Der Imker

(CH 2013; Regie: Mano Khalil)

Lebendig begraben

Auch wenn der Titel von Mano Khalils Dokumentarfilm „Der Imker“ dies nahelegt, geht es darin nicht um Bienenzucht. Die Imkerei dient eher als Metapher für das zerrissene und zugleich in sich ruhende Leben des entwurzelten Kurden Ibrahim Gezer, der hier portraitiert wird. Sein unterschwellig appellierender Blick setzt einen sowohl individuellen als auch politischen Rahmen. Andere Einstellungen zeigen immer wieder seine Hände, seinen Aufenthalt in der Natur und bei Freunden oder aber in jener 1-Zimmer-Wohnung über einer lärmenden Bar, die für den Exilanten in der Schweiz zum neuen Domizil geworden ist. Der 1946 in der Türkei geborene Gezer lebt zwischen zwei Welten, was die Parallelmontage in der Einleitung verdeutlicht: Die Berglandschaft der kurdischen Heimat und diejenige der Schweiz fließen nahtlos ineinander. Trotzdem sagt der stets hoffnungsvolle Menschenfreund mit dem gütigen Gesicht einmal deprimiert: „Ich fühle mich wie lebendig begraben.“

Der 11-fache Familienvater hat dazu allen Grund, denn seine Familie wurde durch den Kurdenkonflikt auseinandergerissen. Zwei seiner Kinder starben als Widerstandskämpfer, andere sitzen im Gefängnis oder sind auf der Flucht, seine traumatisierte Ehefrau brachte sich um. Gezer selbst musste sich jahrelang verstecken, ehe er im schweizerischen Laufen Asyl fand. Dabei verlor er seine 500 Bienenvölker, mit denen er zwischen 10 und 18 Tonnen Honig im Jahr produzierte und die ihm ein gutes Auskommen sicherten. Er sei Imker aus Berufung: „Ich und meine Bienen sprechen die gleiche Sprache. Wir sind Freunde“, sagt Gezer. Immer wieder bewundert er die Klugheit dieser emsigen Tiere und ihr harmonisch geordnetes Leben, das er in Analogie dazu auch gerne für seine eigene Familie gehabt hätte. Stattdessen steckt er in einem Beschäftigungsprogramm für Integration, für das er eigentlich zu alt ist und das ihn von seiner geliebten Imkerei abhält.

Mano Khalil benutzt diesen und andere Konflikte, um seinen Film mit mehreren dramatischen Erzählsträngen auszustatten, deren Inszenierung aber mitunter zu vordergründig auf Bedeutung zielt, ohne die dabei mitgelieferten Botschaften auf ihre Hintergründe hin zu befragen. Das der Spielfilmdramaturgie entlehnte Verfahren bleibt flach, wirkt künstlich und produziert mitunter Längen, in denen die emotionale Suggestion die mögliche Analyse verdrängt. Stärker ist der Film, wo er sich den Einsichten, Erzählungen und Geschichten des Portraitierten überlässt, der sich nach seiner verlorenen Heimat sehnt, durch seine Offenheit und seinen – trotz aller tragischen Erfahrungen – ungebrochenen Lebensmut aber auch neue Freunde gewonnen hat. Ibrahim Gezer glaubt an eine „Gefühlssprache“, seine Leidenschaft für die Bienenzucht bezeichnet er als „süße Krankheit“ und die Natur als „das einzige Paradies“.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Der Imker
Schweiz 2013 - 112 min.
Regie: Mano Khalil - Drehbuch: Mano Khalil, Manuela Steiner - Produktion: Mano Khalil - Kamera: Mano Khalil - Schnitt: Thomas Bachmann - Musik: Mario Batkovic - Verleih: BraveHearts International - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Barbara Bienz, Ibrahim Gezer, Nicole Hohl, Gabriele Schneider Krummenacher, Viktor Krummenacher, Max Wyrsch, Anita Wyrsch-Gwerder
Kinostart (D): 30.01.2014

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3017108/

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