Drive

(USA 2011; Regie: Nicolas Winding Refn)

Vom Gleiten

Ein Appartementhaus. Ein Flur. Ein Aufzug. Zwei Menschen: der Driver (Ryan Gosling) und seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan). Sie lieben sich, aber sie haben es sich noch nicht gestanden. Das Schweigen zwischen ihnen, es spricht Bände. Die Aufzugtüren öffnen sich, sie treten ein. Ein fremder Mann nickt zur Begrüßung. Er ist ein Killer, soll den Driver umbringen. Doch der weiß bereits Bescheid, hat die Waffe unter der Jacke des Mannes gesehen. Zeitlupe: Der Driver dreht sich zu Irene um, er nimmt sie in den Arm und endlich, endlich begegnen sich ihre Lippen, endlich fasst er den Mut, ihr den Kuss zu geben, den er ihr von Anfang an geben wollte. Und sie empfängt ihn, erleichtert, sehnsuchtsvoll. Alles verändert sich: Das Licht nimmt plötzlich, unmerklich eine andere Qualität an. Es scheint nicht mehr länger von der Lampe an der Wand der Fahrstuhlkabine zu kommen, sondern geradewegs aus dem Himmel auf die beiden Liebenden herabzuscheinen. Es ist ein Moment, der für immer dauern soll. Ewigkeit. Stillstand. Auflösung. Doch da ist noch der Killer, er steht dem Glück noch im Weg. Der Driver lässt von Irene ab und stürzt sich zurück in die Realität und auf den Mann, überwältigt ihn, wirft ihn zu Boden und tritt immer und immer wieder auf dessen Kopf ein, wie in Raserei. Dann lässt er von ihm ab. Er dreht sich um, blickt in das Gesicht Irenes. Ihre Augen sind erschrocken, ihr Gesicht versteinert zwischen Enttäuschung und Schrecken. Ernüchterung. Sie liebt den Driver, aber sie wird nicht mit ihm zusammen sein können. Die Fahrstuhltüren schließen sich. Er ist wieder allein.

„Drive“ heißt Nicolas Winding Refns neuester Film, der erste, den der Däne in Hollywood drehen durfte, ja, den er in Hollywood drehen musste, weil er nur in Los Angeles spielen konnte. „Drive“, das bedeutet „fahren“, aber auch „Antrieb“. Beides wird verkörpert durch den Protagonisten des Films, den namenlosen Driver, der tagsüber in der Werkstatt des sympathischen Versagers Shannon (Bryan Cranston) arbeitet, seine Künste als Stuntfahrer sporadisch für Filmproduktionen zur Verfügung stellt und sich seine Kasse außerdem als Fluchtwagenfahrer for hire auffüllt. Aber das Fahren ist für ihn mehr als eine Tätigkeit, es ist der Ausdruck seiner ganzen Persönlichkeit, einer Sehnsucht, die sich mit sich selbst zufrieden gegeben zu haben scheint. Äußerlich ungerührt sitzt er in seinem Fahrzeug, die Hände in altmodischen Fahrhandschuhen, ein Skorpion auf dem Rücken seiner Jacke, ein Zahnstocher im Mundwinkel, Relikt einer von der Zeit vergessenen Coolness. So gleitet er durch die Straßen, auf der Windschutzscheibe der Film der Wirklichkeit, den er sich wie ein Unbeteiligter anschaut. Wie ein Schlafwandler geht er durchs Leben, hellwach immer nur, wenn er am Steuer seines Wagens sitzt. In diesem Mikrokosmos, diesem von der Außenwelt abgeschotteten Ort hat er die Kontrolle, die Übersicht, hier ist er der unangefochtene Herr. Seine Souveränität versucht er auch nach draußen mitzunehmen. Doch das ist nicht sein Film, der da läuft, er ist nicht länger der alleinige Hauptdarsteller. Und die anderen Menschen kann er nicht steuern. Weil er sie meistens nicht versteht. Sie sind nur Schatten.

Nicolas Winding Refn hat einen Film gedreht, der allein von diesem Gefühl des Dahingleitens handelt. Einen Film, der diesen Zustand der entspannten Konzentration, des in sich und der Tätigkeit Versunkenseins, das man vom Autofahren kennt, in Bilder von urbaner Melancholie übersetzt. Der diese Ruhe ausstrahlt, die man erst bemerkt, wenn man erstaunt feststellt, dass man die letzten zurückgelegten Kilometer gar nicht wahrgenommen hat, einfach nur gefahren ist, allein mit sich, dem Lenkrad und dem Gaspedal. Man hätte so bis ans Ende der Welt fahren können, ohne es zu bemerken. Und so ist auch „Drive“ ein Film, der für immer dauern möchte, wie ein entspannter Tagtraum, der – wie die Szene im Fahrstuhl – von der Realität da draußen sanft beleuchtet wird. Ein Film, bei dem man befürchtet, er könne enden, wenn man zu heftig blinzelt. Der sich anfühlt wie Elektrizität: Die Haut kribbelt, die Haare richten sich auf. Urinstinkte, die Ratio summt im Stand-by-Modus. Es gibt keine Brüche in „Drive“, alles ist eins. Selbst die Gewaltexplosionen sind Teil des Flusses, schlagen nicht mehr aus, sondern fügen sich als Unausweichliches in diesen ein. Liebe, Schmerz, Tod, Einsamkeit, Verlangen, Trauer, Freude: Es sind alles nur Fassetten Desselben, wie die Abschnitte einer Straße, auf der man träumend dahingleitet, in den Augenwinkeln das rhythmische Flackern von Licht und Schatten. Und Ryan Gosling ist das Gesicht dieses Traums. „You look like a Zombie!“, sagt sein Mentor Shannon einmal. Aber dann zeichnet sich auf diesem Gesicht plötzlich ein entwaffnendes Lächeln ab, ein Lächeln, das alles sagt und keine Fragen offenlässt. Und dann verschwindet es wieder. Wie der Driver am Ende. Er kann nur fahren. Alles andere ist Sterben.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Benotung des Films :

Oliver Nöding
Drive
(Drive)
USA 2011 - 101 min.
Regie: Nicolas Winding Refn - Drehbuch: Hossein Amini - Produktion: Michel Litvak, John Palermo, Marc Platt, Gigi Pritzker - Kamera: Newton Thomas Sigel - Schnitt: Matthew Newman - Musik: Cliff Martinez - Verleih: Universum - FSK: keine Jugendfreigabe / ab 16 (gekürzt) - Besetzung: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Oscar Isaac, Ron Perlman, Christina Hendricks, Tina Huang, Joe Pingue
Kinostart (D): 26.01.2012

DVD-Starttermin (D): 29.06.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0780504/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.