Carlos – Der Schakal

(F / D 2010; Regie: Olivier Assayas)

Terror ist Pop

„Terrorismus ist ein Faktum der modernen Weltpolitik, schon lange – aber Carlos ist ein Mythos. In dem Sinne, dass das Individuum Ilich Ramírez Sánchez eine Art Monster erschaffen hat, aus dem mit Hilfe der Medien Carlos wurde. Carlos ist ein Archetyp, ein Phantom, das Superhirn des Bösen. Dass Ilich Ramírez nicht diese Person ist, ist doch klar. Ich wollte natürlich schon die Maske herunterreißen, etwas darüber herausfinden, wer die Person dahinter ist. Die Geschichte von Carlos ist die Geschichte, das Schicksal dieser Person.“ Olivier Assayas

Carlos, das Phantom – eine Legende der 'wilden siebziger Jahre'. Mit Barett und Bart stilisierte sich der meistgesuchte Terrorist seiner Zeit, der letztlich eine Art Söldner war, als Nachfahre von Che Guevara – um selbst durch Gewalt zum Popstar zu avancieren. 1979 hatte René Cardona jr. in Mexiko bereits eine exploitative Actionvariante des Themas gedreht: „Carlos el Terrorista“, doch dort ist noch nichts zu spüren von jenem verwegenen Popappeal, den der Terrorismus jener Jahre heute ausstrahlt. Olivier Assayas, einer der spannendsten Autoren des jüngeren französischen Films, hätte einen ähnlichen Weg gehen können, denn eigentlich war seine Fernsehproduktion „Carlos“ (2009) eher als 90-minütige Etüde geplant, die sich auf seine Festnahme im Sudan 1994 konzentrieren sollte, doch in der Recherche wurde sich Assayas des Potentials bewusst und weitete den Film zum epischen Biopic aus, das sowohl in der dreistündigen Kinoversion als auch als dreiteilige Miniserie Verbreitung fand. Der Film begleitet in chronologisch fragmentierter Narration den venezolanischen Terroristen bei mehreren Aufträgen, während seines Überfalls auf das OPEC-Hauptquartier in Wien 1975 und endet in dem Verfall von Carlos’ Wert auf dem internationalen Markt: Am Ende gilt er als lästiges Relikt des abklingenden Kalten Krieges und wird von seinen Verbündeten (u.a. der Stasi) verraten.

Édgar Ramírez spielt Carlos in unterschiedlichen Altersstufen (und physischen Konstitutionen) als charismatischen Krieger-Charakter, der sich Menschen (vor allem Frauen) hörig macht, um ein vielschichtiges Netzwerk zu etablieren, in dem er sich geschützt bewegen kann. Wie dünn diese Membran jedoch wirklich ist, zeigen zahlreiche Standardszenen des Films: die notwendigen Grenzübertritte, die immer wieder zu Risiken werden. In solchen Szenen wird deutlich: Es geht um Adrenalin, um ein unstetes Leben in Gefahr, um die Welt als ewigen Krieg. Ramírez zeigt, dass Carlos eher Abenteurer als Intellektueller war: „Ich habe alle belastbaren Quellen genommen zu Dingen, die er gesagt hat“, betont Assayas. „Die drei Szenen, in denen er richtig redet, sind vollständig belegt. Ich habe das verkürzt, aber es ist alles aus erster Hand. Die Sprache der Linken war damals so eigenartig, aber Carlos klang besonders seltsam. Was diese Szenen über ihn sagen: Er hatte Überzeugungen – aber ein Denker war er nicht gerade.“

Bemerkenswert ist die Besetzung der weiblichen Hauptrollen mit jungen deutschen Schauspielerinnen: Nora von Waldstätten als seine langjährige Geliebte und Julia Hummer als ultra-radikale Waffenschwester, die in überzeugend exzessiven Sequenzen ihrem Hass auf die Autoritäten freien Lauf lässt.

Wie in früheren Werken baut Assayas auf die Synergie von Popmusik und Film: Er nutzt Songs von Wire und New Order, um das Lebensgefühl einer Zeit zu vermitteln, die diese Bands noch nicht einmal erahnte. Solche Anachronismen sind Assayas’ Strategie, um die Kontinuität jener ideologischen Leere zu betonen, die auch heute immer wieder nach Neobesetzung zu verlangen scheint. Mehr als alle anderen zeitgenössischen Terrorismusfilme betont „Carlos“, dass es eher ein Lebensgefühl als eine politische Disposition ist, die den Terrorismus der 1970er Jahre leitete. Und ähnlich wie Andreas Baader wurde Carlos zu einer Art Popstar in seiner Zeit, der jugendlichem Aufbegehren einen aggressiven Ausdruck zu verliehen schien. Um welchen Preis das geschah – auch das zeigt Assayas.

Das deutsche Label NFP – im Vertrieb von Warner – bringt „Carlos“ in drei Versionen: Als Kinofassung (180 Min.) auf DVD, als Vierer-DVD-Set inklusive Director’s Cut (330 Min.) und Bonusmaterial (lange Interviews mit den Schauspielern und Assayas), Trailer, sowie als ultimative Blu-ray, die auf drei Scheiben das gesamte Material bietet. „Carlos“ wurde zum Teil bewusst körnig und 'flach' im Stil des Kinos der 1970er Jahre inszeniert, daher sind vor allem die Nachtszenen nicht für Blu-ray prädestiniert, doch insgesamt ist diese Version die überzeugendste. Vom Tempo her funktionieren sowohl Kino- als auch Extended-Fassung, es lohnt sich also, mit der kurzen Version zu beginnen und dann die lange als Vertiefung noch einmal zu sehen.

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Benotung des Films :

Marcus Stiglegger
Carlos - Der Schakal
(Carlos)
Frankreich / Deutschland 2010 - 330 min.
Regie: Olivier Assayas - Drehbuch: Dan Franck, Oliver Assayas - Produktion: Daniel Leconte, Jens Meurer - Kamera: Yorick Le Saux - Schnitt: Luc Barnier, Marion Monnier - Verleih: NFP / Warner - Besetzung: Édgar Ramírez, Alexander Scheer, Alejandro Arroyo, Ahmad Kaabour, Talal El-Jordi, Juana Acosta, Nora von Waldstätten, Christoph Bach, Rodney El Haddad, Julia Hummer, Antoine Balabane
Kinostart (D): 04.11.2010

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1321865/

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