Bridge of Spies – Der Unterhändler

(USA 2015; Regie: Steven Spielberg)

Blicke zur Brücke

Die Glienicker Brücke: Als bisweiliger Berliner Agentenaustauschort zwischen Ost und West ist sie, so heißt es, ein Mythos des Kalten Krieges. So sagt es der lokal- und poulärhistoriografische Strang im PR-Diskurs, der zum Kinostart von Steven Spielbergs 'Bridge of Spies – Der Unterhändler' einiges an Geschichtsauratik zu versprühen trachtet. Zwar ist nach diesem mythischen Objekt keine tiefsinnige irische Rockband benannt wie nach dem US-Spionageflugzeug U2, dessen Abschuss über der Sowjetunion für die einzige Actionszene (im heute geläufigen Sinn) in 'Bridge of Spies' sorgt. Aber die Brücke ist Ort des winternächtlichen Showdowns, datiert auf Februar 1962: In Spannungschinderei zu Marschtrommel-Score münden dann knappe zwei Stunden des Tricksens, Taktierens und prekären Paktierens.

Held der faktenbasierten Story ist Tom Hanks als New Yorker Versicherungsanwalt. Die Tauschmission Sowjetspion gegen U2-Pilot fällt ihm zu; er ist zunächst wenig begeistert (wie schon bei einem im Film vorgängigen, ihm zugefallenen anwaltlichen Auftrag, dazu gleich mehr); aber er erfüllt, vielmehr übererfüllt die Mission, indem er eigenmächtig – durchaus gegen die eng definierten Befehle der CIA – einen in der DDR inhaftierten US-Studenten mit befreit. Also: This time, the mission is the bridge. Nein, … is the man. Nein, … is two men! Jedenfalls befähigte ein solches Ethos – Bereitschaft, die Aufgabe als unteilbare und im Grunde unerfüllbare auf sich zu nehmen – vor fast zwanzig Jahren einen anderen Tom Hanks-Helden in einem anderen Spielberg-Film, sowohl den Mann zu retten als auch die Brücke zu halten. (Ryan hieß der Mann, und die Brücke war in Nordfrankreich; die fiesen Uniformträger waren auch deutsch.)

Hanks also als Anwalt: Ein unwahrscheinlicher Overachiever mit galgenhumorigem Selbstironiegrinsen, Hundeblick und Dauerlaufnase im Knautschgesicht dackelt durch ein per Mauerbaumassenmisshandlungspanorama (als wären’s pharaonische Sklavenheere in einem Bibelschinken – weiter wollen wir die Moses-Anspielung nicht treiben) eingeführtes Ostberlin. Alles voller Schnee, Trümmer, unbehaglicher Räume und Bürokratiekäuze, alles in Grau. Der Stationenlauf der Meetings und Besprechungen (Drehbuchmitarbeit: die Coen-Brüder) zieht sich in Gediegenheit – als gelte der Filmtitel einer Partie Bridge bei einem guten Glaserl.

Stärker ist das pathetische Justizdrama der ersten Halbzeit: Hanks rettet den 1957 in New York verhafteten KGB-Spion Rudolf Iwanowitsch Abel (gut phlegmatisch: Mark Rylance), dessen Austausch zu vermitteln er ein paar Jahre später aufgerufen wird, vor der Hinrichtung. Er tut das, indem er verfassungspatriotisch auf die Rechte des Angeklagten pocht. Während rundum im Land die Panik vor dem atomar hochgerüsteten Systemkonflikt-Feind die (auch televisuelle) Öffentlichkeit prägt und die vorherrschende Meinung die Todesstrafe für den Sowjetagenten als gesichert annimmt, legt der Anwalt Einsprüche ein: Die Verhaftung seines Mandanten sei auf rechtsstaatlich nicht einwandfreie Weise zustande gekommen. (Allerdings ist sie auf filmisch einwandfreie Weise zustandegekommen – als Choreografie von rituell anmutenden Bewegungen und Mikrogesten anonymer Körper in urbanen Räumen, die dem Film zu seinem Auftakt einen fast wortlosen halbautonomen Kurzfilm beschert.)

Jedenfalls: Der von Hanks gespielte Anwalt – wie gesagt: Versicherungswesen ist sein Gebiet, daher seine Distanz zur martialischen Stimmung der Gesellschaft, daher auch seine Befähigung zur tauschhandelnden Schadensabwicklung und -teilwiedergutmachung – nimmt den Verteidigungsauftrag zunächst widerstrebend an. Dieser Auftrag ist zunächst bloß symbolisch gemeint: Ein lupenreines Verfahren soll den Sowjets keine Gelegenheit zur weltweiten Propaganda geben. Aber Hanks macht auch in diesem Fall mehr draus (obwohl in der allgemeinen Kalte-Kriegs-Stimmung seine Familie ihn mit Skepsis und die Öffentlichkeit ihn mit Verachtung sieht, bis hin zum nächtlichen Steinwurf durchs Wohnzimmerfenster): Ein zunächst als bloße Formalgeste gedachter Beistand erhebt sich rettend ins Existenzielle, weist staatlichen Anspruch auf Macht über das Leben in die Schranken.

Da klingt ein Echo des Tauschtricksers Oskar Schindler nach, zumal inmitten motivischer Spielbergklassik (zu angejazzter Musik, die diesmal nicht von John Williams stammt, sondern von Alfred Newman): Köpfe, auf die Glanzlicht fällt, Entscheidungskammern, in die Sonnenlicht fällt. Und dann noch alle Arten von Spiegelungen: zwischen Rückspiegeln und Vorzimmerspiegeln, Münzen als Geheimdaten- bzw. Suizidgift-Versteck, Selbstporträt und Hanksporträt aus hobbymalender Agentenhand, Subway zur Versammlung argwöhnender amerikanischer Blicke und S-Bahn zur Versammlung gewohnt arger ostdeutscher Anblicke, Glienicker Brücke und Brooklyn Bridge. Letztere – von wegen rechtsstaatliche Kritik der Mittel im unerklärten Krieg – kommt gleich nach Filmbeginn ins Bild, mit einem Plakat an ihren imposanten Säulenfüßen, das als Werbe-Logo groß den Nachnamen einer mit der uneindeutigen Teilrehabilitierung von Folter als Anti-Terror-Praxis assoziierten Filmemacherin trägt, nämlich den Schriftzug 'Bigelow'.

Benotung des Films :

Drehli Robnik
Bridge of Spies – Der Unterhändler
USA 2015 - 132 min.
Regie: Steven Spielberg - Drehbuch: Matt Charman, Ethan Coen, Joel Coen - Produktion: Kristie Macosko Krieger, Marc Platt, Steven Spielberg - Kamera: Janusz Kaminski - Schnitt: Michael Kahn - Musik: Thomas Newman - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Tom Hanks, Alan Alda, Billy Magnussen, Amy Ryan, Mark Rylance, Austin Stowell, Eve Hewson, Domenick Lombardozzi, Sebastian Koch, Michael Gaston, Stephen Kunken, Joshua Harto, Haley Rawson, Scott Shepherd, Marko Caka
Kinostart (D): 26.11.2015

DVD-Starttermin (D): 12.05.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3682448/

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