Brownian Movement

(NL / D / B 2010; Regie: Nanouk Leopold)

Ein anderes Gefühl der Berührung

Wie zuletzt in Christoph Hochhäuslers sehr artifiziellem Film „Unter Dir die Stadt“, so spielt auch in Nanouk Leopolds „Brownian Movement“, betitelt nach den gleichnamigen Molekularbewegungen, die Architektur eine wesentliche Rolle. Allerdings spiegelt sich in ihr weniger die Dynamik einer finanzkapitalistischen Ordnung, sondern sie ist vielmehr individueller Ausdruck von Gefühlen. In langen, statischen, oft aus einer leichten Untersicht gedrehten Einstellungen werden Orte zu Seelenräumen. Ihre klare Struktur und funktionale Ordnung kontrastiert zugleich die scheinbar unkontrollierten, nicht näher erklärten Bewegungen der Protagonistin, die sich in Ausschnitten und Details verdichten und damit einen elliptischen Erzählfluss transportieren. In „Brownian Movement“ fällt der Blick nicht aufs Ganze, geht es weder um räumliche Geschlossenheit noch um psychologische Durchdringung, sondern um ein Sich-Öffnen gegenüber dem Unverständlichen.

„Brownian Movement“ ist in drei Teile gegliedert, die wiederum drei zentrale Handlungsorte etablieren: Zunächst einmal die Brüsseler Wohnung, in der die verheiratete Ärztin Charlotte Gudrun von Ribeck (Sandra Hüller) fremde Männer zum Sex empfängt; dann der Gesprächsraum der Psychoanalytikerin, wo Charlotte über ihr Verhalten sprechen soll; schließlich die indische Metropole Ahmedabad als Schauplatz der Architektur von Le Corbusier, die das innere Gleichgewicht der Protagonistin wieder herstellen könnte. Während in Brüssel durch Charlottes sexuelle Grenzübertritte auch Vertrauensverluste und Entfremdung gegenüber ihrem verletzten Mann Max (Dragan Bakema) wachsen, beginnt in Indien eine Zeit der vorsichtigen Wiederannäherung. Dominieren in der europäischen Stadt Räume, die der Kälte und Anonymität einer Laborsituation verwandt sind und in die fahles, kaum konturierendes Licht fällt, öffnen sich die Räume in Ahmedabad stärker dem Leben. Zwischen ihnen steht als Leitmotiv des Übergangs immer wieder das Unfertige von Baustellen, auf denen Max als Architekt arbeitet und die Charlotte ziellos durchstreift.

Obwohl Charlotte ein mehr oder weniger erfülltes Ehe- und Familienleben zu führen scheint, trifft sie sich mit wechselnden Sexpartnern. Von ihnen fühlt sie sich angezogen durch bestimmte körperliche Merkmale: eine auffallend starke Behaarung, eine pockennarbige Nase, extreme Dickleibigkeit und die welke Haut des Alters. An Gesichter wird sich die junge Ärztin später nicht erinnern können; vielmehr ist sie fixiert auf das Haptische von Körpern und Gegenständen, von Oberflächen und Details, auf „ein anderes Gefühl der Berührung“, wie sie später selbst sagt. Abgelenkt und im Bann spezifischer Reize, öffnet sie sich neuen Erfahrungen und der Spannung des Ungewissen, die andererseits in einem veränderten Kontext nur noch panische Abwehrreflexe hervorruft.

Die richterliche Sanktionierung und gesellschaftliche Ächtung folgt unmittelbar. Aber Nanouk Leopold geht es in ihrer sorgfältig komponierten, auf das Wesentliche konzentrierten Filmstudie vor allem darum, wie sich jenseits von sprachlicher Artikulation und rationalem Verstehen Vertrauen zwischen Menschen, die sich lieben, zurückgewinnen lässt. Ihr beeindruckender Film lässt das offen und führt deshalb am Schluss auch hinaus aus der Stadt in die Weite einer unberührten Wüstenlandschaft.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Brownian Movement
(Brownian Movement)
Niederlande / Deutschland / Belgien 2010 - 100 min.
Regie: Nanouk Leopold - Drehbuch: Nanouk Leopold - Produktion: Stienette Bosklopper - Kamera: Frank van den Eeden - Schnitt: Katharina Wartena - Musik: Harry de Wit - Verleih: Filmlichter - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Sandra Hüller, Dragan Bakema, Sabine Timoteo, Ryan Brodie, Frieda Pittoors, Nicole Shirer, Ergun Simsek, Kuno Bakker, Gelijn Molier, Nilofer Raza
Kinostart (D): 30.06.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1529240/

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