Colonia Dignidad

(D / USA 2016; Regie: Florian Gallenberger)

Ein deutsches Folterzentrum

Ein ernsthaftes Anliegen im Thrillerformat: Mit seinem Film „Colonia Dignidad“ setzt Regisseur Florian Gallenberger einen durchaus erstaunlichen Schwerpunkt im Kino. Die 1961 von deutschen Protestanten in Südchile gegründete Kolonie war während der Diktatur von Augusto Pinochet Haft- und Folterzentrum der chilenischen Geheimpolizei. Mitglieder dieses faschistischen Modellstaates bekannten, nach dem Putsch Pinochets gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 linke Aktivisten ermordet zu haben.

Die Ereignisse rund um diesen Tag bilden auch den Einstieg für die fiktive Handlung des Films: Fotograf Daniel (Daniel Brühl) und Stewardess Lena (Emma Watson) stehen im Zentrum des revolutionären Geschehens, als die Truppen losschlagen und die Oppositionellen ins Fußballstadion von Santiago de Chile verfrachten.

Gallenbergers darstellerische Mitarbeiter arbeiten recht konzentriert daran, das Siebziger-Jahre-Flair auferstehen zu lassen. Und sind dabei recht überzeugend: Auf der einen Seite spielen sie das flippige Siebziger-Jahre-Pärchen voller Jugend und revolutionärer Ideen. Andererseits werden an ihrem Beispiel die Methoden eines Regimes durchexerziert, das als Vorbote der neuen Weltordnung fungierte. Im Chile Augusto Pinochets gingen autoritäre Brutalität und wirtschaftliche Deregulierung gemeinsame Wege – die Blaupause für spätere Privatisierungen öffentlicher Daseinsvorsorge.

Für diese Politik steht auch die Colonia Dignidad, die Kolonie der Würde, wie sie zynisch heißt, die als Scharnier für den Rohstoff- und Waffenhandel einerseits fungierte, sich andererseits innenpolitisch als Folterzentrum etablierte. Ex-Kinderstar Emma Watson („Harry Potter“) scheint ihre Filmarbeit mit ihrem Auftrag als UN-Sonderbotschafterin auf Linie zu bringen.

Chilenische Militärs und deutsche Folterer sind nun das Personal, auf die das junge Liebespaar trifft. Während Daniel ins Folterzentrum einfährt, versucht Lena alles Erdenkliche, ihn aus den Händen der Sekte zu befreien. Die einzige echte Option: sich selbst als Glaubensschwester dort einliefern. Und so erleben die Zuschauer Gewaltakte und pharmakologische Experimente mit den Augen Lenas, während Daniel infolge von Elektroschocks scheinbar dahinvegetiert, aber doch bei klarem Bewusstsein ist. Gemeinsam sammeln sie Beweise für die Gesetzlosigkeiten in der Kolonie und bereiten ihre Flucht vor.

Tiefe Brunnen, verschlossene Tunnel, dunkle Löcher – bald wird es etwas zu viel genretypische Verfolgungsjagd, die so nie hätte stattfinden können: Politische Gefangene aus Deutschland hat’s in der Kolonie nach Angaben von Amnesty International gegeben. Das Gezeigte wirkt aber etwas überstrapaziert – wird doch das historische Geschehen verknappt auf den Kampf zwischen Lena und Paul Schäfer, dem diabolischen Oberhaupt der Kolonie (Michael Nykvist).

Bei der Premiere auf dem Filmfestival in Toronto gab es recht heftig was auf die Nuss von der Kritik: Unentschlossen sei der Film zwischen Abenteuer und Action-Romanze; dabei reiche es fürs Popcorn-Kino ebenso wenig wie zum Liebesepos. Einwenden könnte man: Dieser Film richtet sich mit seiner Hauptdarstellerin an ein junges Publikum, das von der Colonia Dignidad noch nie was gehört hat. Über die prominente Besetzung könnte es durchaus funktionieren, dass sich die Zuschauer stärker mit dem sehr speziellen Stoff und der Geschichte auseinandersetzen. Und ganz nebenbei wird die zwielichtige Rolle des deutschen Botschafters in Chile zerpflückt, der wie viele deutsche Politfunktionäre die Hand schützend über die Kolonie gehalten hat.

Womöglich hat der Film aber auch einen ganz konkreten Effekt auf die deutsche Wirklichkeit: Der ehemalige Lagerarzt Hartmut Hopp lebt nach wie vor unbehelligt in Krefeld, obwohl ein rechtsgültiger chilenisches Hafturteil vorliegt und er von Interpol gesucht wird. Auch die deutschen Behörden ermitteln, bis dato aber ohne Ergebnis: Die Ermittler sprächen kein Spanisch, heißt es, und das seit Jahren. So dauere es noch etwas, bis Dokumente und Zeugenaussagen übersetzt seien. Vielleicht bekommt der Fall mit der medialen Aufmerksamkeit eine andere Dynamik.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Amnesty Journal

Benotung des Films :

Jürgen Kiontke
Colonia Dignidad
(Colonia Dignidad)
Deutschland / USA 2016 - 110 min.
Regie: Florian Gallenberger - Drehbuch: Florian Gallenberger, Torsten Wenzel - Produktion: Benjamin Herrmann - Kamera: Kolja Brandt - Schnitt: Hansjörg Weißbrich - Musik: André Dziezuk - Verleih: Majestic/20th Century Fox - Besetzung: Emma Watson, Daniel Brühl, Michael Nyqvist, Richenda Carey, Vicky Krieps, Jeanne Werner, Julian Ovenden, Martin Wuttke, August Zirner, Nicolás Barsoff, César Bordón, Stefan Merki, Steve Karier, Lucila Gandolfo, Katharina Müller-Elmau
Kinostart (D): 18.02.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4005402/
Foto: © Majestic/20th Century Fox

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