Das rote Zimmer

(D 2010; Regie: Rudolf Thome)

Sommerspiele

Ein Esstisch wird einigermaßen liebevoll eingedeckt, der Mann im Anzug, Fred Hintermeier, zündet Kerzen an, rückt die Gläser zurecht. Einen Hunderteuroschein legt er an den Rand eines der Teller – eine erste kleine Irritation. Die zweite klingelt an der Tür und heißt Manuela. Sie ist zwar nicht die Prostituierte, die Fred erwartet hatte, um seinen Geburtstag in erkaufter Romantik zu feiern, aber als Manuela noch auf dem Hausflur sogleich ihren Mantel öffnet und ihren gänzlich nackten Körper zur Begutachtung entblößt, ist Fred das egal. Ob sie ihren Mantel beim Essen ausziehen soll, fragt sie. Fred findet das nicht schlecht. Auch, dass das einen Hunderter mehr kosten soll, stört ihn nicht weiter. Das Leben ist teuer geworden – auch die Liebe.

Fred Hintermeier ist Philematologe an der Berliner Technischen Universität – er erforscht das Hormonverhalten im menschlichen Körper beim Küssen. Fünfzehn Minuten lang lässt er freiwillige Probanden Dauerknutschen, dann können die Ergebnisse verwertet werden. Am Abend dann wird er seiner Noch-Ehefrau am Telefon mit großer Ernsthaftigkeit und Klarheit sagen, dass er sie bis zum Tage seines Todes lieben wird und kümmert sich überhaupt nicht darum, dass sie ihn nur angerufen hat, um ihn noch einmal daran zu erinnern, dass morgen der Scheidungstermin vor Gericht ansteht. Rudolf Thomes neuer Film, so möchte man meinen, ist ein bisschen so wie seine Hauptfigur: Zwischen Experimentalfilm und Groschenroman, Gestelltem und Improvisation, zwischen Kitsch und schönsten Einsichten.

Wie vom Himmel fallen gleich zwei Frauen in Freds Leben ein: Luzie gräbt ihn in einem Antiquariat an und lädt ihn ein, sie in ihrem kleinen Häuschen in Vorpommern zu besuchen. Dort lebt sie mit der jüngeren Sibel in einem weltflüchtig-idyllischen Reich der Frauenliebe, in das ab und an Männer gelockt werden, weil sie – ist das jetzt peinlich oder einfach authentisch? – „das Salz in der Suppe“ seien und die besten unter ihnen werden in das ominöse „rote Zimmer“ geführt. Ansonsten versucht Luzie, einen großen Roman zu schreiben (ihr erster trug den verheißungsvollen Titel „Warum? Der Sinn des Lebens“), während Sibel herumhängt, Fische fängt und Beeren isst, die „viel besser schmecken als aus dem Supermarkt“.

Dass all das nie unerträglich und selten mal eine Minute langweilig wird, ist der großen, reifen Inszenierungskunst Thomes zu verdanken, die nichts mehr beweisen muss, tut und lässt, wonach ihr ist und keinerlei Auftragen kennt. Einen Sommerfilm hat er gedreht, von dem man meinen möchte, er könne nur im August spielen, jenem Monat, von dem Alexander Kluge einmal sagte, er fühle sich an wie eine Fläche: Drückende Hitze, langsam verdunstende Zeit, endlose Abende, die Platz schaffen für Wein, Wagnisse, Liebe und Verlust. Und wie Thome das filmt, diese Annäherung Freds an die beiden Frauen, das gemeinsame Schwimmen im See, das lange Vorspiel, das bisschen Sex mit beiden, die kleinen Eifersüchteleien, die mit einem Kuss weggewischt werden können, das ist nichts weniger als eine virtuose und dabei ganz bescheidene Verkettung der „Fragmente einer Sprache der Liebe“.

Einmal liegt Sibel mit Fred auf einem Bootssteg, dessen eigentlich schon viel zu heißes Holz man zu spüren und zu riechen glaubt. Sie spannt ihren Körper zur Sonne hin auf, Fred küsst sie, sie sagt: Ich glaube, du hast mich ein bisschen verhext. Durchaus kitschig, irgendwie rührend. Und ziemlich echt.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Benotung des Films :

Janis El-Bira
Das rote Zimmer
(Das rote Zimmer)
Deutschland 2010 - 101 min.
Regie: Rudolf Thome - Drehbuch: Rudolf Thome - Produktion: Rudolf Thome - Kamera: Ute Freund - Schnitt: Beatrice Babin - Musik: Katia Tchemberdji - Verleih: Prometheus - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Peter Knaack, Katharina Lorenz, Seyneb Saleh, Max Wagner, Isabel Hindersin, Hanns Zischler, Arnd Klawitter, Karlheinz Oplustil
Kinostart (D): 13.01.2011

DVD-Starttermin (D): 13.02.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1815659/

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