Carne De Perro

(CL / F / D 2012; Regie: Fernando Guzzoni)

Atemnot und Herzrasen

Zwischen Angst und Wut, Schuld und Vergessen bewegt sich die Hauptfigur in Fernando Guzzonis beeindruckendem Film „Carne de perro“ ('Dog Flesh'). Alejandro (Alejandro Goic), ein ehemaliger Soldat in Diensten des Diktators Pinochet, leidet unter einer posttraumatischen Störung. Immer wieder wird er überfallen von Atemnot und Herzrasen. Sozial weitgehend isoliert und ohne Aufgabe, lebt er wie in einem Gefängnis einen trostlosen, eintönigen Alltag. Dabei verzehrt er sich nach Frau und Kind, die sich von ihm getrennt haben. Alejandro sucht Normalität und Schutz, doch seine schwerwiegende Vergangenheit hat ihn zu einem Ausgestoßenen gemacht.

Das alles erfährt man im fast beiläufigen, konzentriert beobachteten Nacheinander einer weitgehend undramatischen, offenen Erzählung. Guzzonis ebenso intimes wie intensives Portrait eines Täters, der zum Opfer wird und sich nach Erlösung und Vergebung sehnt, ist vor allem physisch konkretes Kino. Genau, fast minutiös beobachtet der chilenische Regisseur die alltäglichen Handlungen seines Protagonisten. Als wiederkehrende Rituale verdichten sich diese zu Symbolen. Die Hyperventilation als negativer Rhythmus des Atems dominiert neben dem Lärm der Stadt die Tonspur; und das kühlende, reinigende Wasser, in das Alejandro wiederholt eintaucht, ist zugleich das sinnbildliche Element einer möglichen Neugeburt.

Diese erfährt Alejandro schließlich als Kirchendiener einer evangelikalen Sekte, die Sündenvergebung verspricht und das Vergessen des alten für ein neues Leben predigt. Geradezu ekstatisch vollzieht sich diese Austreibung der Vergangenheit, in der auch die diffuse Vision eines „neuen Chile“ mitschwingt. Doch wird diese dominiert vom Furor der Verdrängung, die sich einer ehrlichen Aufarbeitung der Geschichte vehement widersetzt. Die hermetischen Orte, Alejandros vergebliche Versuche der Kontaktaufnahme sowie seine zirkulären Bewegungen durch eine unwirtliche Stadtlandschaft vermitteln diesbezüglich Stillstand und Isolation.

Zwar unternimmt der impulsive Protagonist, den die Kamera in keiner Einstellung aus der Haft entlässt, diverse Anstrengungen, seine Leiden und Sorgen zu kommunizieren, doch scheint ihm auf tragische Weise ein Verständnis für seine Schuld zu fehlen. Alejandro hat eskapistische Phantasien, er will sich ändern und sehnt sich nach „friedlichen Beziehungen“, aber der psychotherapeutischen Beratung weicht er aus. Als ehemaliger Befehlsempfänger hat er nicht gelernt, sich selbst, sein Handeln und seine Gefühle zu befragen. Einmal sieht er im Fernsehen einen Film, in dem sich chilenische Alt-Nazis als Märtyrer stilisieren. In einer anderen Szene duckt er sich auf der Straße vor einer Gruppe von Frauen weg, möglicherweise Angehörige von Opfern des Regimes. Die Vergangenheit ist also längst nicht bewältigt. Wie zuletzt sein Landsmann Patricio Guzmán in „Nostalgia de la luz“, so legt auch Fernando Guzzoni mit seinem starken, präzise inszenierten Spielfilmdebüt den Finger in eine offene Wunde.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Carne De Perro
(Carne de perro)
Chile / Frankreich / Deutschland 2012 - 81 min.
Regie: Fernando Guzzoni - Drehbuch: Fernando Guzzoni - Produktion: Jacques Bidou, Gunter Hanfgarn, Adrián Solar - Bildgestaltung: Bárbara Álvarez - Montage: Javier Estévez - Verleih: déjà vu Filmverleih - Besetzung: Alejandro Goic, María Gracia Omegna, Alfredo Castro, Daniel Alcaíno, Amparo Noguera, Sergio Hernández
Kinostart (D): 03.04.2014

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2424906/