Freistatt

(D 2015; Regie: Marc Brummund)

„Das kannst du besser, komm schon!“

Klar! Wir sollten „Victoria“ den aktuellen Erfolg von Herzen gönnen, darüber aber die Bedeutung der Gegenwart im deutschsprachigen Kino nicht überbewerten. Fakt ist: Geschichte geht immer!
Gerade sehr angesagt in den Kinos: West-Deutschland, fiktional, dokumentarisch, kreuzweise. Besser noch: the dark side of the alte BRD, wo junge Staatsanwälte alte Nazi-Täter jagen („Im Labyrinth des Schweigens“), eine Generation den antiautoritären Aufbruch probt („Une jeunesse allemande“) und sich die kreative Bohème schließlich desillusioniert auf der Insel der Glückseligen versammelt, um das Hohelied der „Genialen Dilettanten“ anzustimmen („B-Movie“, „Tod den Hippies. Es lebe der Punk!“), bevor die Love Parade den Kudamm erobert.

Oder vielleicht doch noch einmal von der RAF sprechen? Über Bande, gewissermaßen? Stichwort: Schließlich gab es in den Sixties auch Ungleichzeitigkeiten in Form von kirchlichen oder staatlichen Fürsorgeheimen, in die renitente Jugendliche von überforderten oder auch schlicht genervten Eltern mit Hilfe von Jugendämtern abgeschoben werden konnten und in denen noch lange der Muff von tausend Jahren waberte. Die kirchliche Fürsorgeanstalt Freistatt, wunderschön gelegen in norddeutscher Moorlandschaft, galt als besonders harte Verwahranstalt, wo die Persönlichkeit Jugendlicher durch Repression und Zwangsarbeit gebrochen wurde. Gerade erst hat Christian Frosch mit „Von hier an kein zurück“ an Freistatt erinnert, jetzt macht Marc Brummund der berüchtigten Verwahranstalt filmisch den Prozess in Gestalt eines Genre-Films. Froschs Film ist eine ambitionierte Mischung aus Meinhofs „Bambule“ und Fassbinder, Brummunds eher „Working on a Chain Gang“ mit allem „torture porn“-Pipapo: Gewalt, Missbrauch, undurchsichtige Regeln und Machthierarchien, Fluchtversuche, Ohnmacht, Selbstmord, Auflehnung und Widerstand. Brummund zeichnet nach allen Regeln der Kunst (gute Darsteller, großartige Kameraarbeit, wirkungsvolle Filmmusik, Naturmetaphorik) eine autoritäre Welt, die sich erfolgreich abzuschotten weiß gegen die Liberalisierungen der Zeit.

Leider macht der Film selbst die Genre-Schotten dicht, fokussiert die Hauptfigur, interessiert sich nicht weiter für die Geschichte und Motive der Nebenfiguren, was dem sicherlich bestens durchrecherchierten Stoff märchenhafte (Western-)Züge verleiht. Da ist der böse Stiefvater, die hilflos-nette, Kuchen backende Mutter, der aufrechte und gerechte Sohn Wolfgang und sein treuer Gefährte Anton, das afro-deutsche Waisenkind. Da ist der böse Herrenreiter und Hobby-Gärtner Brockmann, seine Schläger- und Missbrauchs-Kapos und sein keckes, Bonanzarad fahrendes Töchterchen Angelika, das in Hamburg vielleicht „was mit Politik“ studieren will. Und da ist der Soundtrack der Revolte aus dem Radio: „Freedom“ singt Richie Havens und „Sometimes I feel like a Motherless Child“ in der vaterlosen Gesellschaft. Wozu soll das führen?

„Freistatt“ setzt auf klassisches Identifikationskino, während „Von hier kein zurück“ seine Geschichte polemischer mit Elementen des Autorenkinos »rahmt«: hier die Schlagerbranche, dort der militante Widerstand als Perspektiven, während Wolfgang erst einmal nur dem Grauen »entkommt«. Durchaus spannend, wenngleich etwas vom »Problem« ablenkend: beide Filme im Zeichen des Strukturalismus hintereinander gucken und auf Spiegelungen, Doppelungen, Weiterungen und Verengungen achten. Notieren! Die monströsen Vater-Figuren (und ihre chargierenden Darsteller: Ben Becker, Uwe Bohm), die hilflosen Mütter, das Straf-Personal, die Mit-Gefangenen, die „Idee“ von Familie als feste Burg, die Momente, in denen der antiautoritäre Aufbruch („Pictures of Matchstick Men“ von Status Quo (sic!)) abgewürgt wird im Zeichen der Disziplinargesellschaft. Wenn dann „Scarborough Fair“ von Simon & Garfunkel in der Version von Sergio Mendes erklingt, ist das bereits der softe Sound der Vorhölle.

Benotung des Films :

Ulrich Kriest
Freistatt
Deutschland 2015 - 104 min.
Regie: Marc Brummund - Drehbuch: Nicole Armbruster, Marc Brummund - Produktion: Stefanie Groß, Rüdiger Heinze, Monika Kintner, Stefan Sporbert - Kamera: Judith Kaufmann - Schnitt: Hans Funck - Musik: Anne Nikitin - Verleih: Salzgeber - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Louis Hofmann, Alexander Held, Stephan Grossmann, Max Riemelt, Langston Uibel, Leonard Boes, Uwe Bohm, Anna Bullard, Markus Krojer, Justus Rosenkranz, Felix Stukenborg, Enno Trebs, Nils Walf
Kinostart (D): 25.06.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3127698/

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