Das finstere Tal

(D / AT 2014; Regie: Andreas Prochaska)

Eine Geschichte von Gewalt

„Das ist kein Ort für dich“, sagt man da dem Fremden, der sich durch die kalten Alpenpfade den Weg ins abgelegene Dorf des finsteren Tals gebahnt hat. Sein Anliegen: Hier, im rauen Land, zu überwintern. Weshalb? Um die Berggegend und deren Bewohner mit seinem „Spiegel mit Gedächtnis“, wie die Erzählerin den Apparat nennt, abzulichten. Ein großes Schweigen breitet sich über die Bewohner jenes Dorfes, über dem ein Holzkreuz drohend thront, während es die kleineren Worte und Gesten sind, in denen sich die Hierarchien jener Gemeinschaft zu entfalten beginnen. Als brächten Bilder zur Sprache, was die Lippen verschweigen, geht der Fremde seiner archivarischen Arbeit nach und hält seine Motive gegen das Drängen der Zeit fest; dass es mehr ist, was dieser Herr hier will, als das bloße Schießen von Fotos, legen schon die Konventionen des Genres nahe: Der Fotoapparat ist dann nur eines von zwei mitgebrachten Werkzeugen, die jeweils einer Filmhälfte zur Form verhelfen.

War Amerika in Ruzowitzkys „Die Siebtelbauern“ in die Zukunft projiziertes Phantasma einer nie erreichten Freiheit, erreicht diese in „Das finstere Tal“ den europäischen Kontinent, getrieben von der Vergangenheit; einer Vergangenheit, die bald zu blenden beginnt, wer sich blind für diese stellt. Hier vagabundiert kein Ronin und kein Namenloser von der einen Grausamkeit zur nächsten doch so ähnlichen, und auch kein stummer Vergelter sieht in der verschneiten Landschaft die Ungerechtigkeiten seiner Kindheit wiederholt – hier ist jemand auf der Suche. Die ganz und gar nicht unbewusste Konsequenz, mit der er sich dabei vergangener Taten annimmt, bereitet Unbehagen. Behutsam und langsam macht Regisseur Andreas Prochaska die Spuren dieser Vergangenheit für den Zuschauer lesbar, welcher sich bald als einziger nicht eingeweiht fühlt in die Codes des Patriarchats, denen die Symbole, Rituale und ja, auch Bibelexegesen des Dorfes gehorchen. Die Kulisse dieses alpinen Konflikts mag an Corbuccis weißen Western „Leichen pflastern seinen Weg“ erinnern, das Handlungsgerüst orientiert sich jedoch mehr an Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“. Von dort kommt vieles bekannt vor: Ein von der Obrigkeit bedrohtes Eheglück, oder der Unterschlupf, in den sich ein Gesuchter flüchtet. Nichts von alledem wird jedoch einfach kopiert, ohne dabei neu kombiniert und neu ausgerichtet zu werden: So wird etwa das Motiv der überlegenen Technologie, das Kurosawa in „Yojimbo' (auch) aufgreift und von Leone verschoben wird, in Prochaskas Film unkonventionell gewendet (vielleicht nur mit dem Wenden von Djangos Sargdeckel verwandt).

Der Spannungsbogen dieser grandiosen Verfilmung lässt nicht nur an keiner Stelle nach, sondern spannt sich mit Fortschreiten der Handlung immer mehr. Im Wechsel von den Totalen, die die unpassierbaren Berglandschaften zeigen, zu den Nahaufnahmen und Details des Dorfes, die mitten in die Gewalt führen, vermittelt die Kameraarbeit ein Gefühl des Ausweglosen und Unvermeidbaren. Der Rhythmus und der Bass des Scores unterstreichen dies, nur die Songs, mit denen das Geschehen an manchen Stellen unterlegt wird, mögen Geschmackssache sein. Sam Riley glänzt, wenn man das angesichts seiner undurchsichtig ausgelegten Figur so sagen kann, in der Hauptrolle. Mit ihm und seinem Akzent rechtfertigt sich die Einsilbigkeit des Westernhelden erstmals durch eine Sprachbarriere, die ganz im Gegensatz zu Christoph Waltz’ wortgewandter Darbietung in „Django Unchained“ steht (wo ein deutscher Zahnarzt genau in entgegengesetzter Reiserichtung den Streit sucht). Neben Tobias Moretti, der als Bauernsohn einen rauen Ton angibt, brillieren vor allem der aus Karl Markovics’ „Atmen“ bekannte Thomas Schubert in der Rolle eines Bräutigams mit gefährlichen Sehnsüchten (deren Verbot, wie so vieles andere, erst zuletzt seine volle Bedeutung erlangt) und Paula Beer, die mit oft vereistem Gesicht alle Nuancen patriarchaler Unterdrückung zum Ausdruck bringt.

Fazit: Mit der Verfilmung von Thomas Willmanns Roman ist ein großer Wurf gelungen, der mit Nachdruck ans Herz gelegt sei – nicht nur den Liebhabern des Heimatfilms.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Benotung des Films :

Lukas Schmutzer
Das finstere Tal
Deutschland / Österreich 2014 - 115 min.
Regie: Andreas Prochaska - Drehbuch: Martin Ambrosch, Andreas Prochaska - Produktion: Stefan Arndt, Helmut Grasser - Kamera: Thomas Kienast - Schnitt: Daniel Prochaska - Musik: Matthias Weber - Verleih: X-Verleih - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, Hans-Michael Rehberg, Florian Brückner, Franz Xaver Brückner, Clemens Schick, Helmuth Häusler
Kinostart (D): 13.02.2014

DVD-Starttermin (D): 04.09.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2650978/

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