Chained

(USA 2012; Regie: Jennifer Lynch)

Kaninchen im Bau

Alles beginnt mit einem Kinobesuch, den eine Mutter (Julia Ormond) mit ihrem 9-jährigen Sohn unternimmt. Auf dem Programm steht ein Horrorfilm – „Shifter“, in dem, so legt es der Dialog nahe, Menschen die Gesichter abgezogen werden. Die anschließende Taxifahrt zeigt bald, dass die Welt außerhalb des Multiplexkinos eine weitaus schlimmere und obendrein ganz reale Gewalt bereithält. Denn der schweigsame Fahrer (Vincent D’Onofrio), der Tim (Evan Bird) und seine Mutter nach Hause bringen soll, erweist sich als Serienmörder, der mit seinem Taxi auf Frauenjagd ist und seine beiden Opfer in ein abgelegenes Haus inmitten der US-amerikanischen Einöde verschleppt, wo er die Mutter vergewaltigt, umbringt und anschließend im Keller verscharrt – sein offenbar seit Jahren praktizierter Modus Operandi. Nur hat er es diesmal nach der blutigen Routine mit einem kleinen Jungen zu tun, den er nicht töten mag, aber auch nicht freilassen kann. Er entscheidet sich, Tim bei sich aufzunehmen, zunächst als eine Art Haussklaven, später als Ersatzsohn und Nachfolger in spe.

Der zu einer Zeit und Raum überbrückenden Montagesequenz vorgetragene Begrüßungsmonolog, in dem der Menschenschinder sich zum gottgleichen Herrscher erhebt und dem Neuankömmling seine Regeln diktiert, die Aufgaben und den Arbeitsbereich des Jungen absteckt und die Hierarchie unmissverständlich vorgibt, etabliert das Thema und eine düstere Welt, aus der es kein Entkommen gibt: „I didn’t ask for you. But since you’re here, I’m going to make the most of it. You will have one job: You do what I say. You clean up my house. Garbage bags, mops, bucket, broom – they are your tools. Breakfast! You will serve me breakfast every morning for the rest of your life. You will not eat or drink anything without my permission. You only eat after I have eaten, and only what I have left on my plate. (…) There is no phone in this house. The TV is off limits unless I offer it. If someone knocks at the – well, no one’s gonna knock. If you steal from me, you get a beating. If you try and escape or you don’t keep the house clean, you get a beating. If you make me nervous or get in my way at all, a beating. From now on, this is your world. It is only you, me, and them. I will call you Rabbit.“ So verliert der nach einem Fluchtversuch an eine Eisenkette gelegte Junge nicht nur seine Freiheit, sondern auch seine Identität. Von nun an lebt er als Kaninchen im Bau des Serienmörders, bis er seine Ketten verinnerlicht hat, und es ihm selbst als jungem Mann (Eamon Farren) nicht mehr möglich ist, zu fliehen, auch wenn sich eine Möglichkeit bietet. Die Frage bleibt nur, ob auch Rabbit / Tim in die Fußstapfen seines aufgezwungenen Ersatzvaters treten wird.

Jennifer Lynchs „Chained“ ist ein düsteres, mitunter an ein Theaterstück erinnerndes Terrorkammerspiel, das nicht zuletzt durch reale Fälle wie die kürzlich bekanntgewordene Entführung dreier Frauen, die ein Mann in Cleveland zehn Jahre lang in seinem Haus gefangen gehalten hatte, eine unangenehme Nähe zur Realität aufweist. Ein Genrefilm kann ein solches Martyrium kaum realistisch wiedergeben – wer sollte so etwas ernstlich in aller Drastik im Kino sehen wollen? Aber in dem gegebenen Rahmen gelingt es der Regisseurin durchaus, zu einer dem Sujet angemessenen und zermürbenden Darstellungsweise zu finden. Getragen wird „Chained“ dabei vor allem von der brillanten Leistung Vincent D’Onofrios, der seinen Serienmörder als dumpf-brutalen, zugleich aber auch tapsig-unsicheren Kind-Mann gibt, der in einem klobigen Körper gefangen ist und dessen ungelenke, stockende Aussprache einen Mann verrät, der es nicht gewohnt ist, mit anderen Menschen außer durch Gewalt zu kommunizieren. Das expressive Sounddesign erinnert wie schon in „Surveillance“ („Unter Kontrolle“; 2008), dem Vorgängerfilm der Regisseurin, bisweilen an die Filme ihres Vaters David Lynch und das „kosmische Rauschen“, das in dessen Filmen immer wieder erklingt. Nach einem Fausthieb dröhnt dann schon einmal ein Tinnitus-Störgeräusch auf der Tonspur, und in einzelnen Szenen wird ähnlich wie in „Lost Highway“ (1997) ein unnatürlicher Klangraum geschaffen, indem auf herkömmliche Atmo verzichtet wird. Lange gehaltene statische Einstellungen – zu Beginn insbesondere in den Gewaltszenen – betonen die Ausweglosigkeit der Situation und das Ausgeliefertsein des jungen Protagonisten. Die gut kadrierten Breitwandbilder setzen immer wieder auf leere Flächen am Bildrand als Gestaltungsmittel; Weitwinkel und Filter deformieren Perspektive und Farbspektrum.

Auch wenn „Chained“ im letzten Akt einen ungewöhnlichen und dezidiert unrealistischen Plot-Twist vollzieht, so variiert dies konsequent und ins Irreale gewendet das Thema des Films. Denn die unsichtbaren Ketten, die jeder der Protagonisten mit sich trägt, sind hier fraglos eine Folge dysfunktionaler familiärer Strukturen und der schrecklichen patriarchalischen Gewalt, die in deren Zentrum wütet. Weitergegeben wird die Gewalt von Generation zu Generation, von Vater zu Sohn zu Ersatzsohn. So erweist sich „Chained“ letztlich als allegorisch aufgeladene und durchaus feministisch angehauchte Variante des Serienmörderfilms.

Die von Capelight in Deutschland veröffentlichte Blu-ray überzeugt bild- und tontechnisch gleichermaßen und gibt den Film, der in Deutschland nur im Rahmen des Fantasy Filmfests 2012 im Kino zu sehen war, adäquat wieder. Die englische Tonspur ist – nicht zuletzt wegen D’Onofrios unnachahmlicher Stimme und seiner eindrucksvollen Performance – der deutschen Synchronfassung vorzuziehen. Als Bonusmaterial findet sich ein deutscher Trailer und ein (optional deutsch untertitelter) Audiokommentar, den Lynch zusammen mit ihrem Hauptdarsteller bestreitet. Der Kommentar ist weniger analytisch, sondern überwiegend an den konkreten Dreharbeiten orientiert, aber durchaus hörenswert. Zur Sprache kommt auch ein möglicher „Director’s Cut“, da laut Regisseurin die vorliegende Fassung unter Zeitdruck entstand und nicht gänzlich ihren Intentionen entspricht. Die auf der deutschen Blu-ray enthaltene und mit einer FSK 18 freigegebene Fassung ist mit der in den USA veröffentlichten ungekürzten NC-17-Fassung identisch, die gegenüber der R-Rated-Fassung in einer Gewaltszene verlängert ist. Wer den Film noch nicht gesehen hat und nicht auf einen möglichen „Director’s Cut“ warten möchte, kann also bedenkenlos zugreifen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in „Splatting Image“, Heft 94 (Juni 2013)

Benotung des Films :

Harald Steinwender
Chained
USA 2012 - 94 min.
Regie: Jennifer Lynch - Drehbuch: Jennifer Lynch, Damian O'Donnell - Produktion: Rhonda Baker, David Buelow, Lee Nelson - Kamera: Shane Daly - Schnitt: Daryl K. Davis, Chris A. Peterson - Musik: Climax Golden Twins - Verleih: Capelight Pictures - Besetzung: Vincent D'Onofrio, Eamon Farren, Julia Ormond, Evan Bird, Gina Philips, Jake Weber, Conor Leslie u.a.
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1989475/

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