Chronicle – Wozu bist Du fähig?

(GB / USA 2012; Regie: Josh Trank)

Ist es ein Vogel? Ein Flugzeug? Ein psychopathischer Heranwachsender?

Teenager mit Superkräften im Found-Footage-Stil – da darf man als Feind metaphysisch aufgeblasener Seifenopern und unmotivierter Wackelkameras das Interesse völlig zu Recht hart auf Null schrauben und einfach gar nicht mehr zuhören. Wenn man dann aber doch, quasi aus Versehen, völlig ungespoilert im Kino landet und sich auch nur einen Hauch für phantastische Filme interessiert, könnte das Erstaunen nicht größer sein. Was Josh Trank da in seinem Spielfilmdebüt auf die Leinwand bringt, ist nämlich tatsächlich so gut, wie der Hype inzwischen lautstark behauptet.

Drei Jugendliche gelangen unverhofft an telekinetische Kräfte, die ihnen sogar das Fliegen ermöglichen, und schnell ist da die pubertäre Lust, die neuen Fähigkeiten an arglosen Mitmenschen auszuprobieren. Man ahnt bald, wie der Hase rennt. Stichworte: Übermensch, Machtrausch, Korruption. Aber das ist ja schon mal interessanter als die zu befürchtende Seifenoper.

Zudem sind die drei Helden nicht unbedingt beste Freunde, sondern die zwei ungleichen Cousins Andrew (Dane DeHaan) und Matt (Alex Russel) sowie der in der Schule ziemlich populäre Steve (Michael B. Jordan, der in der ersten Staffel von „The Wire“ mal eine Sterbeszene hatte, die vieler Leute Auffassung von Fernsehserien für immer verändert hat). Diese vom Zufall zusammengewürfelten Figuren entwickeln sich viel interessanter als die austauschbaren Gesichter, die man sonst in Found-Footage-Filmen vorgesetzt bekommt.

Während die Person hinter der Kamera üblicherweise am unwichtigsten ist, handelt es sich bei Andrew um die Hauptfigur. Seine Mutter ist todkrank, sein Vater ein gewalttätiger Säufer – als geplagter Außenseiter und Sonderling wäre Andrew eigentlich ein wandelndes Teenagerfilmklischee. Als Kameramann einer Pseudo-Doku aber begeistert er schlichtweg, weil er mal keiner von den unrealistischen Wackelbild-Amateuren ist, die nicht im Stande sind, auch mal ohne Zoom zu arbeiten und ein totales Bild zu liefern. Andrew stellt die Kamera auch mal hin. Er will nicht nur draufhalten, sondern wirklich dokumentieren und aus seinem Leben erzählen. Was er zeigt, erzählt ziemlich viel über ihn selbst. Selten gewann der Kameramann so viel Profil.

Und dann gelingt es dem Film sogar noch, mit der Entdeckung der telekinetischen Fähigkeiten ganz unaufdringlich eine freiere Kameraführung zu motivieren. Erst viel später bemerken die Freunde, was Andrew inzwischen per Gedankenkraft macht, und sprechen ihn darauf an. Mit welchem Aberwitz der Film im letzten Akt sein Found-Footage-Konzept schließlich auf die Spitze treibt, wie er mit den typischen Auslassungen arbeitet und welchen Sinn für Timing er dabei an den Tag legt, das alles ist schon ziemlich erstaunlich und hebt „Chronicle“ weit über vergleichbare Genrestücke hinaus. Die Entwicklung des Antagonisten kann einem durchaus den Boden unter den Füßen weg ziehen, falls man sich nicht längst durch Trailer oder geschwätzige Filmkritiker alle Überraschungen hat verderben lassen.

Ein bisschen was zur Struktur wird jetzt aber auch hier verraten, vor lauter Begeisterung natürlich: Dass das Charakterdrama mit seinen dezent eingesetzten Spezialeffekten gerade dann, wenn man so gar nicht mehr damit rechnet, aus seinem Mikrokosmos ausbricht und zum sehr lauten Kracher wird, ist schon wieder brillant und dürfte wie im letzten Jahr das Zugunglück in J.J. Abrams’ „Super 8“ für sperrangelweit geöffnete Münder bei jenen sorgen, die den Trailer noch nicht auswendig kennen.

Ein nicht geringer Anteil am fälligen Lob gebührt Drehbuchautor Max Landis, dessen schon berühmter Vater John („An American Werewolf in London“, „Blues Brothers“) inzwischen augenzwinkernd und stolz lamentiert, sich seinen Sohn nun leider nicht mehr für die eigenen Filme leisten zu können. Vielleicht brauchte es zwei Nerds wie Trank und Landis, um dem Superheldenfilm eine so erfrischende Perspektive abzuringen. Wenn man sich auf Youtube Tranks Kurzfilm „Stabbing at Leia’s 22nd Birthday” oder die wunderbaren Reenactments von Landis’, hm, Kurzdokumentarfilm „The Life and Death of Superman” ansieht, erkennt man schnell eine gewisse Leidenschaft fürs Fach. Und das ist noch immer mehr als man von so manch anderem kalkulierten Blockbuster sagen kann.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Benotung des Films :

Louis Vazquez
Chronicle - Wozu bist Du fähig?
(Chronicle)
Großbritannien / USA 2012 - 84 min.
Regie: Josh Trank - Drehbuch: Max Landis, Josh Trank (Story) - Produktion: John Davis, Adam Schroeder - Kamera: Matthew Jensen - Schnitt: Elliot Greenberg - Musik: Lior Ron, Andrea von Foerster - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Michael B. Jordan, Alex Russell, Dane DeHaan, Michael Kelly, Ashley Hinshaw, Anna Wood, Joe Vaz, Luke Tyler, Matthew Dylan Roberts
Kinostart (D): 19.04.2012

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1706593

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.