Frau Cornelia vermitteln den Eindruck eines sorgenfreien, kulturell arrivierten Paars. Während Cornelia (Naomi Watts) die Filme ihres berühmten Vaters produziert, gibt Josh (Ben Stiller) an der Uni Seminare über Filmästhetik. Schnell wird aber klar, dass es im Leben der beiden zwei große Baustellen gibt. Cornelia hatte zwei Fehlgeburten. Unterdessen haben befreundete Paare ringsum Nachwuchs bekommen. Sie reden fast nur noch über ihre Kinder und werden dabei selbst infantil. Josh und Cornelia fühlen sich ausgeschlossen, sie haben das dumpfe Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen.

Sicher, als kinderloses Paar ist man ungebunden und könnte jederzeit nach Paris jetten. Doch das haben beide das letzte Mal 2006 gemacht. Mit spontanen Entscheidungen, die zweite große Baustelle, ist das nämlich so eine Sache. Seit acht Jahren hadert Josh mit der Fertigstellung seines neuen Dokumentarfilms. Kreativität unlimited. Doch dann lernen die beiden ein unbekümmertes Paar kennen, das gut zwanzig Jahre jünger ist. Darby (Amanda Seyfried) designt Eiscreme und ihr Mann Jamie (Adam Driver) scheint nicht zu wissen, wohin mit all seiner ungestümen Schöpferkraft. Josh ist begeistert – zumal Jamie sich als Fan seiner Dokumentarfilme ausgibt. Man verbringt viel Zeit miteinander. Doch die Frischzellenkur, bei der Josh sich seinem jüngeren Ich in Gestalt des quirligen Jamies immer mehr anzuverwandeln versucht, erweist sich bald als zweischneidig.

Solche überspannten, therapieresistenten Kulturmenschen porträtiert der Independent-Regisseur seit nunmehr zwanzig Jahren. Mit einem Seitenblick auf Woody Allens Stadtneurotiker kartographiert er die Symptome von Scheidungskindern aus dem New Yorker Intellektuellen-Milieu. Dabei fügen Baumbachs Filme sich zu einer autobiographischen Metaerzählung, die einen Grundkonflikt aus verschiedenen Perspektiven durchdekliniert. Schon 1995 inszenierte der früh vollendete 26-Jährige seinen ersten Film. „Kicking and Screaming“ dekonstruiert einschlägige Teenager-Komödien wie „Breakfast Club“ oder „Ferris macht blau“. Vier Freunde, einer davon Baumbachs Alter Ego, hadern nach dem High-School-Abschluss mit dem Erwachsenwerden. Sie trinken aber Whiskey wie gestandene Männer und gleiten dabei übergangslos in die Midlife Crisis: Kinder schlüpfen in die Rolle ihrer Eltern, die selbst Kinder geblieben sind.

Dieses Motiv variiert Baumbach in „Margot and the wedding“, ein komisches Drama, in dem Nicole Kidman als Lifestyle-Autorin glänzt. Sie nennt ihren pubertierenden Sohn Claude (nach Claude Chabrol) und redet mit ihm über ihre amourösen Probleme wie mit einem Gleichaltrigen. Diese Konstellation bestimmt auch „The Squid an the wale“, für dessen Drehbuch Baumbach sogar eine Oscar-Nominierung erhielt. Das Scheidungsdrama erzählt von einem Schriftstellerpaar, das sich – wie Baumbachs Eltern auch – trennt. Während die Mutter mit dem Tennislehrer des jüngeren Sohnes zusammen kommt, beginnt der Vater eine Beziehung mit der Schülerin, in die sein älterer Sohn verliebt ist.

Das Motiv dieser verhängnisvollen Konkurrenz zwischen Eltern und ihren Kindern, die ihre Rollen zu tauschen scheinen, wird auch in „Gefühlt Mitte Zwanzig“ aufgegriffen. Ben Stiller spielt einen Kreativen, dem die Kreativität zum Fluch wird. Wie schon in „Greenberg“ bürstet er dabei sein Image als Klamauk-Komiker gegen den Strich. Sein achtsündiges Filmprojekt, eine kopflastige Welterklärung, ist gefühlte siebeneinhalb Stunden zu lang. Diese Einschätzung ist umso bitterer, als sie von seinem Schwiegervater stammt, einem angesehenen Dokumentarfilmer. Mit Joshs Kreativität hapert es offenbar aus demselben Grund, aus dem auch seine Familienplanung stagniert. Die ödipale Konkurrenz mit dem Über-Schwiegervater, der den Platz „berühmter Dokumentarfilmer“ besetzt hält, lähmt. Ben Stiller spielt hier einen typischen Baumbach-Charakter: Einen akribische Prokrastinierer, der seine Zwanghaftigkeit kultiviert und in einer quälenden Rückkopplung zwischen Perfektionismus und Versagensangst stecken geblieben ist.

Neue Impulse bekommt Josh durch die Begegnung mit „der Jugend“, die bereits im Filmvorspann durch ein ungewöhnlich langes Zitat aus einem Drama von Ibsen angekündigt wird. Im gleichnamigen Stück hat der gealterte Baumeister Solneß Angst vor der Jugend, die ihn zugleich anzieht. Auch Josh empfindet diese Ambivalenz gegenüber dem jungen Studenten Jamie, ein prototypischer „Hipster“, der den festgefahrenen Mittvierziger zunächst sehr inspiriert. Während Josh mit diversem digitalen Schnickschnack krampfhaft dem Zeitgeist hinterher hechelt, lebt der aufgeweckte Mittzwanziger Jamie ihm vor, wie man in einer entschleunigten analogen Retro-Welt mit Vinyl, Dual-Plattenspieler und selbst gebasteltem Schreibtisch ganz entspannt im tatsächlich angesagte Hier und Jetzt lebt. Man schaut Video statt Netflix. Dir fällt ein Wort wie „Marzipan“ nicht ein und du willst es nebenbei mit dem IPhone googeln? So etwas ist out! Smartphones sind Zeitfresser! Natürlich hat Jamie auch keinen Facebook-Account – doch das ist eine vertrackte Geschichte (Spoiler).

Diese Regression in ein prä-digitales Zeitalter wird nicht ohne ironisches Blinzeln zelebriert. Vom Schreiben mit der mechanischen Schreibmaschine bis hin zu schamanischen Kotzpartys mit der Indianerdroge Ayahuasca dekliniert Baumbach die Top Ten der Zeitgeistphänomene spielerisch durch. Für Josh erscheinen diese Stilübungen zunächst inspirierend. Allerdings schlittert er unversehens in eine höchst seltsame Rolle. Er fühlt sich als Mentor des jungen Mannes – und ist doch gleichzeitig dessen gelehriger Schüler. Er wird gewissermaßen zum Sohn seines eigenen Sohnes.

Die Zeitreise zurück in eine Zukunft, die eigentlich eine konstruierte Vergangenheit aus Retrophänomenen ist, wird unter Baumbachs humorvollem Blick zu einer Quelle mannigfaltiger Irritationen und Paradoxien. Je mehr Josh sich abstrampelt, um sich seinem jüngeren Ich anzuverwandeln, desto eklatanter tritt die Differenz zutage. Als er versucht, auf dem Fahrrad mitzuhalten, wird er unversehens von einer schmerzlichen Arthrose im Knie ausgebremst. Schlimmer als diese körperlichen Defizite sind die unheimlichen Begegnungen der popkulturellen Art. Da sein junges Ebenbild Jamie sich mit seiner Piraten-Ästhetik alles aneignet, hört er irgendwann auch „Eye like a Tiger“, den Titelsong aus Sylvester Stallones „Rocky III“. Popmusik wird von Baumbach nicht nur illustrativ eingesetzt, sondern auch – wie in diesem Fall – als ironischer Ausdruck einer seltsamen Zeitverschiebung: Wie jeder kulturell sensible Mensch fand Josh den Ohrwurm von „Survivor“ schon damals, im Jahr 1982, als lärmend. Soll er dem seelenlosen Gassenhauer aus Jamies Retro-Perspektive nun etwas abgewinnen?

Mit dieser subtilen Zuspitzung des Zeitreise-Motivs rächt Baumbach sich auf ästhetisch hohem Niveau an einer Generation von Eltern, die keine Eltern sein wollen, weshalb deren Kinder den Schritt zum Erwachsenwerden immer weiter hinauszögern. Der Überflieger Jamie spiegelt Josh sein eigenes Symptom in umgekehrter Form wider. Ebenso wenig wie dem gutgläubigen Josh fällt dem Kinozuschauer dabei zunächst gar nicht auf, dass der junge Mann fast jede Szene beiläufig mit einer GoPro dokumentiert – trotz seiner proklamierten Techno-Abstinenz. Man übersieht das, weil Baumbach bewusst auf Film-im-Film-Szenen verzichtet. Er erzählt zwar eine Geschichte über drei Generationen von Dokumentarfilmern. Doch deren unterschiedliche Auffassungen über filmische Authentizität wird nicht im Stil postmoderner Selbstreflexivität thematisiert. Noah Baumbach ist nicht Atom Egoyan, statt prätentiöse Vexierbilder zu zeichnen, bleibt er stets dicht bei seinen Charakteren.

Dem sogenannten mumblecore, einem Subgenre des Independentfilms, bei dem mangelndes Budget durch dialoglastige Seelenenthüllungen kompensiert wird, ist der Regisseur mit diesem vergleichsweise aufwendigen New York Tableau nicht mehr zuzurechnen. Seinem entspannt dahinplätschernden Erzählstil ohne forcierte dramatische Höhepunkte bleibt er dennoch treu.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu 'Gefühlt Mitte Zwanzig'.

Benotung des Films :

Manfred Riepe
Gefühlt Mitte Zwanzig
(While We're Young)
USA 2014 - 97 min.
Regie: Noah Baumbach - Drehbuch: Noah Baumbach - Produktion: Noah Baumbach, Eli Bush, Scott Rudin, Lila Yacoub - Kamera: Sam Levy - Schnitt: Jennifer Lame - Musik: James Murphy - Verleih: Universum / SquareOne - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Naomi Watts, Amanda Seyfried, Ben Stiller, Adam Driver, Maria Dizzia, Dree Hemingway, Charles Grodin, Brady Corbet, Adam Horovitz, Greta Lee, Adam Senn, James Saito, Jessica Treubig, Ryan Serhant, Chloe Elaine Scharf
Kinostart (D): 30.07.2015

DVD-Starttermin (D): 04.12.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1791682/

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