Contagion

(USA 2011; Regie: Steven Soderbergh)

Händewaschen nicht vergessen!

Es ist schon eine schwer desolate Welt, die Regisseur Steven Soderbergh (in diesem Fall eigenhändig) mit der Kamera zeichnet: Bricht in Hongkong ein Mensch in der Straßenbahn zusammen, zücken die Beifahrer ihr Handy für Fotoaufnahmen; erfährt ein Ehemann (Matt Damon) im Krankenhaus von Minneapolis vom unerklärlichen Tod seiner Frau (Gwyneth Paltrow), mit der er kurz zuvor noch sprechen konnte, legt ihm der Arzt die Seelsorge nahe und ist nach einer Minute bereits wieder verschwunden. Die Laborforscher plappern ohne Anteilnahme über Thanksgiving, derweil sie die Untersuchung der Gewebeproben der Frau vor ein Rätsel stellt. Und das ist nur der Zustand leidlicher Sozietät, bevor eine Pandemie die Kontinente heimsucht – 26 Millionen Tote, und einen nach über 130 Tagen entwickelten Impfstoff später hat Soderberghs Krisenexperiment bewiesen, dass zusammen mit dem Abwehrsystem der Menschen auch jede soziale Ordnung erodiert.

Einerseits geht das sehr sachlich vonstatten. Texteinblendungen kumulieren in Tagesschritten den Verlauf der Ausbreitung. Die große Starriege verteilt sich, wie man es von Soderbergh kennt, länderübergreifend, von der Angestellten der WHO, die bei der ungerechten globalen Distribution des rettenden Serums in Gewissenskonflikte gerät, über den Vorsitzenden des amerikanischen Seuchenzentrums, der für die Öffentlichkeit den sündigen Boten spielt, bis zum krankheitsimmunen Vater, der seine Tochter vor Plünderern beschützen muss – aber ihre Popularität feit doch vorm Virus nicht. Der Film spannt, und dies ernüchternd realistisch, ein Netz aus globalen Bekämpfungsstrategien und lokalen Schicksalen. Überhaupt ist es schaurig anzusehen, wie jede Türklinke, jede Busfahrt und Umarmung schlagartig über Leben und Tod entscheidet. Intimität ist ein Seuchenherd und die sichere Kommunikation via SMS gerät – Kulturpessimisten werden es nicht gerne hören – da schon mal zum letztmöglichen Seelentröster.

Weitaus schauriger andererseits jedoch ist, mit welcher Verve der Film ein Plädoyer für die Vernunft der Institutionen im Krisenzustand entwirft. Gewöhnlich wartet die Genretradition jener Provenienz ja mit sehr pessimistischen Lesarten auf: Wenn die Politik in George A. Romeros „The Crazies“, in Juan Carlos Fresnadillos „28 Weeks Later“, ja selbst in Wolfgang Petersens „Outbreak“ eine Evakuierung beschließt und ans Militär delegiert, sollte man sich als Überlebender jedenfalls besser nicht in den betroffenen Gebieten aufhalten.

In „Contagion“ bemühen sich die Amtsträger nach Leibeskräften und sind dabei natürlich auch zu unpopulären Entscheidungen gezwungen, die sich ohne viel Aufhebens durchsetzen ließen, grassierte in der Bevölkerung nicht diese unkontrollierbare Angst vor Infektion und Unterversorgung. Exemplifiziert wird dies an der Figur Alan Krumwiede, einem von den Printmedien natürlich verschmähten Blogger (Jude Law, an dem wirklich alles schief ist: Gang, Zähne, Funktion …), dessen regierungsfeindliche Verschwörungstheorien unter seinen 12 Millionen täglichen Lesern ein riskantes Echo erzeugen. Tatsächlich besitzt er keinerlei Informationen von über geheime Massenpanikprophylaxe hinausreichender Relevanz, aber er weiß seine Aufmerksamkeitssucht publikumswirksam am Lebensabend der Menschheit zu verkaufen. Panikmacher wie er sind es, die den aufopferungsvollen Wissenschaftlern, die gar im letztlich erfolgreichen Selbstversuch ihr Leben aufs Spiel setzen, vor die Füße spucken und mit ihrer öffentlichen Skepsis gegen eine Politik taktieren, die doch keinen Anlass zum Verdruss bietet. Wenn sich dieser konservative Durchhaltewille schließlich mit einem buchstäblich weltenrettenden Puritanismus verbindet – denn womöglich wäre die ganze Virenmisere anders verlaufen, wenn Ehefrau Gwyneth Paltrow brav das Gebot der außerehelichen Enthaltsamkeit geachtet hätte -, mag man sich schon fragen, gegen welches Katastrophenszenario Soderbergh eigentlich opponieren möchte.

Benotung des Films :

Sven Jachmann
Contagion
(Contagion)
USA 2011 - 107 min.
Regie: Steven Soderbergh - Drehbuch: Scott Z. Burns - Produktion: Steven Soderbergh - Kamera: Steven Soderbergh - Schnitt: Stephen Mirrione - Musik: Cliff Martinez - Verleih: Warner Bros. - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Marion Cotillard, Matt Damon, Laurence Fishburne, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Kate Winslet, Bryan Cranston, Jennifer Ehle, Saana Lathan
Kinostart (D): 20.10.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1598778/

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