Crystal Fairy

(CL 2013; Regie: Sebastián Silva)

Selbstverlust auf Meskalin

Es gibt Filme, denen nähert man sich am besten, indem man anfängt zu beschreiben, was sie nicht sind. „Crystal Fairy and the Magical Cactus and 2012“ ist solch ein Film.
Erzählt wird von dem jungen Amerikaner Jamie (Michael Cera), der von Santiago aus mit seinem chilenischen Kumpel Champa und dessen beiden Brüdern („The Silva Brothers“, die drei Brüder des Regisseurs) an den Strand fährt, um sich am halluzinogenen Saft des San Pedro-Kaktus zu berauschen. Mit von der Partie ist die exzentrische Mega-Esoterikerin Crystal Fairy (Gaby Hofman), die Jamie auf einer Party kennen lernte und die er – nur aufgrund übermäßigen Kokain-Konsums und zu seinem großen späteren Bedauern – einlud, mitzukommen. Damit ist die Handlung einigermaßen erschöpfend wiedergegeben.

Der junge chilenische Regisseur Sebastián Silva macht aus dieser Geschichte weder ein didaktisches Drogen-Drama noch einen neo-hippie’esken psychedelischen Trip. Weder wird vor der Drogenfalle gewarnt, noch die Bewusstseinserweiterung zelebriert. Sicherlich ist „Crystal Fairy“ auch nicht das, was der deutsche Untertitel verspricht: „Hangover in Chile“. Zwar behauptet Silva nicht, dass ans Meer zu fahren, um sich mit Meskalin vollzudröhnen – das dazugehörende Gerede über Huxleys „The Doors of Perception“ hin oder her – irgendwie „spiritueller“ wäre, als zum Zocken, Saufen und Ficken nach Vegas zu fahren, noch sind seine spät-adoleszenten Protagonisten irgendwie „reifer“ als die ewig pubertierenden Männer des „Hangover“-Franchise. Auch gibt es Fäkal- und Körperbehaarungs-Humor („Crystal Hairy“) durchaus, aber keineswegs genug, um einen Film zu tragen, der eh viel zu gechillt ist, um etwa mit echten Ex-Profi-Box-Weltmeistern oder ihren Tigern ins Bett zu gehen (davon, dass sein Budget solche Mätzchen schwerlich zulassen würde, einmal ganz abgesehen.) Am ehesten noch erinnerte mich „Crystal Fairy“ – vor allem stilistisch – an eine radikal reduzierte Version von „Y tu mamá también“. Nur hat er auch mit dessen düster-pessimistischem Coming-of-Age oder seinen kritischen soziopolitischen Untertönen nichts am Hut.
Bleibt also die Frage, wie er diese Geschichte erzählt. Und warum.

Es geht in „Crystal Fairy“ zunächst einmal einfach um zwei Realitätsflüchtlinge. Die Realität, vor der sie fliehen, spielt dabei keine Rolle, dass es sie nach Chile verschlagen hat, nur bedingt. Jamie ist der egozentrische Gringo, der sich durch Chile kifft und kokst. Sein Talent, kein Fettnäpfchen auszulassen, ist erstaunlich. Eine Lehrstunde in kulturellem Unverständnis. Der San Pedro wird für ihn zu einer regelrechten Obsession; er jagt den magischen Kaktus, wie die Konquistadoren von einst Eldorado.

Crystal Fairys esoterisches Weltbild ist, nicht erst vom Ende des Films her betrachtet, eine Strategie, niemanden an sich heran zu lassen, nichts von sich preiszugeben. Auf ihre Idee hin teilen die Fünf am Abend vor dem Kaktus-Konsum ihre tiefsten Ängste miteinander. Von ihr kommt ein bizarrer Redeschwall über Reinkarnationen, das Gefängnis des Ego und das Ende der Welt laut dem Maya-Kalender. In ihrer Welt, in der „alles mit allem eins“ ist, ist sie offenbar so uneins mit sich selbst, dass sie keinerlei Möglichkeit hat, wirklich von sich und ihren Gefühlen zu sprechen.

Daran, dass diese beiden Charaktere ziemlich nervig sind, dass man als Zuschauer – zumindest ging es mir so – wohl kaum Lust bekommt, mit ihnen zu verreisen, hängt sich der Film zum Glück nicht auf. Er nimmt sich viel Zeit, sie uns trotzdem näher zu bringen. Ohne eine ausführliche Lebensgeschichte oder ausufernde Psychologisierungen legt er doch Wert darauf, dass es – wie bei allen Menschen – Gründe gibt, warum sie sind, wie sie sind. Die drei Brüder sind wesentlich sympathischer, spielen aber letztlich keine große Rolle.

Gefilmt ist das mit der Handkamera in oft recht langen, halbnahen Einstellungen. Hektische Schwenks und Jump-Cuts zeigen die Anspannung in und zwischen den Figuren. Indie-Film-business as usual gewiss, aber gerade, dass er seine kleine Geschichte etwas anders erzählt als man es kennt, ohne den Anspruch zu haben, das Rad neu zu erfinden, macht den Reiz von „Crystal Fairy“ aus. Außerdem passt das Mäandern der Kamera gut zu diesem an Zielstrebigkeit relativ desinteressierten Road-Movie.

Dabei gibt es auch immer wieder den einen oder anderen inszenatorischen Höhepunkt. Toll ist die Szene an einer Raststätte an der Landstraße, die Michael Cera vor der kargen Weite der nordchilenischen Wüste zeigt. Meist so kadriert, dass kein Himmel zu sehen ist, nur Sand und Felsen, sind die Einstellungen von einer wunderbar spröden Schönheit und sie sagen mehr über die Verlorenheit der Figur – nicht so sehr in einem fremden Land als in der eigenen Biographie –, als es tausend Worte könnten.

Noch toller ist der San Pedro-Trip am Strand. Die Handkamera schweift, gleitet, tastet, streichelt über Körper und Gesichter, über Sand und Wellen, über Felsen und Muscheln. Um die subjektive Visualisierung eines halluzinogenen Drogen-Rausches, wie man sie im Kino seit den Sechzigern – seit „Easy Rider“ oder Roger Cormans „The Trip“ etwa – immer wieder gesehen hat, geht es aber gerade nicht. Zu sehen sind letztlich einfach ein paar junge Leute, die arg verpeilt am Strand rumliegen, sich in die Wellen stürzen oder durch die Felsen straucheln. Die Form aber gewinnt diesen Bildern eine schier unbändige Zärtlichkeit ab.

Am Ende am Lagerfeuer bricht etwas auf. Crystal Fairy lässt für einige Augenblicke die Performance fallen, die als Schutzwall zwischen ihr, der eigenen Geschichte und den Menschen, die sie umgeben, steht. Zur großen Katharsis, zum handelsüblichen Happy End führt das nicht. Danach muss sie weiter fliehen und Michael Cera bleibt alleine im Bild zurück.
Ein schöner kleiner Film, der in Abgrenzung zu all dem, was er nicht macht, schon aus einer Art Verweigerungshaltung heraus also, auf sehr entspannte Weise zu sich findet.

Der auf dem Sundance Film Festival im vergangenen Jahr ausgezeichnete Film liegt nun bei Label Bubble Gum auf DVD und Blu-ray vor. Es gibt DTS HD-5.1-Ton auf Deutsch und im englischen Original. Die deutschen Untertitel sind leider nur für die Passagen, in denen Spanisch gesprochen wird. Das Bonusmaterial ist mit einem ziemlich kurzen und ziemlich nichts sagenden Behind-the-scenes und einem Trailer mal wieder kaum der Rede wert.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Crystal Fairy
Chile 2013 - 98 min.
Regie: Sebastián Silva - Drehbuch: Sebastián Silva - Produktion: Juan de Dios Larraín, Pablo Larraín - Kamera: Cristián Petit-Laurent - Schnitt: Diego Macho, Sebastián Silva, Sofía Subercaseaux - Musik: Pedro Subercaseaux - Verleih: Bubble Gum - Besetzung: Michael Cera, Gaby Hoffmann, Juan Andrés Silva, Agustín Silva, José Miguel Silva, Sebastián Silva, Manuela Baldovino
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 14.03.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2332579/

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