Der Junge mit dem Fahrrad

(B / F / I 2011; Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne)

Suche nach Liebe und Vertrauen

Wie Rosetta, die jugendliche Titelheldin aus einem früheren Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, so ist auch der 12-jährige Cyril (Thomas Doret) aus ihrem neuen Werk „Der Junge mit dem Fahrrad“ in ständiger Bewegung. Anfangs versucht er mit wütender, aber sehr zielgerichteter Energie aus einem Heim zu fliehen, um seinen Vater zu suchen, der ihn verlassen hat. Dabei wirkt er wie ein Getriebener, der seine innere, kaum zähmbare Unruhe in körperliche Aktivität übersetzt. „Ich träume nicht“, sagt Cyril, der sich nur schwer kontrollieren lässt und kooperatives Verhalten verweigert oder hintergeht. Wie ein Tier in freier Wildbahn, schutzlos und zugleich unbändig, ist der Junge seinen unverstandenen Gefühlen ausgesetzt. Sein rotes T-Shirt wirkt dabei wie ein Signal seines Protests.

Sehr nah und körperlich direkt inszenieren die belgischen Autorenfilmer die atemlose Suche ihres Helden nach Liebe und Vertrauen; und situieren diese in einem genau dargestellten sozialen Kontext. Erst als Cyril auf die Friseurin Samantha (Cécile de France) trifft, die ihn vorbehaltlos annimmt und ihm hilft, sein verloren geglaubtes Fahrrad wiederzubeschaffen, gewinnt er ein Mindestmaß an Stabilität. An den Wochenenden werden Samantha und ihr Freund Gilles (Fabrizio Rongione) für ihn zu einer Art Ersatzfamilie, die allerdings der Zerreißprobe nicht standhält. Als Cyril endlich seinen Vater Guy (Jérémie Renier) wiedersieht, heftig um ihn wirbt, aber damit konfrontiert wird, dass dieser nichts mehr von ihm wissen will, überträgt er diese Zurückweisung auf seinen „Ersatzvater“.

Mit einem elliptischen Erzählstil verdichten die Brüder Dardenne ihr intensives Drama über ein ausgesetztes Kind zu einer episodisch strukturierten Entwicklungsgeschichte mit vielen Rückschlägen. Deren Episoden werden von einem wiederkehrenden Streicher-Thema aus Beethovens 5. Klavierkonzert befriedet. Die von den beiden Regisseuren formulierte Ablehnung psychologischer Erklärungen verhindert jedoch nicht, dass ihr Film reich ist an emotionalen Verwicklungen und Widersprüchen. Als Cyril schließlich von dem Kleinkriminellen Wes (Egon di Mateo), der ihm Anerkennung und Respekt zollt, zu einem Verbrechen verführt wird, eröffnet der Film einen Kreislauf aus Schuld und Sühne, Rache und Vergebung; dieser wird schließlich auf geradezu märchenhafte Weise durchbrochen. Erst auf einer langen nächtlichen Fahrradfahrt kann sich Cyril von seinem Vater lösen, stirbt eine Hoffnung, um einem neu gewonnenen Vertrauen Platz zu machen.

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Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Der Junge mit dem Fahrrad
(Le gamin au vélo)
Belgien / Frankreich / Italien 2011 - 87 min.
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne - Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne - Produktion: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Denis Freyd - Kamera: Alain Marcoen - Schnitt: Marie-Hélène Dozo - Musik: Ludwig van Beethoven - Verleih: Alamode - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Thomas Doret, Cécile De France, Jérémie Renier, Egon Di Mateo, Fabrizio Rongione
Kinostart (D): 09.02.2012

DVD-Starttermin (D): 31.08.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1827512/

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