Dicke Mädchen

(D 2012; Regie: Axel Ranisch)

Gefühlsecht

Schon die altmodisch-verschnörkelte Retro-Anmutung der Vorspanntitel, unterlegt mit musikalischem Sentiment, lässt erahnen, dass im Folgenden filmästhetisch einiges kompromisslos anders ist als üblicherweise. Am ehesten noch ähnelt Axel Ranischs mit Freunden und der eigenen Oma gedrehter No budget-Film dem dänischen Dogma-Look oder auch dem Improvisationskino von John Cassavetes. Spontan, provozierend direkt und unverstellt echt agieren hier die Darsteller in einem realistischen Setting. Und die Mini-DV-Kamera verfolgt und begleitet ihre Aktionen ohne Ansehung der jeweiligen Lichtverhältnisse. Ranisch geht es nicht um eine künstliche Dramatisierung, sondern um eine möglichst authentische Darstellung, was sich im Szenischen und Theaterhaften seines Films wiederspiegelt. Immer wieder gibt es Rollenspiele innerhalb der Rollen, in denen sich skurrile Anlässe mit wahren Gefühlen, Komik und Tragik verbinden. Manchmal verlieren diese Performances aber auch Spannung und laufen leer.

Der Junggeselle Sven (Heiko Pinkowski) lebt mit seiner alten, unter Demenz leidenden Mutter Edeltraut (Ruth Bickelhaupt) zusammen. Die beiden haben ein herzliches Verhältnis und schlafen im gleichen Bett. Wenn Sven nach dem Frühstück zur Bank muss, wo er seit dreißig Jahren arbeitet, kommt Daniel (Peter Trabner), um die alte Dame zu betreuen. Das geschieht sehr liebevoll und unverkrampft, wobei vor allem durch Edeltrauts Aussetzer in der Kommunikation immer wieder berührende tragikomische Momente entstehen. Einmal, nach einem Tag der Sorge, veranstalten die drei einen feucht-fröhlichen bunten Abend mit Tanz und Clownerien und Musik. Das Leben wird zum Fest, die Gemeinschaft erlebt Geborgenheit. Doch in der Nacht, die darauf folgt, stirbt Edeltraut friedlich; und Sven wird von einer großen Trauer überwältigt. Weil er aber zugleich immer deutlicher zärtliche Gefühle für Daniel entwickelt, wird dieser nicht nur zum Tröster und Liebesersatz, sondern auch – und durch einige schmerzliche Kämpfe hindurch – zu einem Katalysator für einen neuen Aufbruch. Axel Ranisch schildert diese Befreiung nach einem doppelten Verlust völlig unverkrampft und gegen etwaige Vorurteile und Tabus.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Dicke Mädchen
Deutschland 2012 - 76 min.
Regie: Axel Ranisch - Drehbuch: Axel Ranisch - Produktion: Heiko Pinkowski, Anne Baeker, Axel Ranisch, Dennis Pauls - Kamera: Axel Ranisch - Schnitt: Milenka Nawka, Guernica Zimgabel - Verleih: missingsFILMS - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Heiko Pinkowski, Peter Trabner, Ruth Bickelhaupt, Paul Pinkowski
Kinostart (D): 16.11.2012

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2023454/

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